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"Versöhnung befreit und macht bereit für die Wahrheit"

LENNINGEN Dieser Tage kehrten 43 ehemals Vertriebene aus den Bradelwaldgemeinden Rohle, Steine und Nebes im tschechischen Kreis Sumperk wieder zurück. Einige Reiseteilnehmer waren auch aus dem

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ERIKA HILLEGAART

Raum Kirchheim und dem Lenninger Tal. Es war seit 1996 die fünfte Busreise in den damaligen Kreis Mährisch Schönberg unter dem Altvatergebirge, über 850 Kilometer entfernt.

Ingeborg Hammel aus Unterlenningen berichtet: "Die Reisen in die ehemalige Heimat begannen anlässlich 50 Jahre Vertreibung. Sie wecken Erinnerungen bei den Älteren aus Mähren; die Nachgeborenen sehen die Heimat ihrer Familien, und es gibt ein Wiedersehen mit den verbliebenen Deutschen in den dortigen Gemeinden." Wesentlich aber ist den Reisenden auch die Begegnung mit den tschechischen Bewohnern, die seit zwei Generationen in den Häusern ihrer vertriebenen Eltern wohnen oder die Höfe ihrer Großeltern bewirtschaften.

Die gemeinsamen Gottesdienste in der katholischen Sankt-Martins-Kirche in Rohle sind bewegende Ereignisse der Aussöhnung. "Versöhnung befreit und macht bereit für die Wahrheit", sagte der tschechische Priester schon vor sechs Jahren in seiner Predigt. In diesem Jahr sei der Gottesdienst mit der Aufführung der Schubert-Messe besonders festlich gewesen. Eine Gedenktafel wurde dort enthüllt mit der Inschrift in deutscher und tschechischer Sprache: "Renovierung der Kirche 2000 2005 mit Hilfe von Spenden der ehemaligen deutschen Bewohner, die bis 1946 in Rohle Steine Nebes gelebt haben."

"Die tschechischen Kinder werden einmal nach ihrer Ortsgeschichte fragen", begründet Ingeborg Hammel die Inschrift im Eingangsbereich der Kirche. Das Spendenaufkommen der Landsmannschaft für die Kirche, die nie zweckentfremdet gewesen sei, belaufe sich zurzeit auf 5765 Euro. "Damit konnte unter anderem das Dach saniert werden", rechnet Ingeborg Hammel vor.

Ein Aufrechnen der Schicksale gibt es bei der heute noch sportlichen 70-Jährigen mit dem Organisationstalent nicht. Ihr Wissen um die geschichtlichen Zusammenhänge und deren Verflechtung beider Völker ist umfassend. Ingeborg Hammel bündelt die geschichtliche Entwicklung: "Was wäre wohl gewesen, wenn 1918 nach dem Zerfall der K. und K. Monarchie (kaiserlich-königliche Monarchie Österreich-Ungarn) die deutsch besiedelten Gebiete nicht der Tschechoslowakei zugeordnet worden wären?" Ihr Wissen ist wesentlich deckungsgleich mit den Kenntnissen des tschechischen Pfarrers in Rohle. In seiner Predigt 1999 sagte er in deutscher Sprache: "Zu den Nachkriegsfolgen gehörten für die Deutschen die Vertreibung und für uns 40 Jahre Kommunismus . . . wir lehnen die Kollektivschuld ab; in Gottesfurcht suchen wir Vergebung und gestehen auch schwer zu bekennende Tatsachen. Heute erleben die Kosovo-Albaner dasselbe Schicksal der Vertreibung." Im Juli 2005 sprach der Geistliche noch deutlicher: "Zu bedauern sind die Verbrechen an den Tschechen während des Kriegs, verurteilungswürdig die Verbrechen an den Deutschen vor und während der Vertreibung. Doch eine Rückkehr in die Vorkriegsverhältnisse ist nicht möglich. Politische und Entschädigungsforderungen führen zu keiner Versöhnung. Den Vertriebenen, die ihre alte Heimat besuchen, sollten wir mit Respekt begegnen. Es geht um den Aufbau einer neuen christlichen zwischenmenschlichen Beziehung gegen den Geist des Nationalismus."

Ähnliche Äußerungen des tschechischen Regierungschefs Jiri Paroubek mit seinem "Rütteln an der Kollektivschuld" lösten in jüngster Zeit bekanntlich heftige Diskussionen aus. Er forderte in der dritten Generation eine historische Analyse im Zeichen der EU-Erweiterung nach 60 Jahren Frieden. Hans Koschnik zieht 2003 in einem Vorwort zu "Kriegskinder das Schicksal einer Generation" von Hilke Lorenz Parallelen zu den jüngsten Ereignissen auf dem Balkan: "Es gilt zu helfen bei der Überwindung von eingebrannten traumatischen Belastungen, wo es um Schmerzen bei Opfer/Täter beziehungsweise Täter/Opfer-Aufarbeitung geht."

