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Vermeintlicher Engerling entpuppte sich als wunderschöner Glasring

Den Heidengraben das größte keltische Oppidum in Deutschland mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung rücken will der Arbeitskreis Geschichte und Kultur in Grabenstetten. Ein Anfang ist mit dem Museum in der Böhringer Straße 10 gemacht, zudem soll gemeindeübergreifend ein Verein gegründet werden.

IRIS HÄFNER

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GRABENSTETTEN Weit über die Region hinaus bekannt ist der Heidengraben auf der Schwäbischen Alb auf den Markungen Grabenstetten, Erkenbrechtsweiler und Hülben. Die Fläche des Oppidums auf der exponiert gelegenen natürlichen Berginsel beträgt knapp 1700 Hektar. Unter dem Begriff Oppidum ist eine große befestigte, stadtähnliche Siedlung in der späten Eisenzeit zu verstehen. Der Heidengraben ist damit nicht nur die größte keltische Siedlung in Deutschland, sondern zählt auch zu einer der größten in ganz Europa. Noch heute sind die Grenzbefestigungen, insbesondere die Wälle bei Grabenstetten landschaftsprägend und bei Erkenbrechtsweiler wurde die Mauer von Tor G rekonstruiert. Auch die zahlreichen Grabhügel beim Burrenhof ziehen selbst die Blicke der vorbeirauschenden Autofahrer auf sich.

Die Kelten hinterließen auf der Albhochfläche jedoch weit mehr als ihr ausgeklügeltes Verteidigungsbauwerk: Amphoren, Schüsseln in sämtlichen Größen und Formen, bunten Schmuck, Fibeln, Schwerter, Nadeln und nicht zu vergessen den schön verzierten Achsnagel, der auch als Symbol den Heidengraben-Wanderweg ziert. Viele dieser Funde waren Grabbeigaben, weshalb bei Kanal- oder Straßenbauarbeiten auch Teile von Skeletten zutage kamen.

Jüngstes Beispiel: Der von Lene Rose Gruner, einer engagierten Mitarbeiterin des Arbeitskreises, liebevoll als "Ackerläufer" bezeichnete Achim Lehmkuhl entdeckte dank seines geschulten Auges auf einem gepflügten Feld ein Frauengrab. Die Tote, die in der Zeit zwischen 600 und 500 vor Christus gelebt hatte, dürfte zur oberen Schicht der Kelten gehört haben, was die Archäologen auf die reiche Grabausstattung zurückführen. Das rechte Handgelenk schmückte eine prachtvolle Kette aus über 120 Gagat-Perlen. Bei diesem Material handelt es sich um versteinertes Holz, das durch Gesteinsdruck so verändert wurde, dass keine Holzstrukturen zu sehen sind, sich aber schnitzen und polieren lässt. Noch im 20. Jahrhundert wurde es in Schwäbisch Gmünd in der Schmuckverarbeitung verwendet. Außerdem fanden sich in dem Grab noch zwei Fußringe, ein Bronzering und vier fein gearbeitete Nadeln aus Bronze.

Der Fundort des Frauengrabes überraschte die Fachwelt, denn es war in einem bis dato unbekannten Bereich. Die Archäologen vermuten deshalb, dass das Gräberfeld um den Burrenhof viel größer ist, als bislang angenommen und schätzen es jetzt auf eine Fläche von etwa 15 Hektar. Die Tote lag dicht unter einer Ackeroberfläche, weshalb ihr Schädel stark unter Pflugscharen gelitten hat. "Erstaunlich ist, dass das Skelett mit großen Steinplatten abgedeckt war, was etwas Besonderes ist. Das zeigt die Veränderung beim Umgang mit den Toten. Die Körperbestattung löste die Feuerbestattung wohl ab und vielleicht dachten die Kelten sogar an Auferstehung", mutmaßt Lene Rose Gruner.

Um das Interesse am überregional bedeutenden Heidengraben zu steigern, wurde in Grabenstetten ein kleines, aber feines Museum mit Funden aus der Kelten- und Alamannenzeit eingerichtet. "Die Berühmtheit des Heidengrabens in der Wisschenschaft soll auch vor Ort seinen Niederschlag finden. In Venedig gab es schon eine große Ausstellung und auch in der derzeitigen großen Römerausstellung werden Grabenstetten und der Heidengraben erwähnt", sagt Lene Rose Gruner stolz. Die rund 25 Mitglieder bieten Führungen im Museum, aber auch vor Ort im "Keltenland" an. Beides soll in Zukunft vermehrt stattfinden.

Neben dem berühmten Achsnagel allerdings nur in Kopie, denn das Original befindet sich in Stuttgart sind im Grabenstetter Museum unter anderem auch ein Pferdeschädel und Scherben einer Amphore zu sehen. "Man weiß, dass darin Fischsuppe tranportiert wurde", erzählt Lene Rose Gruner, die neben ihrer Tätigkeit als Mathematik- und Kunstlehrerin in der Lenninger Realschule auch als Künstlerin erfolgreich ist. Dank der schwarzen Körnchen aus vulkanischem Gestein im Ton sie sorgen dafür, dass der Ton nicht reißt ist bekannt, woher die Gefäße stammen: aus dem Mittelmeerraum. "Amphoren mit Wein waren außerordentlich begehrt, was allerdings eine äußerst schlimme Begleiterscheinung mit sich brachte: Eine Amphore wurde gegen einen Menschen eingetauscht, das heißt, ein Kelte wurde in die Sklaverei geschickt", so Lene Rose Gruner.

