Lokales

Vergnügen hinter den sieben Bergen

Ballettschule Dagmar Lincke führte das Tanzstück „Schneewittchen“ auf

Kirchheim. Wenige Augenblicke genügten, um bei dem Tanzstück „Schneewittchen“, das die Ballettschule Dagmar Lincke in der Kirchheimer Stadthalle dreimal vor jeweils ausverkauftem Haus zeigte,

Gerhard Fink

tief in die Welt der Märchen einzutauchen. Bereits der in ein mythisches Licht getauchte Prolog machte das triste Wetter und eventuellen vorweihnachtlichen Stress vergessen und die Aufmerksamkeit des Publikums gehörte ganz dem Bühnengeschehen. Keine opulente Kulisse war dazu erforderlich: Wenige Requisiten und zwei nachgerade suggestiv wirkende Lichtarrangement genügten (Bühne und Ausstattung: Hans Jörg Rapp und Annette Angelmaier), um den Szenenwechsel zwischen der höfischen Welt und den Schauplätzen hinter den sieben Bergen zu verdeutlichen.

Ein Fest der Kostüme waren die Aufführungen allemal. Mit viel Geschmack, mit Humor und Hintersinn zusammengestellt (verantwortlich Stefanie Ambros) unterstützten sie die Wirksamkeit der einzelnen Szenen maßgeblich und beflügelten ihre jeweiligen Träger sichtbar. Entsprechend „wohlverpackt“ lässt sich eben vortrefflich dienern, salutieren, schneidern, jagen und auch frech sein. Die Bandbreite der ausgewählten Musiktitel führte zumindest um den halben Erdball von Südamerika bis nach Norwegen. Wohltuend, dass dabei auf sinfonische Breitwand­effekte zugunsten von intimen Instrumentalarrangements weitgehend verzichtet wurde. Sie entsprachen den Möglichkeiten der Übertragungsanlage wesentlich besser und rückten den Tanz selbst noch mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Der allen ja bestens vertraute Handlungsstrom wird in der Choreografie, die Dagmar Lincke und Karin Ould-Chi gestalteten und einstudierten, vielfältig angereichert durch Tanz­episoden, die stets weit mehr waren, als nur dekoratives Divertissement. Sie machten den emotionalen Kern der Geschichte erlebbar und dienten als kunstvoll ausgestaltete Rahmenhandlung, vor der sich die Charaktere der Hauptakteure erst so richtig entfalteten. Und sie gaben gleichzeitig allen Tänzergruppen die Gelegenheit, einen Beitrag zum Gelingen des Ganzen zu leisten – famos abgestimmt auf die jeweiligen Altersgruppen.

Das klassische Bewegungsrepertoire des Balletts wurde dabei um viele Facetten des modernen Ausdruckstanzes und um Aktionen aus jugendlicher Spontaneität heraus bereichert – das Ganze aber blieb dabei stets zurückgebunden an anspruchsvolle Bewegungskunst, die als vornehmstes Ziel der Balletterziehung gelten darf. Atmosphärisch besonders eindrucksvoll gerieten die naturbezogenen Szenen wie der Tanz der Bäume und das Sturmgebraus, Anlass zum Schmunzeln gaben die Auftritte der Hofleute, der Tanz der Hirsche – trotz eingeflochtenem „Meuchelmord“ an einem der Vierbeiner – und die entzückenden Darbietungen der Waldgeister, der Äpfel und der Pudel – um nur einige herauszugreifen.

Die Zwergenriege gewann die Herzen der Zuschauer im Nu: Einerseits erwiesen sich diese kleinen Schelme bereits beim ersten Auftritt als sportlich durchtrainiert und überaus agil. Das sympathisch faule „Geräkel“ beim Aufstehen ließ andererseits erkennen, dass sie zu den aufdringlich emsigen Heinzelmännchen größtmögliche Distanz wahren. Und sie sind nicht nur empfänglich für Streicheleinheiten, sondern auch zu großer Emotion fähig: Ihre Trauer um das scheinbar hingemordete Schneewittchen übertrug sich – unterstützt durch den bewegenden Tanz der Trauernden – durchaus hautnah auf das Publikum.

Die Dämonie der dem Schönheitswahn verfallenen Königin wird von Leonie Kugler glaubwürdig und tänzerisch brillant verkörpert: boshaft, gefallsüchtig und vom Neid zerfressen agiert sie bis zu ihrem unrühmlichen Abgang im Finale. Ihre fatale Performance wird in der Tanzerzählung als Entwicklung gedeutet, die den höfischen Schranzen eine erhebliche Mitverantwortung zuspielt: Schlichte Eitelkeit, vielfältig angestachelt durch ein Heer professioneller Mode-Laffen von den Maniküren bis zu den zudringlichen Couturiers, steigert sich bis zu einem Zustand, in dem nur noch der Mord an der Rivalin als Ausweg bleibt. Amüsant wird in den entsprechenden Szenen herausgestellt, wie der Kampf um das bestmögliche Erscheinungsbild nicht spurlos am Nervenkostüm der gekrönten Dame vorbeigeht und ihre temporäre Ungnade subversives Verhalten in ihrer Umgebung heraufbeschwört – bis hin zu den Pudeln, die gänzlich „unroyal“ mal schnell das Bein heben. Und wie provokant und gnadenlos können Spiegel sein.

Unaffektiert und mit natürlicher Geschmeidigkeit bewegte sich dagegen Schneewittchen, das sich mühelos bei Hofe und in der Zwergenwelt zurechtfand und mit Anmut die Herzen ihrer tanzenden Umgebung und die des Publikums für sich gewinnen konnte. Da hatte die königliche Zicke wirklich keine Chance. Trefflich unterstützt von ihrem Prinzen tanzte das Stiefkind im Finale in eine bessere Zukunft hinein. Den begeisterten Zuschauern war es recht so.

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