Lokales

Vermehrt Täter-Opfer-Ausgleich

Weniger Straftaten insgesamt – Mehr Rohheits- und Gewaltdelikte

Brutale Gewalttaten einzelner Jugendlicher erschrecken die Bevölkerung und lösen Diskussionen über ein schärferes Jugendstrafrecht aus. Die Jugendhilfe des Landkreises spricht sich klar dagegen aus, solange das bisherige Jugendstrafrecht nicht ausgeschöpft wurde. Sie setzt vielmehr auf den Ausbau sozialer Trainingskurse und anderer Maßnahmen wie den Täter-Opfer-Ausgleich.

richard umstadt

Kreis Esslingen. Zwei Feststellungen, die Sozialdezernent Dieter Krug im Jugendhilfeausschuss für den Landkreis Esslingen traf, sind interessant: Zum einen bewältigt die Mehrheit der jungen Menschen zwischen 14 und 20 Jahren das Erwachsenwerden, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. Lediglich rund vier Prozent kamen 2007 mit der Jugendgerichtshilfe in Kontakt. Zum anderen stiegen die Fallzahlen beim Täter-Opfer-Ausgleich von 54 im Jahr 1999 auf 210 Fälle im vergangenen Jahr. Dadurch ist die Kapazitätsgrenze des Vermittlers im Landkreis Esslingen bereits überschritten. „Wir werden hier nachbessern müssen“, war Sozialdezernent Krug überzeugt, denn auch die Fallzahlen der Jugendgerichtshilfe weisen im Dreijahresvergleich einen Anstieg von 1 448 im Jahr 2005 auf knapp 2 000 im vergangenen Jahr auf.

Beim Täter-Opfer-Ausgleich vermittelt die Jugendgerichtshilfe dem auffälligen Jugendlichen im Vorfeld einer Gerichtsverhandlung ein Gespräch mit seinem Opfer, um den vorausgegangenen Konflikt zu lösen und einen Schadensausgleich zu erreichen. In der Regel kann dadurch auf das förmliche Gerichtsverfahren verzichtet werden.

Außer dem Täter-Opfer-Ausgleich vermittelt und koordiniert die Jugendgerichtshilfe auch Arbeitsauflagen in Altersheimen, Jugendhäuser, Krankenhäuser, bei Sozialdiensten, Kirchen und Vereinen. Darüber hinaus gibt es, je nach Art des Verstoßes, Verkehrserziehungskurse, das Kaufhausinformationsprojekt, soziale Trainingskurse, erzieherische Gespräche, das Projekt „Fred“ bei der Drogenberatung und die Schadenswiedergutmachung.

Laut polizeilicher Kriminalstatistik 2007 – sie wurde von Kriminalhauptkommissar Horst-Jürgen Bauer dem Jugendhilfeausschuss vorgestellt – geht die Zahl der Straftaten von Kindern im Landkreis Esslingen seit 2001 zurück, bei Jugendlichen ist sie fast linear und bei den Heranwachsenden stagnieren die Fallzahlen auf hohem Niveau. Während die Zahl der Straftaten bei deutschen Jugendlichen und Heranwachsenden leicht zunimmt, ist sie bei nichtdeutschen Jugendlichen und Heranwachsenden im Sinken begriffen.

Gibt die Gesamtzahl der Straftaten eher Anlass zur Entwarnung, so zeigt ein Blick auf die Tatverdächtigenstatistik, dass sowohl in Baden-Württemberg als auch im Kreis Esslingen Rohheits- und Gewaltdelikte zunehmen. Bei Jugendlichen stieg die Zahl der Rohheitsdelikte von 2004 bis 2007 von 258 auf 358 und bei Heranwachsenden von 225 auf 272 an.

Bei der Gewaltkriminalität stiegen die Zahlen im gleichen Zeitraum bei Jugendlichen von 135 auf 190 und bei Heranwachsenden von 104 auf 130. Ein Blick auf den Zehnjahresvergleich zeigt, dass sich zwischen 1998 und 2007 ihre Zahl gar verdoppelte von 49 auf 95 bei Kindern, von 196 auf 358 bei Jugendlichen und von 140 auf 272 bei Heranwachsenden, was unter anderen daher rührt, dass solche Straftaten verstärkt angezeigt werden und die Dunkelziffer nicht mehr so hoch ist, wie Kriminalhauptkommissar Horst-Jürgen Bauer erklärte.

Die Gewalt- und Straßenkriminalität zu bekämpfen, nannte Bauer denn auch als eine der Kernaufgaben der Polizei. Deshalb verstärkte die Polizeidirektion die Zahl ihrer Jugendsachbearbeiter, was wiederum dazu führte, dass mehr Straftaten ermittelt und aufgeklärt wurden.

Die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses des Kreistags waren sich einig, die Jugendgerichtshilfe möglichst rasch mit mehr Personal auszustatten. Im Zuge der Etatberatungen 2009 soll darüber gesprochen werden. „Wir müssen in Zukunft mehr Mittel einsetzen, um den Jugendlichen die Chance zu geben, mit sich und ihrer Gesellschaft klarzukommen“, sagte Susanne Matt, SPD. Matthias Gastel, Grüne, sah den Erfolg beim Täter-Opfer-Ausgleich erst dann gegeben, wenn dadurch Wiederholungstaten verhindert werden. Dies lässt sich nicht belegen, weil es zu Wiederholungstäter keine Zahlen gibt, gab Sozialdezernent Krug bekannt.

„Die Statistik gibt einerseits Entwarnung, andererseits habe ich mit Schrecken die Zahl der Gewalt- und Rohheitsdelikte gelesen“, sagte Professor Dr. Werner Baur, der sich dafür interessierte, ob das Stuttgarter Projekt des Hauses des Jugendrechts auf den Landkreis übertragbar sei, was Dieter Krug allerdings verneinte.

Bemängelt wurde von Peter Lohse die lange Zeitspanne zwischen Gerichtstermin und Strafe. „Die Strafe sollte auf den Fuß folgen, wenn sie wirksam sein soll“, war sich Landrat Heinz Eininger mit Lohse einig. Als richtig erachtete es der Landrat, dass die Jugendsachbearbeiter der Polizei immer mehr in Schulen, aber auch in Freizeiten eingebunden werden und so präventiv wirken können.

Der Jugendhilfeausschuss nahm die Berichte von Jugendgerichtshilfe und Polizei zur Kenntnis und gab grünes Licht, die Diversionsangebote (soziale Trainingskurse, Täter-Opfer-Ausgleich, Verkehrserziehungskurse, und weiteres) bedarfsentsprechend auszubauen und weiterzuentwickeln. So soll der Landkreis die für 2008 im Haushaltsplan veranschlagten Mittel von 27 500 Euro für soziale Trainingskurse ab 2009 auch zur Finanzierung anderer Diversionsmaßnahmen zur Verfügung stellen.

Nach wie vor der Klassiker unter den Reaktionsmöglichkeiten der Jugendgerichtshilfe ist die Arbeitsauflage, die in den vergangenen zehn Jahren einen deutlichen Anstieg erlebte. Aufgrund der Tatsache, dass 1,50-Euro-Jobs in den gleichen Einsatzstellen beschäftigt werden, kommt es zu erheblichen Engpässen bei der Vermittlung.

Anzeige