Millionenfaches SchicksalVor Kriegsende konnte Ingeborgs Mutter mit ihren drei Kindern noch aus Brünn auf den großväterlichen Bauernhof nach Nebes ziehen. Ein Foto von 2005 zeigt das stattliche Anwesen mit den heutigen Besitzern. "Sie mussten den Hof vom Staat kaufen", berichtete die Unterlenningerin. Nach Erinnerungsstücken aus jener Zeit der Vertreibung befragt, erzählt Ingeborg Hammel von einem Holzkoffer. Der Großvater habe ihn gemacht für die Zwangsreise gen Westen. 30 Kilogramm, später 50 Kilogramm Gepäck pro Person seien erlaubt gewesen. Die anderen Habseligkeiten für die tagelange Reise im Viehwaggon seien in Säcke verpackt worden. "Diesen Aussiedlerkoffer werden unsere Kinder und Enkel sicher nicht wegwerfen", ist Ingeborg Hammel überzeugt. Die Marschverpflegung sei in einem vierwöchigen Sammellager aufgezehrt worden. Zu den Ängsten eines ungewissen Schicksals kam der Hunger. Über verschiedene Stationen seien sie am 9. Oktober 1946 in Unterlenningen angekommen, einem zugewiesenen Ort, den die Familie vorher nicht kannte.

Das sind sparsam preisgegebene Erinnerungen eines Schicksals, millionenfach durchlebt vor 60 Jahren, millionenfach heute weltweit erduldet. Spielte damals der Glaube bei dieser langen Reise in eine ungewisse Zukunft in fremder Gegend eine Rolle? "Ja, schon . . .", sie lässt das Ende des Satzes offen, fügt aber hinzu: "Die Volksgläubigkeit stärkte den Zusammenhalt, als die Russen da waren, und festigte die Zusammengehörigkeit der Ausgewiesenen am neuen Wohnort." Zum Gespräch hat Ingeborg Hammel ein Lied- und Gebetsbuch aus dem Erzbistum Ölmütz mitgebracht, das noch aus der Rohler Kirche stammt. In einem anderen Gesang- und Andachtsbuch liegen zwischen den Blättern bei den Marienliedern ein Dutzend Marienbildchen. Am Ende des Gesprächs fragt sie: "Haben Sie vom Brünner Todesmarsch gehört?" Wieder ist Schweigen beredt.

Heute ist Ingeborg Hammel mitverantwortlich für den Rundbrief für ihre Landsleute. Schon bald nach der Vertreibung hätten sich die Familien sporadisch an verschiedenen Orten getroffen, ehe sich der Raum Kirchheim mit Oberlenningen als Treffpunkt herauskristallisiert habe. Diese jährlichen Treffen hätte es bis Ende der 90er-Jahre gegeben. Heute finde traditionsgemäß das Treffen immer am zweiten Sonntag im Juli in der hessischen Kurstadt Schlüchtern statt. Es habe in den Jahren, in denen die Mobilität einsetzte und die "alten Vertriebenen" noch rüstig waren, über 300 Besucher verzeichnet. Heuer seien ungefähr 80 Gäste nach Schlüchtern gekommen.

Neue KirchengemeindeMenschen aus Bessarabien, Litauen, Ostpreußen, Polen, Pommern, Schlesien, Sudetenland und Ungarn kamen 1945/46 auch in die protestantischen Gemeinden Lenningens. Durch diesen Zuzug von Heimatvertriebenen nahm der katholische Bevölkerungsanteil bedeutend zu. Rund 900 katholische Christen wohnten 1949 in den Lenninger Gemeinden. Neben dem Kampf um Anerkennung und Vertrauen, dem Alltagskampf um Nahrung, Wohnraum und Arbeit fehlte ein Kirchenraum. "Ich kann mich noch an die Gottesdienste im ehemaligen Saal des Gasthauses Lamm in Oberlenningen erinnern", erzählen die "Rucksackdeutschen" von damals. "Der Saal war stets übervoll."

Am Ostermontag 1949 konnte die Notkirche "Sankt Mariä Himmelfahrt" eingeweiht werden. Sie war auf dem von der Firma Scheufelen gestifteten Gelände zwischen dem Oberlenninger Bahnhof und einem Kohleschuppen erbaut worden. Die älteren ehemals Vertriebenen sprechen noch heute von diesem Holzschuppenkirchlein sehr liebevoll. Der Name dieser Behelfskirche spiegelt die Marienverehrung jener Zeit wider. Der Marien-Seitenaltar war stets besonders mit Blumen und Blattwerk geschmückt. Die Mütter erinnerten sich an Bombennächte, an Flucht und Vertreibung, an die überlieferten rettenden Rituale: Die meditative Wirkung des Rosenkranzgebets hatte sie gestärkt. Musste nicht auch Maria nach ihrer Vertreibung noch einmal fliehen, um das Leben ihres Kindes zu retten? "Maria, breit den Mantel aus", heißt es in einem Lied aus der Zeit des 30-jährigen Kriegs oder "Ave Maria zart, du edler Rosengart". Wer wollte den Vertriebenen diese Vision in einem dunklen überfüllten Viehwaggon streitig machen? "Unsere Mütter aus den unterschiedlichsten Gebieten kannten dieselben Lieder mit den innigen Melodien, dieselben Gebete. Ihre Sehnsucht nach Geborgenheit und Hilfe können Nachgeborene nur erahnen", sagte eine Lenningerin, gebürtig in Donauschwaben. Das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkte die entstehende katholische Gemeinde von Schopfloch bis Owen.

