Lokales

Venezianische Nacht

KIRCHHEIM Die wenigsten Kirchheimer wissen, dass der Leiter des international gastierenden Barock-Ensembles "Il Prete Rosso", Thomas Kügler, seinen ersten Musikunterricht an den Musikschulen in

Anzeige

PATRICK TRÖSTER

Nürtingen (Blockflöte) und Kirchheim (Traversflöte) genoss. Zum ersten Abonnementkonzert im neuen Jahr lud der Kulturring das Ensemble gewissermaßen zu einem Heimspiel nach Kirchheim ein, wo es unter dem Motto "Venezianische Nacht" Musik von Antonio Vivaldi und seiner venezianischen Zeitgenossen mit barocken Instrumenten in historischer Aufführungspraxis kredenzte.

Fünf Musiker schart der Primus inter Pares in seinem Ensemble namens "Der rote Priester" in der deutschen Übersetzung, gemeint ist damit der rothaarige Komponist geistlichen Standes Antonio Vivaldi, um sich: Wolfgang Kostujak, ein gewiefter Cembalist, der mit geschmeidigen Verzierungen den akkordischen Generalbass auch melodiös ins Werk setzt; Alexander Scherf, ein temperamentvoller Barockcellist, der mit ausgefeilter Bogentechnik den letzten Schliff aus den Basslinien herauskitzelt; Lex Voss, ein fleißiger Barockoboist, der adrett das barocke Concertare aufnimmt; und die beiden einmütig musizierenden Violonisten, Judith Steenbrink und David Wish, die mit behänd abgestimmter Bogenführung die musikalischen Gesten vital und leidenschaftlich aufnehmen. Und allen voran, Thomas Kügler, ein ins Staunen versetzender Block- und Traversflötist, der mit virtuoser Leidenschaft barocke Extreme ausreizt.

In wechselnden Besetzungskombinationen trug das Ensemble abwechslungsreiche und hochvirtuose Kammermusik vor: dreisätzige Kammerkonzerte von Antonio Vivaldi in G-Dur, g-Moll und a-Moll sowie das berühmte "Tempestate di Mare" in F-Dur, viersätzige Sonaten von Ignazio Sieber in C-Dur und g-Moll und Benedetto Marcello in d-Moll sowie die berühmten Folia-Variationen des Namensgebers.

Bei den Kammerkonzerten Vivaldis konzentrierte sich Thomas Kügler auf die musikalischen Gegensätze. Bei den schnellen Ecksätzen zog er das Tempo an und spielte mit wirbelnden Fingern und stupender Zungentechnik, sodass das Publikum regelmäßig ins Staunen geriet, obwohl gelegentlich die Flöte von der eifrig miteilenden Oboe in Tutti-Einwürfen übertönt wurde. Bei den langsamen Mittelsätzen dagegen suchte er Ruhe und Ausgeglichenheit und zelebrierte die weichen Melodien mit wohltönender Schlichtheit.

Die Sieber-Sonaten, eine Entdeckung des Ensemble-Leiters, wurden in reduzierter Generalbass-Besetzung vorgetragen und wirken auf der Bühne ebenso hinreißend und leidenschaftlich wie auf der jüngst eingespielten und preisgekrönten Compactdisc. Besonders die Generalbass-Achse Cemabalo Cello erwies sich für die Entfaltung des Spitzenflötisten als gleichwertiger Partner, denn Wolfgang Kostujak und Alexander Scherf griffen mit Wonne die zugespielten Bälle auf und konterten sie technisch wie musikalisch brillant. Auch bei der Marcello-Sonate bestach dieses Team mit seiner rhythmischen Prägnanz in den schnellen und mit differenzierten Artikulationen in den langsamen Sätzen. In den Folia-Variationen traten die beiden Violinisten Judith Steenbrink und David Wish solistisch hervor. Mit sicherem Gespür für Spannungsbögen und Tempowahlen formten sie über dem weltberühmten Sarabandenbass kulminierende und retardierende Momente. In großen Klangwolken überwanden sie die Kleingliedrigkeit des achttaktigen Tanzbasses, indem sie mehrere Variationen zu größeren Einheiten zusammenschweißten.

So erwies sich das ganze Prete-Rosso-Ensemble als lauter Virtuosen, die einander letztlich in nichts nachstehen. Der dramaturgisch gut gewählte Konzertschluss mit der frühromantischen Schilderung eines Meersturmes mit barocken Kompositionstechniken in Vivaldis Concerto-Ryom-Verzeichnis (RV) 98, der nochmals alle Interpreten vereinte, verfehlte daher seine Wirkung nicht: die sechs sorgten abschließend für ein Feuerwerk, das Wogen und Herzen Bravo-Rufe evozierend höher schlagen ließ.