Lokales

Vernetzt in der vertrauten Umgebung altern

"Hoher" Besuch in der Schlossberghalle: Auf Einladung des Buchcafes, der Gemeinde und des Vereins "Forum Altern" war der frühere Bremer Bürgermeister Henning Scherf nach Dettingen gekommen. Der 2,04-Meter-Mann stellte in der gut gefüllten Halle sein Buch "Grau ist bunt" vor.

ANDREAS VOLZ

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DETTINGEN Zu seiner Zeit als Spitzenpolitiker wurde Henning Scherf wegen seiner Bürgernähe gerühmt: Er verzichtete auf Leibwächter, fuhr mit dem Fahrrad zur Arbeit und stellte sich bei Bundesliga-Spielen seines heimatlichen Fußballvereins brav in die Schlange vor dem Kassenhäuschen. Für einen Ministerpräsidenten ist das alles reichlich ungewöhnlich. Genauso ungewöhnlich verhielt sich Henning Scherf als Hauptredner des Abends in Dettingen. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, durch die Reihen zu gehen und jeden einzelnen aus der großen Zuhörerschar per Handschlag zu begrüßen. Um den beachtlichen Größenunterschied zu relativieren, setzte er sich auch mit Vorliebe auf freie Stühle, um ein wenig zu plaudern und um Bücher zu signieren.

Ungewöhnlich ist auch seine Kompetenz zum Thema: In seinem Buch geht es um das Alter. Mit geradezu missionarischem Eifer will Henning Scherf die Menschen wachrütteln und sie aus möglichen Altersdepressionen herausreißen. Nicht umsonst trägt sein erfolgreiches Buch den Untertitel "Was im Alter möglich ist". Er fordert auf zur Aktivität im persönlichen Leben genauso wie in der Gesellschaft. Und Henning Scherf macht Mut zu einem selbstbestimmten Leben bis ins hohe Alter. Leid, Krankheit und Tod klammert er dabei nicht aus. Sie gehören zum Leben und damit auch zum Alter. Als Mitbegründer einer besonderen Wohngemeinschaft in Bremen hat Henning Scherf wie jeder andere auch geholfen, kranke Mitbewohner zu pflegen und bis in den Tod zu begleiten. Sein Credo lautet in diesem Fall: "Ich bin dafür, dass Menschen so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung bleiben."

So hat Henning Scherf gemeinsam mit Bundestagsabgeordneten aller Parteien die Initiative "Daheim statt Heim" gegründet. "Die Vorstellung, zum Sterben die vertraute Umgebung verlassen zu müssen, finde ich furchtbar", sagte er nun in Dettingen. Der Tod sei ohnehin viel zu sehr institutionalisiert. Die Idealvorstellung vom Sterben hatte Scherf bereits als 17-Jähriger kennengelernt, als seine Großmutter starb: "Im Bett, mit der Familie um sich herum, ohne Schmerzen. Das Sterben hat sich in unserer Mitte ereignet, nicht in einer anonymen Klinik wie später bei meiner Mutter." Die Großmutter hatte ein Leben lang zur Familie gehört, sei morgens die erste und abends die letzte gewesen, die schon oder noch auf den Beinen war: "Sie war absolut bedürfnislos und niemals krank."

Später hat der SPD-Politiker dann auch Menschen mit typischen Alterskrankheiten kennengelernt beispielsweise mit der Alzheimerschen Krankheit. In diesem Fall gelte genau dasselbe wie beim Sterben: "So jemanden darf man nicht aus seiner vertrauten Umgebung rausholen. Damit nimmt man ihm alle Erinnerungen, seine Restkompetenz. Demente Menschen haben ja oft ein wunderbares Langzeitgedächtnis."

Da Henning Scherf in Dettingen ein Buch vorstellte auf Einladung des örtlichen Buchladens versäumte er es nicht, auch gleich auf andere Bücher hinzuweisen, hauptsächlich zum Thema Alzheimer: "Der Doktor braucht ein Heim" von Irene Dische oder "Elegie für Iris" von John Bayley. Letzteres ist für ihn vor allem eine Liebesgeschichte: "Der Mann erlebt seine krank gewordene Frau als seinen allergrößten Schatz." Dasselbe gelte für den Film "An ihrer Seite", in dem Julie Christie die Rolle der erkrankten Frau spielt: "Der Mann lebt richtig auf dadurch, dass sie ihn mit ihrer Erkrankung konfrontiert."

Aufgaben sind wichtig, nicht zuletzt auch im Alter. Sie strukturieren den Alltag ob es sich dabei um das gegenseitige Bekochen in Scherfs Gemeinschaftshaus handelt, um das Vorlesen an Grundschulen, das Singen im Chor oder um die Betreuung von Obdachlosen. "Meine Kirchengemeinde ist für die Obdachlosenarbeit in der gesamten Stadt zuständig", erzählt Henning Scherf: "Das Durchschnittsalter derjenigen, die das machen, liegt bei 75. Die sehen aber alle 20 Jahre jünger aus. Das liegt vor allem daran, dass sie wissen, sie werden gebraucht."

Die Angst, nicht mehr gebraucht zu werden, sorgt bei vielen dafür, dass sie nicht loslassen können. Das gilt für Unternehmer genau wie für Politiker. Henning Scherf beschreibt dieses Loslassen in einem eigenen Kapitel seines Buches. Willy Brandt und Helmut Kohl sind dabei die schlechten Vorbilder. Edmund Stoibers Ende als Ministerpräsident kam dagegen zu spät, um in Scherfs Buch Eingang finden zu können. Als positive Beispiele nennt der Autor Gustav Heinemann und Bernhard Vogel. Henning Scherf selbst klebte nicht an seinem Stuhl und gab sein Amt vor zwei Jahren freiwillig ab. In seinem Buch schreibt er: "Ich bin froh, nicht mehr Bürgermeister zu sein. Eine Last ist von mir genommen." Vorsorglich setzt er aber hinzu: "Nicht, dass ich missverstanden werde, ich habe meine Arbeit immer mit Leidenschaft gemacht."

Mit derselben Leidenschaft setzt er sich jetzt für den Kampf um ein menschenwürdiges Leben im Alter ein und gegen Meinungsmacher wie Frank Schirrmacher, die Ängste schüren und Schreckensszenarien zur Überalterung entwerfen. "Wer Angst hat, reagiert auch ängstlich und entschuldigt sich dann, weil er alt ist und Geld kostet", sagt Henning Scherf. Davon hält er natürlich rein gar nichts. Er möchte den Menschen lieber Mut machen und sie hinter dem Ofen hervorlocken. Sie sollten im Rahmen ihrer Möglichkeiten noch Aufgaben übernehmen, die sie am Leben erhalten.

Und schließlich fordert Henning Scherf noch zum Vernetzen auf: "Viel wichtiger als das Bankkonto ist es, dass ich Leute kenne, denen ich vertraue und die ich in mein Leben lasse, denen ich meinen Hausschlüssel geben kann, und die nach mir schauen, wenn ich es selbst nicht mehr kann." In seiner Wohngemeinschaft herrscht ein solches Vertrauen, innerhalb des Hauses sind alle Türen offen. "Aber das ist kein Selbstläufer", gibt er zu bedenken, "das erfordert immer wieder neue Anstrengungen. Die richtigen Leute zu finden, ist nicht einfach. Eine Hausgemeinschaft kann nicht verordnet werden."