Lokales

"Verbissener Widerstand" der Propaganda

Heute vor 60 Jahren hat mit dem Einmarsch der Amerikaner in Kirchheim die Besatzungszeit begonnen. Erst 18 Tage später, am 8. Mai, endete der Zweite Weltkrieg mit der deutschen Kapitulation. Über beide Ereignisse konnte der Teckbote nicht mehr berichten: Die Amerikaner hatten sein Erscheinen sofort eingestellt.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Die letzte Ausgabe des Teckboten, die im Zweiten Weltkrieg erschienen ist, trägt das Datum Freitag, 20. April 1945. Sie besteht aus zwei Seiten und enthält überwiegend Artikel, die sich mit den verzweifelten Rückzugsgefechten der deutschen Wehrmacht befassen. Der Ton war freilich alles andere als re-signierend, denn die einzige Informationsquelle war das "Deutsche Nachrichtenbüro". Dessen Kürzel "dnb" prangt jeweils an der Spitze der Frontberichte in jener Ausgabe.

Schon 1933 hatte das Propagandaministerium dafür gesorgt, dass die bis dahin wichtigsten Nachrichtenagenturen fusionierten und fortan als "dnb" Mitteilungen verbreiteten, die der Staats- und Parteispitze genehm waren. Im gesamten Deutschen Reich sahen sich die Zeitungen gezwungen, Inhalt und Ton dieser Agenturmeldungen zu übernehmen. Andernfalls wurden die Blätter umgehend mit einem Erscheinungsverbot belegt. Auch mit "unliebsamen" Verlegern und Redakteuren sprangen die neuen Machthaber nicht gerade zimperlich um.

Wenn im Deutschen Reich gegen Ende des Krieges auch alles zusammenbrach die Propagandamaschinerie des Reichsministers Dr. Joseph Goebbels funktionierte bis zum Schluss reibungslos. So sind die Frontberichte zwar sehr verwirrend und springen permanent zwischen Atlantikküste, Mittelitalien, "Mährischer Senke", Nürnberg, dem nördlichen Schwarzwald und unzähligen weiteren Kriegsschauplätzen hin und her. Aber schon aus den Zwischenüberschriften geht das Einschwören der Bevölkerung auf die "Endsieg"-Gläubigkeit deutlich hervor. "Lage an der Elbe unverändert", heißt es da, "Durchbruchsabsichten vereitelt", "Wieder 218 Sowjetpanzer vor Berlin vernichtet" oder "Verbissener Widerstand westlich der Lausitzer Neiße".

Laut offiziöser Agenturberichte gab es nicht nur "Schwere Abwehrkämpfe im Süden der Ostfront", sondern sogar "Erfolgreiche Gegenangriffe an der Nordflanke". Mit genauem Kalkül werden Emotionen geweckt: "Vorbildliche Pflichterfüllung unserer Kämpfer zwischen Ruhr und Rhein". Dieses Wir-Gefühl sollte durch verächtliches Abwerten der Gegner verstärkt werden mit entsprechend eindimensionalen Schlagwörtern wie in folgender Überschrift: "Dem bolschewistischen Massenandrang standgehalten".

Nach solchen Schilderungen der Lage hätte sich die Bevölkerung in ganz Deutschland verwundert die Augen reiben müssen, wenn noch am selben Tag wie eben in Kirchheim an jenem Freitag im April die gegnerischen Soldaten anrückten, ob es sich nun um "Bolschewisten" handelte, um "britisch-kanadische Verbände", "Anglo-Amerikaner" oder schlicht um "Nordamerikaner". Aber schließlich blieb es ja jedem einzelnen selbst überlassen, wie viel Glauben er der Propaganda aus Berlin schenken wollte.

Und für Propaganda gab es an jenem 20. April 1945 noch einmal einen der beliebtesten Anlässe: Minister Goebbels hatte am Abend zuvor, "am Vorabend des Führergeburtstages", eine Rundfunkansprache gehalten, deren Wortlaut vom "dnb" verbreitet wohl zum Pflichtbeitrag in allen deutschen Tageszeitungen gehörte, die zu diesem Zeitpunkt noch erschienen. In der letzten Teckboten-Ausgabe vor Kriegsende nimmt die Rede immerhin ein Drittel des gesamten Blatt-Umfangs ein. Goebbels bemüht die "germanische Gefolgschaftstreue" gegenüber Hitler und behauptet: "Wir werden nicht wanken und nicht weichen, wir werden ihn in keiner Stunde, und sei es die atemberaubendste und gefährlichste, im Stich lassen. Wir stehen zu ihm wie er zu uns". Schon die nächsten Tage zeigten, dass sich der Reichspropagandaminister auch in diesem Punkt kolossal geirrt hat.

