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Verein soll Hilfenetz für Betagte knüpfen

In den eigenen vier Wänden alt werden zu können, ist das Bestreben vieler Senioren. Damit dieser Wunsch auch ohne Verwandte am Ort verwirklicht werden kann, soll in Weilheim nach dem Vorbild des "Lenninger Netzes" ein Verein gegründet werden, der das "Betreute Wohnen zu Hause" ermöglicht.

ANKE KIRSAMMER

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WEILHEIM Der Umzug ins Pflegeheim muss in Notsituationen nicht die einzige Lösung sein. Eindrücklich hatte Inge Hafner, Altenhilfefachberaterin des Landkreises Esslingen, das im März in einer Infoveranstaltung zum "Betreuten Wohnen zu Hause" in der Limburghalle vor rund 300 Gästen dargestellt. Notwendig sei in der Krise vielmehr ein Management der Hilfen. Und genau das soll nun in Weilheim aufgebaut werden. "Im Alter in den eigenen vier Wänden wohnen zu können, ist nicht nur am sozialverträglichsten, sondern auch wirtschaftlich günstig", erklärte Bürgermeister Hermann Bauer in jüngster Gemeinderatssitzung dazu. "Wir sollten deshalb gemeinsam versuchen, Antworten zu finden."

Schon seit einem halben Jahr befasst sich ein Kreis von Leuten des Weilheimer Seniorenforums mit dem Thema "Betreutes Wohnen zu Hause." Jetzt sieht der Verwaltungschef die Zeit für eine Weichenstellung gekommen. Bauer empfahl dem Ratsgremium, zur Bündelung der Hilfen wie in Lenningen die Organisationsform eines Vereins zu wählen. Er selbst bot die Mitarbeit im Vorstand an. "Den Vorsitz sollte aber jemand anders übernehmen, damit nicht der Anschein erweckt wird, die Stadt sei allein verantwortlich," erklärte der Schultes. Deshalb riet er auch von der Alternative ab, das "Betreute Wohnen" unter dem Dach des Seniorenforums zu verankern. Das sah auch das Ratsgremium so und votierte einstimmig dafür, die Organisationsform des Vereins anzustreben. Die Stadt würde dem Verein mit einer Anschubfinanzierung von jeweils 3500 Euro in diesem und im kommenden Jahr aus den Startlöchern helfen, als förderndes Mitglied beitreten und durch Vertreter in den Gremien mitarbeiten. Auch die beiden Stadträte Albrecht Narr und Eva Haußmann haben sich bereiterklärt, sich in einem solchen Netz einzubringen.

Als nächster Schritt soll innerhalb des Seniorenforums ein Arbeitskreis gebildet werden, darüber hinaus stehen Gespräche mit möglichen Kooperationspartnern wie Kirchen, Vereinen, Diakoniestation, Krankenpflegevereinen, Nachbarschaftshilfen und DRK an.

Ziel ist, ein aus ehrenamtlichen und professionellen Dienstleistungen bestehendes Netz zu knüpfen, in dem Hilfen von Diakoniestation, Krankenpflegevereinen und DRK integriert sind; Hilfen für den handwerklichen Bereich oder den Haushalt, ein Einkaufsservivce, Essen auf Rädern, ein Hausnotruf und andere Angebote, die den Alltag erleichtern, sollen von den Betagten ebenfalls dazugebucht werden können. Während der Besuchsdienst und die Führung des Vereins auf ehrenamtlicher Basis arbeiten, soll für die Vermittlung der verschiedenen Hilfen eine kompetente hauptamtliche Kraft eingestellt werden, die sich auch um die Ausbildung der Ehrenamtlichen kümmert. Wer Hilfe benötigt, schließt dazu einen Betreuungsvertrag.

Für die Grundleistungen bezahlen Einzelpersonen in Lenningen beispielsweise 75 Euro. Wahlleistungen können gegen einen relativ geringen Obolus dazugebucht werden. Auch kann ein so genannter Optionsvertrag abgeschlossen werden, um sich für den Notfall die Hilfeleistung zu sichern. Falls der Wunsch besteht, könnte der Verein seine Dienste auch in den Nachbargemeinden anbieten. Sie müssten dazu allerdings ebenfalls dem Verein beitreten.

Ein Plädoyer für das Projekt hielt in der Sitzung auch Erika Jahke, Vorsitzende des Weilheimer Seniorenforums: "Vor allem Alleinstehenden macht Altwerden Angst; sie fürchten, den Anforderungen des Alltags nicht mehr gerecht zu werden und in Vergessenheit zu geraten." Besonders attraktiv hält sie an dem Konzept des "Betreuten Wohnens", für sämtliche Belange einen Ansprechpartner zu haben.

Stadträtin Gerda Schrägle gab zu bedenken, dass sich jüngere Leute angesichts des demografischen Wandels die Pflege nicht mehr leisten könnten. "Nötig ist deshalb die Solidargemeinschaft zwischen den fitten Älteren und denen, die auf Pflege angewiesen sind." Martina Herrlinger lobte die angestrebte Bündelung der Kräfte und meinte: "Es wird Zeit für eine solche Einrichtung."

Die zuvor in der Sitzung vorgestellte Veränderung der Altersstruktur in Weilheim zeigt ebenfalls auf, dass es in den kommenden Jahren einen erheblichen Bedarf an Angeboten für Betagte geben wird: 2163 Weilheimer waren im Jahr 2004 älter als 60 Jahre. Das entspricht 22,5 Prozent der Bevölkerung. Im Jahr 1970 zählten 1000 Einwohner weniger zu dieser Altersgruppe.