Lokales

Vertrauen nicht überall verspielt

Unterschiedliche Reaktionen zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche

Von einer „zweischneidigen Geschichte“ spricht der katholische Dekan des Dekanats Esslingen-Nürtingen, Paul Magino. Durch den Missbrauchsskandal hat die katholische Kirche einerseits sehr viel Vertrauen verloren. Konkret in seiner Kirchengemeinde Sankt Kolumban in Wendlingen kann er davon allerdings nichts spüren. Doch es gibt auch kritische Stimmen unter den Katholiken vor Ort.

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richard umstadt

Kirchheim. „Der Hirtenbrief des Papstes lässt im Blick auf die irische Kirche nichts zu wünschen übrig“, ist Paul Magino, seit 16. März Dekan des Dekanats Esslingen-Nürtingen, überzeugt. Zwar gehe Papst Benedikt XVI. in seinem Hirtenwort nicht speziell auf die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche Deutschlands ein, doch hätten sowohl der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Bischof Robert Zollitsch, als auch der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst deutlich gemacht, dass das Wort des Papstes für die katholische Kirche weltweit gelte. Dekan Magino erwartet allerdings auch noch einen Hirtenbrief an die Deutschen Bischöfe. „Vor einer präzisen Bewertung der Situation in Deutschland will sich der Papst zunächst ein Gesamtbild machen.“ Im Übrigen vertraue er der Deutschen Bischofskonferenz. „Der Vatikan gibt lediglich die Grundregeln vor.“ Das bedeute, dass bei Anhaltspunkten für einen Missbrauchsfall dies der Glaubenskongregation nach Rom gemeldet werden muss.

Ein Punkt, der für heftige Diskussion im Rahmen der Missbrauchsfälle sorgt, ist das Thema Meldepflicht. „Natürlich arbeiten wir mit der Staatsanwaltschaft zusammen.“ Es gäbe aber auch Fälle, in denen die Opfer darum bitten, den Missbrauch nicht zu melden, weil sie nicht an die Öffentlichkeit gehen wollen. Anders liege der Fall, wenn jemand als Täter beschuldigt wird. Dann rät die Kirche dem Täter, sich der Polizei beziehungsweise der Staatsanwaltschaft zu stellen, „ansonsten wird er angezeigt“.

Und wie war es in den Fällen, in denen Priester nach Missbrauch von Kindern innerhalb der Kirche versetzt wurden? „Diese Priester wurden dann versetzt, wenn ein Gutachten besagte, dass sie nach einer Therapie als geheilt angesehen werden konnten. Heute wissen wir, dass Pädophilie nicht heilbar ist. Deshalb würde das heute nicht mehr so laufen“, weiß Paul Magino.

„Als Katholische Kirche haben wir sehr viel an Vertrauen verloren. Konkret vor Ort konnte ich aber keinen Vertrauensverlust verzeichnen“, hat der Dekan als Stadtpfarrer von Sankt Kolumban in Wendlingen eine ähnliche Erfahrung gemacht wie sein Kollege von Maria Königin in Kirchheim, Pfarrer Winfried Hierlemann. Weder seien die Gottesdienstbesuche rückläufig, noch habe es signifikant mehr Kirchenaustritte gegeben.

Zwischen den Missbrauchsfällen und dem Zölibat sieht der Katholische Dekan keinen Zusammenhang. Einen „schwieriger Punkt“ sieht er in der hohen ethischen Messlatte, die für die Kirche und ihre Priester gelte. „Einige von uns haben das pervertiert“. Daran werde die Kirche nun gemessen.

Winfried Hierlemann bedauert die verallgemeinernde Verurteilung der gesamten Katholischen Kirche. Natürlich weiß auch er um den großen Imageschaden, den er nicht zuletzt auf die fehlende Klarheit in den Äußerungen der Kirchenoberen zurückführt.

„Die Glaubwürdigkeit wird dadurch nicht verstärkt“, meint Wolfgang Müller, seit 15 Jahren Pastoralreferent der Katholischen Kirchengemeinde Maria Königin in Kirchheim. Was Müller bemängelt, ist ein klares Bekenntnis gegenüber den Opfern. „Bei diesem Thema verbittet sich jegliches Lavieren von selbst.“ Auch Müller fehlt die Klarheit in den Aussagen des Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch. „Ein deutscher Bischof braucht keinen Papst, um hier vor Ort ein klares Wort zu sprechen.“

Im Gegensatz zu Dekan Magino sieht der Pastoralreferent sehr wohl eine Verbindung zwischen Missbrauchsfällen und Zölibat. „Sexualiät ist in der Katholischen Kirche immer noch ein Tabuthema.“ Zwar ist Pädophilie kein speziell kirchliches Phänomen. Doch zeige der Umgang mit den Missbrauchsfällen, wie schwer sich die Kirche damit tue, an die Öffentlichkeit zu gehen.

„Im Moment leiden alle unter der Situation“, weiß Wolfgang Müller, „auch die Ehrenamtlichen in der Katholischen Kirche.“

Die Missbrauchsproblematik nicht nur auf Irland bezogen wissen möchte der Erste Vorsitzende des Katholischen Gesamtkirchengemeinderats von Kirchheim, Dieter Hoff, der ebenfalls deutliche Worte aus Rom erwartet. Doch als engagierter Katholik weiß Dieter Hoff, dass die Kirche in ihren Verlautbarungen sehr vorsichtig ist. „Ich hätte mir gewünscht, dass der Papst generell auf alle Missbrauchsfälle hinweist.“ Zu Recht sieht der Vorsitzende des Gesamtkirchengemeinderats die Katholische Kirche in der Kritik. „Sie sollte nicht den Eindruck eines rechtsfreien Raumes erwecken.“