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"Viele Menschen stehen noch immer unter Schock"

METZINGEN Die Schutthalden wachsen noch immer. Riesige Haufen türmen sich direkt vor den Türen der Menschen auf Sri Lanka. Der Müll ist nur bildhaftes Zeugnis der

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CHRISTINA HÖLZ

Zerstörung nach der großen Flut. Schlimmer sind die inneren Wunden der Singhalesen, sagt Roland Kilgus. Da ist die Mutter, die sich mehr als alles andere Schuhe für ihre Kinder wünscht. Nur mit Schuhen an den Füßen dürfen die Mädchen und Jungen auf Sri Lanka eine Schule besuchen, erzählt die Neckartenzlingerin Grete Kilgus. Und Bildung muss sein, auch in Zeiten des Ausnahmezustandes. Da sind andererseits die Fischer, von denen ihr Mann Roland Kilgus berichtet. Die Tsunami-Flut hat ihre Boote bis in die Dörfer hineingeschleudert. Jetzt sind die Kutter kaputt, die Motoren defekt viele Familien haben kein Einkommen mehr. Oder dieser junge Mann, der das verheerende Zugunglück nahe der Stadt Galle auf Sri Lanka überlebt hat. Mehr als 1 300 Menschen starben, als die Wellen die Waggons erfassten und davon schleuderten. Der Singhalese konnte sich auf eine Palme retten, aber seit der Flutkatastrophe ist alles anders.

In seiner Heimat will der junge Mann nicht mehr bleiben. "Er sucht jetzt Arbeit in Deutschland oder in Australien", erzählt Gottlob Hahn, Technischer Lehrer an der Gewerbeschule in Metzingen. Seit fünf Tagen sind Gottlob Hahn, Roland Kilgus und seine Frau Grete zurück aus Sri Lanka. Auf der Tropeninsel haben die drei ein Katastrophenhilfe-Projekt angeschoben, eine Aufbauaktion im Namen des Lions-Club Nürtingen-Kirchheim und der Gewerblichen Schule Metzingen. Letztere pflegt seit 20 Jahren Beziehungen mit dem Ceylon German Technical Institute, kurz "German Training", nahe der Hauptstadt Colombo. Gründervater der Schul-Partnerschaft ist Roland Kilgus. Der ehemalige Rektor der Gewerbeschule war einst Motor des Metzinger Modells - einer produktionsorientierten Ausbildung für Kfz-Mechaniker auf Sri Lanka - hat selbst sieben Jahre in den Tropen gelebt und viele Freunde gewonnen.

"Wir müssen einfach handeln", sagten sich der 67-jährige Pensionär und seine Frau Grete, als sie an Weihnachten die Nachrichten über die Katastrophe in Südasien im Fernsehen sahen. Rasch hatte das Ehepaar potenzielle Helfer um sich versammelt, etwa Hans Dieter Gommel, den Vorsitzenden des Lions-Club Nürtingen, und Dieter Kuhn, Roland Kilgus' Nachfolger als Leiter der Gewerbeschule. Geld wollten sie sammeln, um einfache Häuser in Sri Lanka wieder aufzubauen. Doch aus einer Privatinitiative, die im Wohnzimmer der Familie Kilgus begann, ist längst eine überregionale Hilfsaktion geworden. Die Initiatoren sind überwältigt von der Spendenbereitschaft.

Seit Ende Dezember sind 100 000 Euro zusammengekommen 500 Menschen gaben Geld für Sri Lanka, berichtet Hans Schäfer, Finanzverwalter im Lionsclub. Firmen aus der Region stellten zudem Werkzeuge für den Wiederaufbau zur Verfügung. Dank des gut gefüllten Kontos haben Kilgus, seine Frau und Gottlob Hahn die Menschen vor Ort mit dem Notwendigsten ausstatten können. Etwa mit einem Dach über dem Kopf. Gemeinsam mit Lehrlingen der Partnerschule haben die Ermstäler das zerstörte Haus eines anderen Schülers wieder hochgezogen. Es soll als Musterbau dienen: Zehn weitere Bauten sind geplant, und zwar auf einem Wohngelände im Landesinneren, das der Staat für die ehemaligen Bewohner der Küstengegend zur Verfügung stellt. Mit dem zuständigen Minister auf der Tropeninsel steht Roland Kilgus in Kontakt. Neuerdings ist seine Initiative auch Partner des baden-württembergischen Ministerium für Umwelt und Verkehr: Letzteres will die Wasserversorgung in einem Dorf auf Sri Lanka fördern und dafür mit den hiesigen Helfern zusammenarbeiten.

Gut 25 000 Euro wurden in dieser Aktion bislang für Menschen auf Sri Lanka investiert. Je 400 Euro gab's für sechs Familien die ihre Existenz verloren haben. Für 16 Familien wurden Haushaltswaren angeschafft, Baumaterial wurde ersetzt und eine Schulküche neu ausgestattet, damit unterernährte Kinder eine Anlaufstelle haben. Noch immer ist Hilfe gefragt, sind Spenden nötig. Auch, wenn sich manches nicht kaufen lässt. "Viele Menschen stehen noch immer unter Schock. Vor allem die, die ihre Familienmitglieder verloren haben", sagt Grete Kilgus.

Spenden können unter der Kontonummer 7408935 bei der KSK Esslingen, BLZ 61150020 eingezahlt werden.