Lokales

Verzicht als Erlebnis

"Spaß muss sein!" sagt man. Im Alltag geht es ja meistens ernst genug zu in den Anforderungen von Beruf, Familie und Organisation des eigenen Lebens. Da braucht man einfach zum Ausgleich andere Erlebnisse, in denen man das Leben locker angehen lassen kann, wie jetzt etwa in der "fünften" Jahreszeit. Erlebnisse, die Spaß machen und einem das Gefühl vermitteln, wirklich gelebt zu haben, stehen in unserer Erlebnisgesellschaft hoch im Kurs.

Aber die dauernde Suche nach dem schönen Erlebnis, mit dem ich mich selbst glücklich machen will, hat eine bedenkliche Eigendynamik. Es ist im Grunde wie bei einem Drogensüchtigen: Um die gewünschte Wirkung zu erzielen, muss die Erlebnis-Dosis immer mehr erhöht werden! Schon bei Kindern lässt sich dieses Muster beobachten: Der Fernseher, der mehr Spaß und Spannung bietet als das gewöhnliche Leben, saugt mehr und mehr Zeit und Aufmerksamkeit der Kinder auf. Es ist zur tiefen Überzeugung in unserer Konsumgesellschaft geworden, dass man eigentlich nur dann richtig lebt, wenn man möglichst viel konsumiert. So aber kommt es zu einem im Grunde sehr anstrengenden Wettlauf um immer mehr und immer reizvollere Erlebnisse!

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Es gibt aber eine bestimmte Art von Erlebnis, das sich auf unsere Erlebnissucht sehr heilsam auswirken kann. Wir haben diese Art von Erlebnis fast vergessen. Es ist das Erlebnis, auf etwas verzichten zu können. "Fasten" ist das alte Wort für dieses Erlebnis der bewussten Selbstbeschränkung. Dieses Erlebnis hat mit dem für uns so fremd gewordenen Sachverhalt zu tun, dass Glück und Zufriedenheit mit Maßhalten zusammenhängen. Was maßlos wird, wird nämlich auch bald wertlos! Darum ist es in unserer Zeit ein höchst eindrückliches Erlebnis, wenn ich mir ein bestimmtes Maß setze, um meine Freiheit zu erproben.

Dazu bietet sich gerade die traditionelle Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern als Experimentierfeld an. Schon einige Jahre gibt es nun in der Evangelischen Kirche die Fastenaktion "Sieben Wochen ohne". Wer mitmacht, einfach für sich selbst oder zusammen mit anderen, verzichtet sieben Wochen bis Ostern auf etwas, an das er sich sehr gewöhnt hat oder das ihm gar unverzichtbar erscheint. Das kann heißen, möglichst wenig Auto zu fahren, nicht den Fernseher einzuschalten, keinen Alkohol zu trinken, auf Schokolade zu verzichten oder was immer sonst einem ein bisschen schwer fällt. Das kann anstrengend werden.

Aber eigentlich sind die wertvollsten Ziele immer mit Anstrengung verbunden. Und neu zu erleben, dass ich ein freier Mensch bin, ist sicher ein lohnendes Ziel! "Ist nicht das Leben mehr als das Essen und der Leib mehr als die Kleider? Seht die Vögel unter dem Himmel an! Sie säen nicht. Sie ernten nicht. Sie sammeln keine Vorräte in Scheunen. Euer Vater im Himmel ist es, der sie ernährt. Seid ihr nicht viel kostbarer als sie?" - so stellt Jesus in der Bergpredigt die Frage, was wir uns wert sind. Nach diesem "Mehrwert" unseres Lebens zu suchen, das erst macht unser Leben wirklich genussreif!

Jochen Maier,

Pfarrer der Evangelischen

Martinskirche Kirchheim