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Verzicht auf Vater oder Mutter bleibt zweite Wahl Kirchheimer Beratungsstellen beziehen Stellung zum Besuchszwang-Urteil des Verfassungsgerichts

Eltern dürfen nicht dazu gezwungen werden, ihr Kind zu besuchen. Das hat das Bundesverfassungsgericht jetzt entschieden. Das Thema „Umgang“ beschäftigt immer wieder auch Mitarbeiter von Beratungs- und Anlaufstellen in Kirchheim. Dort gibt es unterschiedliche Meinungen zu dem Urteil.

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BIANCA LÜTZ

Kirchheim. Immer wieder kommt es vor, dass Eltern – oft Väter – ihre Kinder nicht sehen möchten, etwa, wenn sie sich getrennt haben oder das Kind aus einer Affäre stammt. So war es auch in dem Fall, über den das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe jetzt entschieden hat: Eine Mutter hatte geklagt, weil der Vater ihres Sohnes sich weigerte, sein außerehelich gezeugtes Kind zu sehen. Zwar betonten die Richter in Karlsruhe nun, dass jedes Kind ein Recht darauf habe, seine Eltern zu sehen. Ein Kontakt unter Zwang jedoch komme dem Kind nicht zugute und sei deshalb abzulehnen.

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts wird in Kirchheim teilweise begrüßt, teilweise auch kritisiert. „Ich halte die Entscheidung insofern für richtig, weil sie dem Kindeswohl dient“, bezieht Joachim Elger Stellung. Er ist Diplom-Psychologe bei der Beratungsstelle Pro Familia in Kirchheim, „Es ist nicht sinnvoll, ein Treffen zwischen Vater und Kind zu organisieren, wenn der Vater es ablehnt. Für das Kind wäre das psychologisch gesehen eher traumatisierend.“ Auch die Sozialpädagogin Susanne Kurz, Mitglied des „Netzwerks Alleinerziehend“ und früher Leiterin des „Treffpunkts für Alleinerziehende Menschen“ (TRAM) in Kirchheim, findet die Entscheidung des Gerichts gut. „Das Zusammensein mit jemandem, der nichts mit einem zu tun haben will, ist unzumut­bar“, findet sie.

Ursula Umhey, hauptamtliche Mitarbeiterin des Kinderschutzbunds Kirchheim, sieht das Urteil ambivalent. Zwar ist auch sie der Meinung, dass es nicht richtig ist, einen Kontakt auf Dauer zu erzwingen, aber: „Man muss es ausprobieren.“ Denn nach den ersten Kontakten könne sich die Beziehung zwischen Vater und Kind durchaus positiv entwickeln: „Das Urteil dagegen macht klar: Es wird nicht einmal versucht“, bedauert sie.

Einen Verzicht auf den Kontakt zwischen Elternteil und Kind sollte es auch aus Sicht von Joachim Elger und Susanne Kurz nur im Extremfall geben, also wenn sich das Elternteil strikt weigert, wenn es alkoholabhängig oder gewalttätig ist. Ansonsten sprechen sich alle befragten Experten geschlossen dafür aus, dass ein Kind grundsätzlich Kontakt zu beiden Elternteilen haben sollte. „Die Kinder leiden unheimlich, wenn sie ihren Vater nicht sehen dürfen“, weiß Su­sanne Kurz aus ihrer Erfahrung als Sozialpädagogin. „Es ist eine unheimliche Kränkung, unerwünscht zu sein.“ „Es ist sehr schade, dass es überhaupt Väter gibt, die ihr Kind nicht sehen möchten“, sagt Joachim Elger. Da stimmt ihm Ursula Umhey uneingeschränkt zu. Sie appelliert an die Verantwortung von Eltern, die ein Kind in die Welt gesetzt haben.

Aus Kirchheim kennen die drei Experten keinen solch extremen Fall wie den, der nun vorm Verfassungsgericht gelandet ist. Zwar gibt es ihrer Auskunft nach auch in der Teckstadt Väter, die wenig Interesse an ihren Kindern zeigen. Eine völlige Verweigerung kommt aber kaum vor. Häufiger dagegen ist es genau andershe­rum: „Es gibt viele Väter, die bedauern, dass sie ihr Kind nicht häufiger sehen können oder dürfen“, weiß Joachim Elger. Ursula Umhey kennt zudem viele Fälle, in denen das Kind den Kontakt zum Vater ablehnt – auch da sei es schwierig und schmerzhaft, einen Kontakt aufrechtzuerhalten.

Wenn es tatsächlich so ist, dass ein Vater sein Kind nicht sehen möchte, rät Susanne Kurz eindeutig dazu, Sohn oder Tochter zu schonen: „Wir halten die Frauen immer dazu an, ihren Kindern ein positives Bild von ihren Vätern zu vermitteln“, sagt sie. Je jünger das Kind sei, desto wichtiger sei es auch, es nicht mit der knallharten Wahrheit zu konfrontieren. Statt dem Sohn oder der Tochter zu erzählen, der Vater wolle ihn oder sie nicht kennenlernen, sei es besser, zu sagen, der Vater habe keine Zeit oder wohne zu weit weg.

Diplom-Psychologe Joachim Elger appelliert unterdessen an alle Väter, zu ihren Kindern zu stehen und für sie zu sorgen: „Väter sollten mutiger sein und auch den Kontakt zu Kindern herstellen, die aus Affären stammen“, sagt der Diplom-Psychologe.