Für die rund 2000 katholischen Christen konnte Bischof Carl Josef Leiprecht am 15. Dezember 1967 die heutige katholische Pfarrkirche in Oberlenningen weihen. Es war der zwölfte katholische Kirchenneubau im Landkreis Esslingen. Der Name der kleinen Holzbaracken-Notkirche wurde auf den modernen Sakralbau übertragen. Ein schwäbischer, protestantischer Theologe nahm öffentlich den Namen mit Trauer und Befremden zur Kenntnis. Doch der damalige Ortsgeistliche Herbert Meid sagte bei der Einweihung: "Die Vertriebenen, deren geistige Heimat die Kirche ist, hängen sehr an dem Kirchennamen Mariä Himmelfahrt, keinesfalls wollen wir provozieren. Wir hoffen auf geschwisterliche ökumenische Zusammenarbeit."

Mariä Himmelfahrt Heute, am 15. August, ist der Namenstag der katholischen Pfarrkirche Oberlenningen. Am vorausgegangenen Sonntag feierte die katholische Kirchengemeinde Lenningen einen Festgottesdienst. Das höchste Marienfest "Mariens Aufnahme in den Himmel", volkstümlich "Mariä Himmelfahrt", ist im Saarland und in katholischen Gegenden Bayerns ein arbeitsfreier Feiertag. Heilkräftige Kräuter werden traditionell an diesem Tag geweiht. Von Mariä Lichtmess am 2. Februar bis zum Mariengedenken vom Rosenkranz am 7. Oktober durchziehen Marien-Gedenktage den Heiligen-Kalender, vom Anbruch des bäuerlichen Arbeitsjahres bis zur herbstlichen Ernte in den Weinbergen. Säen, Wachstum und Gedeihen wurden Jahrhunderte lang der Fürbitte der Gottesmutter anbefohlen, insbesondere in den Monaten Mai und Oktober. Doch die Marienverehrung hat sich mit dem zunehmenden Wohlstand und der Säkularisierung wie viele überlieferten Formen im Christentum auch gewandelt. Die ländliche Volksfrömmigkeit verlor an Bedeutung.

In den Aufbaujahren endeten die Radionachrichten noch mit Aufrufen der Suchdienstzentrale des Roten Kreuzes, doch die Schwarzhändler waren verschwunden; in den Fabriken, den Kohlegruben, an den Hochöfen und an den Webstühlen sowie in den Schiffswerften wurde wieder bundesweit gearbeitet. Auch im Lenninger Tal gab es wieder Arbeit und eine neue Heimat, für viele auf der Albhöhe im neu erbauten Teilort Hochwang. "Wir haben die Zukunft erreicht", erklärte damals ein Heimatvertriebener das westliche Wirtschaftswunder. Das war das neue Glaubenswunder.

Eine in Lindenholz geschnitzte Madonna aus dem frühen 18. Jahrhundert schmückt mittlerweile den Seitenaltar der Pfarrkirche Sankt Maria Oberlenningen. Es ist eine von unzähligen Darstellungen, die in zwei Jahrtausenden die Verehrung der Maria hervorgebracht hat in den bildenden Künsten, ebenso in Poesie und Musik. "Dieser Reichtum", schreibt die protestantische Theologin Dorothee Sölle, "entspricht der unauslotbaren Gestalt selber: Mädchen und Gottesmutter, Kindfrau und Madonna auf dem Löwen reitend, Magd und Himmelskönigin". So ist der 15. August ein Gedenktag für das Wunder des Lebens; ein besonderer Erinnerungstag auch für jene, die vor 60 Jahren mit wenig Gepäck und vielen Nöten ins Lenninger Tal kamen. Und Mariens großer Lobgesang, das Magnifikat, ist eine einzigartige biblische Quelle, um Christus zu erkennen.

INFODer Brünner Todesmarsch war Teil der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung Mährens. Er führte über Pohrlitz über die Grenze nach Österreich bis nach Wien. Die Menschen mussten von Brünn in Richtung österreichische Grenze marschieren. Der Zug bestand hauptsächlich aus Frauen, Kindern, Kleinkindern, Säuglingen und alten Menschen. Nachdem zunächst an der österreichischen Grenze der Übertritt verweigert wurde, wurden die bis dahin Überlebenden in Pohrlitz in einen Getreidesilo gesperrt. Von den 25 000 Personen des Zuges starben 10 000 während des Marsches und in Pohrlitz selbst an Entkräftung, Hunger, Durst und Typhus oder wurden von den Begleitmannschaften erschossen. Weiter führte der Elendszug nach Österreich, wo große Massengräber unter anderem in den Orten Drasenhofen, Mistelbach, Stammersdorf und Purkersdorf von diesem Verbrechen gegen die Menschlichkeit Kunde geben.