Nichtsdestotrotz überwiegt beiihr die Begeisterung für die untergegangene Kultur. "Das Wissen der Kelten nutzen wir noch heute. Graphit wird beispielsweise bei Fußbodenheizungen verwendet. Die Kelten haben damit Gefäße wärmeleitfähiger gemacht. Dadurch brauchte man weniger Energie zum Erhitzen", erklärt die Künstlerin, die selbst mit Ton arbeitet. Kein Wunder, dass sie von der Kunstfertigkeit der damaligen Handwerker begeistert ist. Fasziniert ist sie auch von den Glasringen. "Es ist nicht geklärt, wie sie gefertigt wurden, denn es ist keine Naht zu erkennen. Wie Sonnenstrahlen, regelmäßig und durchsichtig, ziehen sich die Fäden durch den Ring", schwärmt sie. Fast hätte Achim Lehmkuhl jedoch das seltene Schmuckstück übersehen, denn zunächst dachte er, es sei ein Engerling, der sich im Ackerboden vergraben hat. Im Heidengraben wurden auch Fibeln gefunden, die in dieser Art einmalig sind, was auf eine selbst entworfene Herstellungsweise schließen lässt. "Wir gehen davon aus, dass hier ein Handwerkerzentrum war", so Lene Rose Gruner.

In den Museumsvitrinen ist neben den Keltenfunden auch ein Alamannengrab aus dem 7. Jahrhundert zu bestaunen, das bei Kanalarbeiten im Ort entdeckt wurde. Es ist damit über 1000 Jahre jünger als die Grabhügel rund um den Burrenhof. Von dem Skelett sind allerdings nur die Knochen ab der Brust abwärts erhalten, der Rest fehlt und dürfte mit dem Erdaushub auf der Deponie gelandet sein. "Grabi", wie er nach seinem Fundort getauft wurde, hatte zahlreiche Beigaben auf seine letzte Reise mitbekommen, die alle im Museum zu sehen sind. Unter anderem sind es Schwerter und eine Spore.

"Unser Ziel ist die Erweiterung des Museums, schon allein wegen der vielen Funde in diesem Jahr", steckt Lene Rose Gruner voller Tatendrang. Während der Arbeitskreis noch auf der Suche nach Sponsoren ist, kann er auf die Unterstützung der Bevölkerung zählen. "Wir sind eine tolle Mischung. Vom alten Bauern angefangen werden wir quer durch die Bevölkerung unterstützt. Der Albverein mit seinen gestandenen Handwerkern leistet viel, dazu kommt noch die Arbeit der Wissenschaftler. Ohne das Engagement all dieser Menschen wären die Grabungen gar nicht möglich", gibt sie zu bedenken. Das Verständnis für die Grabungen ist in der Bevölkerung mittlerweile fest verankert. So erlaubte auch der Landwirt, auf dessen Acker das Frauengrab gefunden wurde, die dreitägige Notgrabung. Der Obst- und Gartenbauverein bringt sich bei der Landschaftspflege des Heidengrabens ein und der Albverein betreute vor der AG Geschichte und Kultur das seit 1998 bestehende Museum.

Der Arbeitskreis hat sich Anfang 2004 gebildet. "Wir Aktiven wollten uns erst einmal näher kennen lernen und dann weitere Schritte einleiten. Nach wenigen Monaten wurde uns klar, dass es nur Sinn macht ,überregional' aktiv zu sein, da der Heidengraben ja auch nicht an der Markungs- oder Kreisgrenze Halt macht", sagt Lene Rose Gruner. Das "Keltenland" erstreckt sich nicht nur über drei Gemeinden, erschwerend kommt noch hinzu, dass zwei Regierungspräsidien Stuttgart und Tübingen beteiligt sind. Somit gibt es einige Hürden zu überwinden. Ein Anfang ist jedoch gemacht. Bereits im Sommer wurden erste "übergemeindliche" Kontakte geknüpft. Im Bürgerhaus in Erkenbrechtsweiler hielt Dr. Thomas Knopf vom Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Tübingen einen Vortrag über die Funde und den derzeitigen Wissensstand über den Heidengraben. Als Grabungsleiter konnte er Informationen aus erster Hand weitergeben.

Nun sollen Nägel mit Köpfen gemacht werden. "Wir wollen einen Verein mit den üblichen demokratischen Strukturen gründen, der offen ist für jeden, der sich für die Kelten und den Heidengraben interessiert", wirbt Lene Rose Gruner. Am Dienstag, 22. November, laden der Arbeitskreis Geschichte und Kultur Grabenstetten zusammen mit interessierten Bürgern aus der Umgebung um 20 Uhr ins Sporthaus "Auf dem Berg" in Grabenstetten zur Gründungsversammlung des überregionalen Fördervereins Heidengraben ein. Alle Interessierten sind willkommen.