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Verfolger im Liebeswahn kassieren Anzeigen

Seit neun Monaten ist "Stalking" als Straftat im Gesetz verankert. Dass Menschen andere aus Liebe oder Rache wie besessen verfolgen und terrorisieren, kommt nämlich nicht nur in Promi-Kreisen vor. Oft werden Ex-Partner, Nachbarn, Kollegen oder sogar flüchtige Bekannte zu Opfern auch in Kirchheim.

BIANCA LÜTZ

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KIRCHHEIM Katharina Witt, Steffi Graf, Madonna und Steven Spielberg haben eines gemeinsam: Sie alle sind Opfer von fanatischen Fans geworden, die sie verfolgten, sie bedrohten und ihnen teilweise sogar Gewalt antaten. Stalking ist aber keineswegs ein Phänomen, das sich ausschließlich auf Promis bezieht. Opfer kann jeder werden, überall.

Lange Zeit gab es keine angemessene rechtliche Handhabe gegen fanatische Verehrer oder rachsüchtige Partner, die ihre Opfer mit Liebesschwüren überhäufen, ihnen nachstellen und sie bedrohen. Vor einem dreiviertel Jahr jedoch ist in Deutschland das neue Anti-Stalking-Gesetz in Kraft getreten, das das Nachstellen unter Strafe stellt. Es soll Betroffenen erleichtern, gegen ihre Peiniger vorzugehen. Eine Wirkung zeichnet sich bereits jetzt ab.

So hat die Polizeidirektion Esslingen vergangenes Jahr knapp 90 Vorgänge registriert, die mit Stalking zu tun haben. "Allerdings ist nicht bei allen Anzeige erstattet worden", berichtet Michael Schaal von der Pressestelle. Auch in Kirchheim sind seit Inkrafttreten des Gesetzes mehrere Stalking-Fälle gemeldet worden. "Wir haben schon zehn Anzeigen bearbeitet", sagt Thomas Pitzinger, Leiter des Kirchheimer Polizeireviers.

Seiner Ansicht nach ist das neue Gesetz durchaus sinnvoll. "Es deckt eine bisher vorhandene Lücke ab", so Pitzinger. Auch Helmut Gagg von der Außenstelle Esslingen des Weißen Rings ist froh, dass es in Deutschland endlich ein solches Gesetz gibt. Seine Organisation hatte sich jahrelang dafür eingesetzt. "Früher war es für Betroffene sehr mühsam, gegen Stalker vorzugehen", weiß er. Jede im Nachstellen enthaltene Straftat wie Bedrohung, Körperverletzung oder Beleidigung musste einzeln angezeigt werden. "Jetzt sind die Tatbestände zusammengefasst."

Das Gesetz ermöglicht es der Polizei, gezielt gegen Stalker vorzugehen. Wer andere durch Nachstellen und Verfolgen in dessen Lebensgestaltung schwer beeinträchtigt, riskiert eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Was genau eine schwere Beeinträchtigung ist, ist so kurze Zeit nach Inkrafttreten des Gesetzes aber auch unter Experten noch strittig. "Das wird erst durch die laufende Rechtsprechung klar werden", glaubt Pitzinger. "Bis der Tatbestand erfüllt ist, muss schon sehr viel passiert sein", weiß Claudia Krauth, Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Stuttgart. Der aktuellen Rechtslage nach müsse das Opfer beispielsweise auch umziehen und den Arbeitsplatz wechseln. Anzeigen sind bei der Staatsanwaltschaft schon einige eingegangen. "Aber nur wenige Fälle haben bis zur Anklage ausgereicht."

Ohnehin: Stalking hat viele verschiedene Gesichter. Mal lauern Stalker ihren Opfern auf und verfolgen sie, mal bombardieren sie ihre Angebeteten mit E-Mails oder Telefonanrufen. Betroffen sind Frauen ebenso wie Männer. Oft wissen die Opfer, wer sie belästigt, Motive sind oft Liebe oder Rache. Auch in Kirchheim sind Anzeigen zu ganz unterschiedlichen Formen des Stalkings eingegangen. "Da ist alles dabei, vom SMS-Schicken bis zum eigentlichen Nachstellen", berichtet Thomas Pitzinger. Eine Frau zum Beispiel sei äußerst hartnäckig von einem Stalker verfolgt worden: Er habe ihr einen Brief auf das Dach ihres Autos gelegt, das wohlgemerkt in einer abgeschlossenen Garage abgestellt war. Als die Frau umzog, um dem Psychoterror ein Ende zu setzen, hatte ihr Verfolger die neue Adresse in kürzester Zeit wieder herausgefunden.

Egal, wie sie andere terrorisieren das Ziel von Stalkern ist immer das gleiche: Macht und Kontrolle über ihre Opfer zu erlangen. Genau aus dieser Opferrolle müssen sich Betroffene befreien. Dazu ist es aus Sicht von Polizei und Psychologen ganz wichtig, die Pein nicht alleine zu ertragen, sondern so schnell wie möglich professionelle Hilfe zu suchen.

Die gibt es unter anderem bei Beratungsstellen. Eine davon ist die psychologische Beratungsstelle für Familie und Jugend des Landkreises Esslingen. Dort arbeitet Edmund Keil als Diplom-Psychologe. "Man sollte eine solche Bedrohung auf keinen Fall für sich behalten", betont er. Ein Hindernis dürfe es auch nicht sein, wenn der Stalker beispielsweise damit drohe, unangenehme Details über das Liebesleben oder Ähnliches publik zu machen, falls das Opfer nicht schweige. "Diesen Kreislauf muss man durchbrechen", so Keil. Psychologische Untersützung geben die Beratungsstellen. "Bei massivem Stalking sollten die Betroffenen aber auf jeden Fall gleichzeitig den offiziellen Weg gehen und Anzeige erstatten." Es sei allgemein bekannt, dass der Gang zur Polizei ein wirkungsvolles Mittel gegen Stalker ist. Dazu kommt, dass beim Nachstellen immer auch die Gefahr körperlicher oder sexueller Angriffe besteht.

Ganz wichtig ist es Beratern und Polizei zufolge, den Kontakt zum Stalker komplett abzubrechen und Beweismaterial zu sichern: Anrufe notieren, E-Mails ausdrucken und jeden Besuch vermerken. Solche Aufzeichnungen können später auch als Beweismittel vor Gericht dienen.

INFOBetroffene finden im Internet unter www.polizei-beratung.de/rat_hilfe/opferinfo/stalking/ ein Merkblatt der Polizei.Rat und Hilfe bieten unter anderem folgende Beratungsstellen an:Psychologische Beratungsstelle des Landkreises: 07 11/39 02-26 71Weißer Ring Esslingen: 0 71 53 / 6 12 99 99Sozialer Dienst Kirchheim: 0 70 21/50 23 64Bezirkssozialdienst: 07 11/39 02 29 63