An anderen Stellen seiner Rede sollte Goebbels Recht behalten, wenn auch unter völlig umgekehrten Vorzeichen. So meinte er, dass "ein neuer glücklicher Anfang" zu einer Blütezeit führen werde: "Deutschland wird nach diesem Kriege in wenigen Jahren aufblühen wie nie zuvor. Seine zerstörten Landschaften und Provinzen werden mit neuen, schöneren Städten und Dörfern bebaut werden, in denen glückliche Menschen wohnen. Ganz Europa wird an diesem Aufschwung teilnehmen. Wir werden wieder Freund sein mit allen Völkern, die guten Willens sind, werden mit ihnen zusammen die schweren Wunden, die das edle Antlitz unseres Kontinents entstellen, zum Vernarben bringen. Auf reichen Getreidefeldern wird das tägliche Brot wachsen, das den Hunger der Millionen stillt, die heute darben und leiden. Es wird Arbeit in Hülle und Fülle geben, und aus ihr wird als der tiefsten Quelle menschlichen Glücks Segen und Kraft für alle entspringen. Das Chaos wird gebändigt werden. Nicht die Unterwelt wird diesen Erdteil beherrschen, sondern Ordnung, Frieden und Wohlstand."

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Im Wesentlichen ist es tatsächlich so gekommen, wie an dieser Stelle von Joseph Goebbels vorausgesagt. Allerdings hatten der von ihm verherrlichte Hitler, seine Partei und deren Schergen für das "Chaos" gesorgt. "Ordnung, Frieden und Wohlstand" musste sich das Volk dagegen nach Ende des Krieges selbst verschaffen. Ohne die Unterstützung der einstigen Gegner vor allem der "Nordamerikaner", die heute vor 60 Jahren die Stadt Kirchheim besetzten , wäre dieser Aufschwung aber niemals möglich gewesen.

Lokales vor 60 JahrenFernab von Berlin und den Geschehnissen im "Führerbunker" kümmerten sich die Menschen im Verbreitungsgebiet des Teckboten vor 60 Jahren den wenigen lokalen Notizen und Kleinanzeigen zufolge um die Bewältigung des Alltags. Amtliche Bekanntmachungen bezogen sich auf die Fett-, Reis-, Käse-, Quark- oder Zuckerrationen, die auf die Lebensmittelsonderkarte des Kreises Nürtingen "zum Bezug freigegeben" waren, "solange Vorrat reicht". Unter dem Stichwort "Zuteilung von Eiern" hieß es: "Auf die Einzelabschnitte 15 18 der Reichseierkarte werden weitere 4 Eier soweit angeliefert abgegeben." Die Bevölkerung kannte sich also bereits vor Kriegsende bestens aus mit den vielen, aus heutigem Blickwinkel recht unübersichtlichen Zahlen und Tabellen, die die Zuteilung von Lebensmitteln noch auf lange Zeit hinaus genauestens regeln sollten.

Den größten Anteil an den Kleinanzeigen hatten heute vor 60 Jahren Gesuche und Angebote der Tauschbörse. Zwei Paar gut erhaltene Kinderschuhe sind abzugeben im Tausch gegen "Dreirädchen oder Roller". Für "2 Bettstellen und 2 Schlafdecken, ungebr." wird ein Damenfahrrad gesucht. Für ein "Pritschenwägele, tadell. erhalten" samt einer Zwei-Liter-Thermosflasche soll ein "größerer Handwagen" eingetauscht werden. Auch Transportprobleme werden per Kleinanzeige zu lösen gesucht: "Welches Auto nimmt zwei Patentbettröste von Stuttgart nach Kirchheim mit?" lautet eine der Fragen an die Leserschaft, eine andere "Wer nimmt Brief mit nach Heidenheim?" Das Postwesen hatte vor dem Kriegsgeschehen wohl bereits kapitulieren müssen.

INFOZwischen 16. Juni und 23. Oktober 1945 gab es in Kirchheim ein Mitteilungsblatt, das Gesetze der Militärregierung und Bekanntmachungen verkündete. Es erschien zweimal in der Woche, hieß zunächst noch "Der Teckbote", später "Die Teck". Eine Kirchheimer Zeitung gab es dann erst wieder ab 12. September 1948, als sonntägliche Wochenschrift mit dem Titel "Heimat-Rundschau". Ab 12. Februar 1949 wurde daraus die "Teck-Rundschau", die erste Kirchheimer Tageszeitung nach dem Krieg. Der angestammte Name "Der Teckbote" war erst wieder ab 2. Januar 1954 erlaubt.