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"Vielfältiger, älter und weniger"

"Das Leben besteht aus Wandel", betonte Dr. Monika Stolz bei der Landestagung des Städtenetzwerks gestern in Kirchheim. Herausragendes Kennzeichen der jetzigen Zeit ist der demografische Wandel. Ihn gelte es als Herausforderung anzunehmen, meinte die Sozialministerin und forderte zur Weiterentwicklung bürgerschaftlichen Engagements auf.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Die Landessozialministerin plädierte dafür, dem demografischen Wandel die Chancen abzugewinnen, die er durchaus biete. Abzuwenden sei er ohnehin nicht, machte Stolz klar: "Die Bevölkerung in Deutschland wird vielfältiger, älter und weniger".

Im Rahmen dieser Entwicklung bescheinigte die Fachfrau dem Land gute Chancen. Die Lebensperspektiven hier würden als sehr gut eingestuft. "Das soll uns kein Ruhekissen sein, sondern Ansporn", machte sie klar, dass man sich gerade im Südwesten der Republik besonders aktiv auf den Wandel vorbereiten müsse. Gefordert sei ein neues Leitbild der Stadtentwicklung. Wesentliche Bedeutung komme dabei dem bürgerschaftlichen Engagement als Kitt der Gesellschaft zu. Dieses Engagement gewährleiste Lebensqualität. Zum Beweis der Attraktivität Baden-Württembergs griff die Ministerin auf die Statistik zurück: 42 Prozent aller über 14-Jährigen engagieren sich ehrenamtlich, womit das Ländle auch in diesem Punkt spitze ist.

Wichtig dabei: Bürgerschaftlich engagierte Menschen sollten keine Lückenbüßer sein, sondern die Gemeinschaft bereichern. "Deshalb braucht man Raum für Eigeninitiative", warb die Ministerin um Unterstützung durch die Städte. Ein Beispiel für derartige Förderung ist Kirchheim, das nicht zuletzt deshalb zum Sitz der zwölften Städtenetzwerk-Tagung auserkoren wurde. Die Tagung, die weit mehr als 100 Gäste aus dem ganzen Ländle ins Steingau-Zentrum lockte, stand unter dem Motto "Vitale Stadtgesellschaft Bürgerschaftliches Engagement als Strategie zur Stadtentwicklung".

"Die Chance des demografischen Wandels wird sich nur erschließen, wenn zuvor investiert wurde", betonte Städtetag-Dezernentin Agnes Christner und bescheinigte der Stadt, dies schon frühzeitig erkannt zu haben. Klar sei, dass vitale Stadtgesellschaften ausschließlich da entstehen könnten, wo bürgerschaftliches Engagement stark ausgeprägt sei. "Der Weg dorthin ist nicht immer ganz einfach", verhehlte die Städtetag-Mitarbeiterin auch nicht vor zahlreichen Tagungsteilnehmern aus baden-württembergischen Städten, in denen das bürgerschaftliche Engagement noch in den Kinderschuhen steckt. An die Adresse der Landesregierung richtete sie die Bitte, sich auf steuerlicher Ebene für die Stärkung dieses Engagements und für das Etikett der Gemeinnützigkeit einzusetzen.

Gabriele Steffen vom Institut für Stadtplanung und Sozialforschung "Weeber+Partner" schilderte den Weg von der Bürgerbeteiligung zu Bürgerengagement und betonte die wachsende Bedeutung der Bürger innerhalb der kommunalen Verantwortung seit den 70er-Jahren. Allen Städten riet sie, sich die Chancen bürgerschaftlichen Engagements nicht entgehen zu lassen, erwähnte aber auch typische Kritikpunkte. So wurde in der Anfangszeit moniert, dass sich eine Art "Berufsbürger" von dieser Art ehrenamtlicher Tätigkeit angesprochen fühle: die sprachgewandte Mittelschicht mit relativ viel Freizeit. Sie zeigte aber auch andere Beispiele: Projekte, die von Migranten auf die Beine gestellt wurden, wie die griechische Kirche in Esslingen.

Hinter dem Begriff der vitalen Stadt verbirgt sich laut Gabriele Steffen eine Stadt, die sich von einer bloßen (Schlaf-)Siedlung durch Alltagstauglichkeit abhebt. Kurze Wege müssten das Hauptkennzeichen sein, ferner solle die Stadt von Menschen selbst gebaut oder umgebaut sein, wie dies etwa in der Tübinger Südstadt gelungen sei. Stadtplaner Martin Kurt führte anschließend aus, welche Rolle dem Bürgerschaftlichen Engagement beim Stadtentwicklungskonzept "Chancen für Ludwigsburg" zukommt.

Im Laufe des Nachmittags nahmen die Anwesenden an Workshops teil. Da ging es unter Anleitung von Experten um die Planung von Lebensräumen, die Aktivierung benachteiligter Gruppen, Gesundheit und Prävention sowie um die Herstellung neuer sozialer Netzwerke wie beispielsweise der lebendigen Nachbarschaft im Kirchheimer Klosterviertel unter dem Thema "Lebensräume von 0 bis 100".

Im Mittelpunkt der Diskussionen stand der zum Engagement bereite Mensch, ganz entsprechend dem von Hausherr Pastor Günter Öhrlich von der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde eingangs geäußerten Gedanken, dass Menschen den Glauben an das in ihnen steckende Potenzial bräuchten. Dazu bedürfe es oft nur der Emutigung. Entsprechend ermutigt traten die Tagungsteilnehmer nach ergiebigem Austausch die Heimreise an.

Zitat"Wer an den Dingen der Stadt keinen Anteil nimmt, ist kein stiller, sondern ein schlechter Bürger." Dem griechischen Staatsmann Perikles zugeschriebene Äußerung, zitiert von Landessozialministerin Stolz im Werben um mehr bürgerschaftliches Engagement.