Lokales

Viele Siebenbürger leben an der Armutsgrenze

Seit zwei Jahren organisiert Franz Roth, 69, aus Ötlingen Hilfstransporte für Not leidende Menschen im evangelischen Kirchenbezirk Mediasch/Rumänien. Auch Ende November wird sich der gebürtige Siebenbürger Sachse wieder ans Steuer setzen, um Spenden unter dem Motto "Winterhilfe" nach Rumänien zu bringen.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM Franz Roth kennt die Not der Menschen im Kirchenbezirk Mediasch in Siebenbürgen. Nach dem Massenexodus zu Beginn der Neunzigerjahre erhöhte sich der Altersdurchschnitt rapide. Die Zahl der betagten und hilfsbedürftigen Menschen in den 47 Gemeinden des Bezirks nahm zu, und damit auch die Zahl derer, die dringend auf medikamentöse Hilfe angewiesen sind.

Wie der Ötlinger mit dem unverkennbaren Dialekt der Siebenbürger Sachsen berichtet, gibt es im heutigen Rumänien quasi eine Marktwirtschaft mit allen Vor- und Nachteilen. Doch es ist wie überall: Wenn das Geld fehlt, entfliehen selbst die einfachsten Dinge des Lebens in unerreichbare Ferne. Und die Armut ist groß im Karpatenland, vor allem bei den Arbeitslosen und Rentnern. Bei einer durchschnittlichen Rente von 50 Euro im Monat und einem Brotpreis von 1,50 Euro können sie sich kaum noch selbst versorgen. Kommen dann noch Ausgaben für Winterkleidung oder Medikamente hinzu, stellt sich für viele die Frage, wie weiter existieren?

Franz Roth, der mit seiner Frau bis 1973 selbst in Mediasch lebte, kann angesichts solch menschlicher Tragödien nicht einfach wegsehen und sagen: "Mir geht's gut. Ich hab's geschafft." Deshalb will er die überlebenswichtige Unterstützung im Herkunftsgebiet nicht nur dem Sozialwerk der Siebenbürger Sachsen überlassen "die Spenden gehen immer mehr zurück" , sondern organisiert selbst Hilfstransporte und bittet Firmen und Privatleute um Geld- und Sachspenden.

Eine große Herausforderung für Franz Roth ist immer wieder der Transport selbst. 17 bis 18 Stunden sitzt er hinterm Steuer. Rund 1 400 Kilometer beträgt die Route quer durch Deutschland, Österreich und Ungarn nach Rumänien. Doch die Dankbarkeit und Herzlichkeit der Menschen in Mediasch lässt ihn all die Strapazen der Fahrt und die Sorgen um eine reibungslose Abwicklung der Grenzformalitäten rasch vergessen. Sein Hilfstransport mit den gespendeten Kleidern, Schuhen, Lebensmitteln, Decken, Windeln, Medikamenten und Fahrrädern wird sehnlichst vom Evangelischen Diakonieverein Mediasch und den Hilfsbedürftigen erwartet. Der Verein unterhält in Hetzeldorf/Atel ein Altenheim, bereitet täglich rund 100 Portionen "Essen auf Rädern" vor, betreibt eine Sozialstation mit Medikamentendienst und eine integrative Jugendwerkstatt.

Der Diakonieverein Mediasch setzt die Spenden gezielt ein und kann dadurch vielen Sozialhilfeempfängern im Kirchenbezirk helfen, nicht nur Deutschstämmigen, sondern auch Ungarn, Rumänen und Roma.

Derzeit stellt Franz Roth wieder einen Hilfstransport auf die Beine. Für die geplante Aktion "Winterhilfe" fehlt es jedoch noch an vielen Dingen, sagt der Ötlinger. "Benötigt werden auf Grund der Situation in Siebenbürgen insbesondere Lebensmittel, Winterkleidung und Geldspenden." Monetäre Hilfe kann an die Kirchenpflege Kirchheim/Teck, KSK Esslingen, BLZ 611 500 20, Konto-Nummer 48 30 06 45, mit dem Vermerk "Winterhilfe" überwiesen werden. Die Evangelische Kirchengemeinde Ötlingen und die der Martinskirche unterstützen die Hilfsaktion tatkräftig. So können Spenden nicht nur bei Franz Roth in Ötlingen, Ob den Bachäckern 3, Telefon 0 70 21/4 13 59, abgegeben werden, sondern auch bei Pfarrer Keller in Ötlingen.

Wenn sich Franz Roth am 25. November auf den langen Weg begibt, wird er diesmal nicht alleine sein. Konstantin Lepadusch vom gleichnamigen Nissan-Autohaus stellt nicht nur das Transportfahrzeug zur Verfügung, sondern will sich persönlich einen Eindruck von der Situation in Siebenbürgen verschaffen.