Lokales

Verdienstvoller Einsatz für den Erhalt der Kulturlandschaft

Wer sich nach dem Winter auf den Frühling und auf die malerische Blüte der Streuobstwiesen freut, der verdankt diesen optischen Genuss den über 4 000 Mitgliedern der 33 Obst- und Gartenbauvereine im Altkreis Nürtingen, deren Kreisverband am Freitagabend seine Jahreshauptversammlung hatte. Im Zentrum der Veranstaltung stand Ulrich Rieker, der nach 15 Jahren seinen Abschied nahm und den Kreisvorsitz an Altdorfs Bürgermeister Joachim Kälberer übergab.

RALPH GRAVENSTEIN

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WOLFSCHLUGEN Seit zwei Jahren war alles ein wenig anders gewesen im Vorstand: Für Ulrich Rieker, der sein 70. Lebensjahr vollendet hat, wurde die Doppelbelastung als Vorsitzender des Kreisverbands der Obst- und Gartenbauvereine Nürtingen und als 2004 neu gewählter Präsident des Landesverbands Obstbau, Garten und Landschaft doch ein wenig viel. Dass Rieker nun nach knapp 15 Jahren anlässlich der Jahreshauptversammlung in Wolfschlugen nicht mehr für den Posten des Kreisvorsitzenden kandidierte, war aus seiner Sicht nur konsequent: "Ich wollte nicht vorzeitig abtreten und den Verband hängen lassen, aber ich denke, nun sollte ein anderer dieses Amt übernehmen", so Rieker, der sich künftig auf die Arbeit im Landesverband konzentrieren möchte. Das traf zwar auf großes Bedauern, aber auch auf Verständnis der knapp 200 Delegierten aus den 33 Obst- und Gartenbauvereinen aus dem Altkreis Nürtingen, die am Freitag in der Festhalle in Wolfschlugen zusammengekommen waren, um "ihren Uli" zu verabschieden und einen geeigneten Nachfolger zu küren.

Zuvor galt es jedoch Jahresbilanz zu ziehen: Vielfältige Aktivitäten sowohl der lokalen Vereine als auch des Kreisverbands sorgten dafür, dass auch im vergangenen Jahr die Kulturlandschaft am Fuße der Alb ihr typisches Gesicht bewahrt hat. Wie Schriftführerin Ursula Kerner berichtete, zählten dazu jedoch beileibe nicht nur Fortbildungsveranstaltungen für Fachwarte und Vereinsmitglieder, sondern auch zahlreiche Einladungen an Interessierte, sich mit dem Thema Obst- und Gartenbau zu befassen. Schnittkurse gehörten ebenso zu den Angeboten an die Mitglieder wie Einblicke in den Spargelanbau in der Region.

Zwei Informationstage wurden veranstaltet, die jedoch eher gemischte Resonanz erfuhren: Waren die Vormittagsangebote rund ums Pflanzen und Hegen für Schüler mit einem großen Echo gesegnet, so wurden ähnliche Angebote am Nachmittag, die speziell für Erwachsene gedacht waren, kaum angenommen. Besser sah da die Beteiligung am Mostfest im Freilichtmuseum Beuren aus, wo der Kreisverband stolze 212 Obstsorten vorstellte und damit für staunendes Publikum gesorgt hatte.

"Ich mache mir ein wenig Sorgen um den Obst- und Gartenbau in unserer Region", zog Ulrich Rieker Bilanz: "Der Streuobstanbau ist ein wesentlicher Teil im Erscheinungsbild unserer Heimat, wenn wir jedoch zu wenig Nachwuchs für die Vereine bekommen, könnte die Pflege dieser Kulturlandschaft zur unlösbaren Aufgabe werden."

Eine Chance, auf lokaler Ebene neue Mitglieder für seinen Verein zu gewinnen, präsentierte Gastgeber Manfred Willemsen, der als Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Wolfschlugen von einem Projekt berichtete, das vor allem das Interesse junger Familien wecken könnte. Eine neue Kleingartenanlage soll in der Gemeinde dazu beitragen, dass der Obst- und Gartenbau mit seiner Bedeutung für Naherholung und Pflege der Landschaft stärker ins Bewusstsein von Bürgern rückt, die sich mit diesem Thema bisher noch nicht befasst hatten. Wer eine Parzelle haben möchte, sollte dem Verein beitreten, so die Idee dahinter.

Freilich ist die Freude am Obstertrag vom eigenen Baum auch das Ergebnis von reichlich Arbeit und Wissen: So strich Dr. Ulrich Noll, Fraktionsvorsitzender der Liberalen im Landtag, in seinem Grußwort heraus, dass die Verdienste der Obst- und Gartenbauvereine für den Erhalt der Kulturbestände gar nicht hoch genug zu bewerten seien: "Sie schützen die Natur", so seine Kurzformel. Eine Auffassung, die auch Albrecht Schützinger als Fachberater und Vertreter des Landratsamts Esslingen vertrat: "Sie theoretisieren nicht, Sie tun etwas für unsere Landschaft", so Schützinger, der als Beleg für dieses Tun das Streuobst- und Gartenjahr ebenfalls noch einmal Revue passieren ließ. So sei 2006 von reichem Ertrag und wenig Verlust durch Schädlinge geprägt gewesen, obwohl der heiße Sommer die Baumbestände erneut gestresst habe. Lob hatte Schützinger auch für die gemeinsamen Aktivitäten der Kreisverbände im Landkreis Esslingen übrig, die sich neuerdings zu Gesprächen auf Vorstandsebene regelmäßig treffen. Durchaus kritisch nahm der stellvertretende Kreisverbandsvorsitzende Wolfgang Beck dieses Lob auf, sei von der Anerkennung des Landratsamts für die Arbeit der Obst- und Gartenbauvereine in der Praxis doch wenig zu spüren. Dies waren aber auch die einzigen ernsten Worte, welche in der insgesamt eher fröhlichen Hauptversammlung fielen.

Zentrales Thema war der Abschied von Ulrich Rieker, der bei den Wahlen mit Altdorfs Bürgermeister Joachim Kälberer einen sorgfältig ausgewählten Nachfolger fand. Und Kälberer tat es in seiner humorvollen Bewerbungsrede Wahlleiter Günter Stolz, stellvertretender Präsident des Landesverbands Obstbau, Garten und Landschaft, gleich: Der sorgte mit launiger Moderation für die zügige Neubesetzung des Vorstands. Gemeinsam mit Rieker verabschiedeten sich Christian Gruel (Owen), Manfred Gänzle (Zizishausen) und Rudolf Hepperle (Neidlingen) aus der Führung des Kreisverbands. Neu in dieses Gremium gewählt wurden Kurt Hepperle (Neidlingen), Mario Drexler (Jesingen) sowie Doris Eberspächer (Frickenhausen). Alle Vorstandsmitglieder wurden einstimmig gewählt. Und einstimmig war auch die Dankbarkeit der Delegierten für die geleistete Arbeit, die den scheidenden Beiräten und besonders dem bisherigen Kreisvorsitzenden Ulrich Rieker von allen Seiten ausgesprochen wurde. Eine bronzene Medaille des Landesverbands aus den Händen von Günter Stolz sowie Karten für ein Klavierkonzert im Neuen Schloss in Stuttgart, waren für Rieker sichtbare Zeichen dieser Dankbarkeit. Der revanchierte sich ganz nach Gärtnerart bei seinen bisherigen Mitstreitern: Eine gekeimte Hyazinthenzwiebel als Symbol für den Neubeginn gab er den Vorstandsmitgliedern mit auf den Heimweg.