Lokales

Versöhnen statt spalten

So lautete das viel zitierte Motto von Altbundespräsident Johannes Rau. In der vergangenen Woche wurde er zu Grabe getragen, gewürdigt als einer der großen Politiker unseres Landes.

"Versöhnen statt spalten", dafür hat Rau sich eingesetzt in vielen politischen und kirchlichen Ämtern, die er im Laufe seines Lebens bekleidete. Nicht zuletzt lag ihm die Aussöhnung von Deutschen und Juden besonders am Herzen. Mit seinem Motto steuerte Rau einen Kurs gegen den Trend unserer Zeit. Täglich hören wir von Hass und Spaltung unter Menschen rund um den Erdball. Es scheint, als ob die Machthaber und Religionsführer, Wirtschaftstycoons und Gewerkschaftsbosse, Medienzare und Meinungsmacher ungern den Ausgleich suchen, sondern meistens die Konfrontation. Machtdemonstration ist mehr gefragt als der Wille zur Verständigung. Harte Auseinandersetzungen mit dem Gegner, massive Drohgebärden bis hin zu kriegerischen Handlungen, das ist es, was unsere Welt in Atem hält.

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Kein Wunder, dass Johannes Rau mit seinem Lebensmotto nicht nur Anerkennung gefunden, sondern auch manches müde Lächeln geerntet hat. "Bruder Johannes" nannten ihn die einen, weil sie ihn für einen Idealisten hielten. Die anderen, weil sie ihn als Angehörigen einer Politikergeneration schätzten, für die es noch selbstverständlich war, ihre christliche Glaubensüberzeugung und ihr politisches Handeln unmittelbar miteinander zu verbinden.

"Versöhnen statt spalten" in diesem Lebensmotto schlägt sich die Kernbotschaft unseres christlichen Glaubens nieder, dass Gott alles getan hat, die tiefe Kluft zwischen ihm und uns Menschen auszugleichen. Gott selbst trat in die Bresche, um die Trennung von Himmel und Erde zu überwinden. Der Apostel Paulus hat diese Kernbotschaft in seinem zweiten Brief an die Korinther auf den Punkt gebracht: "Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber." Und er bittet seine Freunde in Korinth inständig: "Lasst euch versöhnen mit Gott!" (2. Korinther 5, 19+20). Denn Friede und Versöhnung mit Gott ist die Voraussetzung dafür, dass auch zwischen Menschen Friede und Versöhnung wachsen kann.

"Versöhnen statt spalten" war für Johannes Rau kein publikumswirksamer Slogan, der morgen gegen einen anderen ausgetauscht werden kann. Dieses Motto entsprang seiner festen Glaubensüberzeugung, das machte ihn zum überzeugenden Botschafter der Versöhnung.

Pfarrer Andreas Tauf

Evangelische Kirchengemeinde

Holzmaden