Lokales

Viel Masse wenig Klasse

Es gibt immer mehr Handwerksbetriebe in der Region Stuttgart. Dies geht aus der Halbjahresstatistik der Handwerkskammer Region Stuttgart hervor. Das erste Halbjahr 2005 brachte einen Zuwachs von 455 Firmen. Zum 30. Juni 2005 waren bei der Handwerkskammer 28 576 Betriebe registriert.

STUTTGART Steigerungen bei den Bestandzahlen gab es sowohl bei den Vollhandwerken, den zulassungsfreien Handwerken als auch den handwerksähnlichen Gewerben. "Die starke Zunahme der Bestandzahlen lässt bedauerlicherweise nicht den Schluss auf einen aufkommenden Existenzgründerboom zu. Sie ist vielmehr Ausdruck einer gelenkten und forcierten Existenzgründungsstrategie durch das neue Handwerksrecht, durch staatliche Zuschüsse in Form der ICH-AG oder der Existenzgründerdarlehen," kommentiert Claus Munkwitz, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart, die Situation.

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Mit Sorge betrachtet Munkwitz die Tatsache, dass Betriebsgründungen nicht mit der Schaffung von neuen Arbeitsplätzen oder Ausbildungsplätzen einhergehen. "Meist sind die neuen Firmen Einmannbetriebe." Hinzu kommt, dass ein großer Teil der neuen "Selbstständigen" keine oder nur geringe Qualifikationen vorweisen können. Die Zahl der so genannten Betriebe des Vollhandwerks nahm um 57 Betriebe, die zulassungsfreien Handwerke legten um 330 zu.

Das handwerksähnliche Gewerbe, das in den vergangenen Jahren stets die höchsten Zuwächse zu verzeichnen hatte, wuchs um 68 Betriebe. Die Ursachen dieser Entwicklung liegen in der Anfang 2004 in Kraft getretenen neuen Handwerksordnung. Durch die Freistellung von der Meisterpflicht bei den 53 zulassungsfreien Handwerken ist dort eine besonders hohe Existenzgründungsbereitschaft festzustellen. Ein Ausweichen in den schon früher qualifikationsfreien Raum der handwerksähnlichen Gewerbe ist nicht mehr erforderlich. So nahmen beispielsweise auf der einen Seite die Teppichreinigerbetriebe im handwerksähnlichen Bereich um 29 auf 246 Betriebe ab und im Gegenzug nahmen die Gebäudereinigerbetriebe im Bereich der zulassungsfreien Handwerke um 136 auf 592 Betriebe zu. Deutliche Zuwächse waren auch bei den Fliesenlegern (+ 91 Betriebe) und bei den Raumausstattern (+ 39 Betriebe) zu verzeichnen. Bei den Zuwächsen der Vollhandwerke spielen die vereinfachten Verfahren zur Erlangung von Sondergenehmigungen eine große Rolle. So kann sich ein Handwerker nach sechs Jahren Tätigkeit als Geselle, davon vier Jahre in leitender Position, im zulassungspflichtigen Handwerk selbstständig machen; man spricht hier von der so genannten Altgesellenregelung. Im ersten Halbjahr 2005 wurden bereits mehr als 260 Sonderzulassungen erteilt, was einer Quote von 16 Prozent bei den Neueinträgen entspricht.

pm