Lokales

"Viele wollen einfach nur mal raus"

Das Kirchheimer Buschcafé ist in den Eckpunkt in der Hindenburgstraße umgezogen. Das Café bietet psychisch Kranken die Möglichkeit, sich in geschützter Atmosphäre zu treffen und auszutauschen. Viele Kirchheimer Bürger nutzen das Café aber auch als günstige Alternative zum bestehenden Gaststättenangebot.

KIRCHHEIM "Ernie, machst du mir noch einen Kaffee?" Ernestine Orzechowski wirbelt hinter der Theke im Buschcafé zur Kaffeemaschine. "Die ist ganz neu und macht einen super Kaffee", erzählt die 63-Jährige. Auch Leckereien wie Milchkaffe und Capuccino habe man jetzt endlich im Angebot. Dass die gut gelaunte Kirchheimerin vor einigen Jahren mit Depressionen zu kämpfen hatte, merkt man ihr nicht an. "Ich hatte eine schwere Phase", sagt sie. Viel mehr möchte sie dazu lieber nicht erzählen. Schließlich sei das zum Glück vorbei. Statt über die Vergangenheit zu klagen, macht sich Orzechowski lieber nützlich. Im Buschcafé hat sie einen Ort gefunden, wo ihre Erfahrungen nicht nur nicht stören, sondern nützlich sind.

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"Einige unserer ehrenamtlichen Helfer hatten früher selbst Probleme", berichtet Sozialarbeiterin Anja Kirschner. Die Mitarbeiterin des sozialpsychiatrischen Dienstes ist für das Buschcafé zuständig und froh über die Hilfe der elf Ehrenamtlichen. "Gerade die, die früher selbst krank waren, kommen besonders gut mit unseren Besuchern ins Gespräch", erzählt sie. Weil sie wüssten, wie sich Depressionen oder Angstzustände anfühlen, könnten sie besonders schnell einen Bezug zu den Besuchern herstellen. Wie alle Helfer werden sie von den Mitarbeitern des sozialpsychiatrischen Dienstes geschult und betreut. "Einmal im Jahr gehen wir zusammen auf ein Wochenendseminar. Dann wird vor allem darüber geredet, was die Arbeit unseren Ehrenamtlichen bringt. Keiner soll hier helfen ohne das Gefühl, dass ihm die Arbeit etwas zurückgibt."

Das Buschcafé, zu deren Trägern Kreisdiakonieverband und Evangelische Gesamtkirchengemeinde gehören, ist eine der wenigen Einrichtungen für psychisch Kranke im Kreis Esslingen, die fest auf die Hilfe der Ehrenamtlichen setzt und damit bisher beste Erfahrungen gemacht hat. "Es ist einfach viel angenehmer für die Besucher, wenn sie zuerst einmal ganz normalen Menschen gegenübersitzen und nicht immer sofort einen Termin mit dem Sozialarbeiter vereinbaren müssen", erklärt Anja Kirschner.

"Mir macht der Service einfach Spaß", erzählt Ernestine Orzechowski. "Und ich komme gern unter Menschen. Es ist schön, für andere da sein zu können." Dann hat sie wieder zu tun. Ein Schwarm Besucherinnen strömt in das Café. "Unsere Tanzfrauen kommen jeden Dienstag", sagt Anja Kirschner. Die Kirchheimerinnen treffen sich nach dem Tanzen regelmäßig zu Kaffee und Kuchen. Krank sind die Frauen nicht. Sie genießen die entspannte Atmosphäre. Gemütlich sitzt das Dutzend Frauen um eine lange Tafel. Man tratscht über Nachbarn, Familie und das Tanzen.

"Bei uns sind alle Besucher willkommen", erklärt Kirschner. "Man muss kein Rezept mitbringen, um bei uns am Tisch zu sitzen." Sie ist froh über alle Besucher, die den psychisch kranken Menschen ein bisschen Normalität und Ruhe vermitteln. "Viele unserer Kranken haben erstens nicht genug Geld, um die Preise in normalen Gaststätten zu bezahlen", berichtet sie. "Und zweitens trauen sich viele auch kaum aus ihren vier Wänden. Hier können sie herkommen, ohne schief angesehen zu werden. Viele wollen einfach nur mal raus aus ihren vier Wänden, und dann kommen sie zu uns."

Am Tisch neben den Tanzfrauen sitzen einige psychisch Kranke. Ernestine Orzechowski und ein weiterer Helfer schenken Getränke aus. Immer wieder setzen sie sich dazu und unterhalten sich. "Tschüss, Frau Kirschner", ruft ein älterer Mann und kommt mit ausgestreckten Armen auf die Sozialarbeiterin zu. "Ich komme jetzt eine Weile nicht, ich fahre in Urlaub in die Türkei." Nach einem herzlichen Händedruck verschwindet der Mann durch die Glastür. Wie für ihn ist das Buschcafé für viele Besucher die erste Anlaufstelle bei Schwierigkeiten. "Er litt unter paranoider Schizophrenie, hatte viele Ängste und fühlte sich beobachtet und verfolgt", verrät Anja Kirschner. "Er litt so sehr darunter, dass er oft große Schwierigkeiten hatte, im Alltag zurechtzukommen. Das Café war für ihn lange Zeit ein fester Bestandteil seiner Wochenplanung. Hier darf er einfach so sein wie er ist und wird ernst genommen und jetzt fährt er allein in den Urlaub. Das ist toll."

sk

INFOWer sich für das Buschcafé interessiert oder gerne als ehrenamtlicher Helfer mitarbeiten möchte, erhält weitere Informationen bei Anja Kirschner und Stefan Leidner unter der Telefonnummer 0 70 21/92 09 20-0.