Lokales

Verschmitzter Jubilar

Günther Tesche wird morgen 90 Jahre alt

Kirchheim. Am morgigen Mittwoch feiert Günther Tesche im Kirchheimer Steingaustift seinen 90. Geburtstag. Er selbst ist gar nicht so

Andreas Volz

erpicht auf eine große Feier. „Die andern feiern, ich nicht so“, sagt Günther Tesche, der aber trotzdem mit einer nüchternen Zuversicht an den morgigen Ehrentag denkt: „Ich überstehe es.“ Ähnlich verschmitzt antwortet er auch auf die Frage, wie man sich mit 90 Jahren fühlt: „Wie

mit 89.“ Generell gibt sich Günther Tesche im hohen Alten lieber ein bisschen wortkarg, kann dann aber dem Personal gegenüber auch jederzeit wie ein Kavalier alter Schule auftreten, als ein Charmeur ersten Ranges.

Vornehm zurückhaltend ist der Jubilar auch beim Rückblick auf sein 90-jähriges Leben. „Ich habe kein schwieriges Leben gehabt“, sagt er in aller Bescheidenheit. Und bei der Frage nach beruflichen Einsätzen, die ihn als kaufmännischen Angestellten im Dienste verschiedenster Firmen viel in Europa herumgeführt haben, oder bei der Frage nach Büchern in allerhand Sprachen, die er bereits gelesen hat, meint er lapidar: „Das ist gar nicht so interessant.“ Außer seiner Muttersprache spricht Günther Tesche noch vier andere Sprachen, fügt beim Aufzählen aber hinzu, dass er sie auch nur „ein wenig“ beherrsche – Französisch „un peu“, Englisch „a few“. Die anderen Sprachen sind Spanisch und Italienisch – wobei er zumindest beim Italienischen seine Zurückhaltung aufgeben muss.

Schließlich hat Günther Tesche etliche Jahre seines Lebens in Italien verbracht. Zunächst war er als 20-jähriger Soldat auf Sizilien stationiert. Auch weltgeschichtliche Ereignisse fasst der 90-Jährige heute knapp und nüchtern zusammen: So führte die alliierte Invasion in Sizilien 1943 unter anderem zur Absetzung Mussolinis. Vor allem aber war sie ein Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg. Günther Tesche berichtet darüber lakonisch: „In Sizilien war Krach, und wir kamen als Soldaten nach Norditalien.“

In Norditalien wiederum hat Günther Tesche sein privates Glück gefunden: Als er 1945 Italien verlassen musste, tat er dies in Begleitung seiner Frau Iolanda und der gemeinsamen Tochter Carla. In der unmittelbaren Nachkriegszeit lebte die Familie in Wuppertal-Cronenberg, wo Günther Tesche selbst aufgewachsen und zur Schule gegangen war. Von dort aus ging es weiter in die Gegend von Hannover und Anfang der 1960er-Jahre für zwei Jahre nach Florenz, bevor die Familie schließlich im Schwäbischen landete und in Raidwangen heimisch wurde.

Im Juli dieses Jahres ist Günther Tesches Frau Iolanda gestorben, und das hat ihn sehr mitgenommen. „Er war nicht mehr von ihrem Bett wegzukriegen“, erzählt Tochter Carla. Weil er sich zu

Hause in Raidwangen nicht mehr selbst versorgen kann, lebt er nun im Kirchheimer Steingaustift, ganz in der Nähe der Tochter.

In deren Haus hat er als Ruheständler die ganze Elektrik auf Vordermann gebracht, berichtet die Tochter. Früher brachten auch alle Bekannten ihre Radios zum Reparieren vorbei. Und für sämtliche Wissensgebiete sei er das „wandelnde Lexikon“ der Familie gewesen. „Das geflügelte Wort bei uns war immer: ,Frag mal den Günther‘“, sagt Tochter Carla. – Morgen allerdings ist auch sie selbst gefragt, wenn es darum geht, den Ehrentag gebührend zu feiern. Mit von der Partie sind außer ihr und ihrem Mann auch ihr Sohn mit der Schwiegertochter sowie die beiden Enkel, Günther Tesches Urenkel.

Anzeige