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Vier Herzoginnen von Württemberg blickten zurück

Prominente Adelige wurden am Wochenende im Kirchheimer Schloss erwartet, denn ehemalige Schlossbewohnerinnen hatten sich zum Besuch ihrer ehemaligen Residenz entschlossen. Vier Herzoginnen von Württemberg stellten dem "versammelten Volk" dann auch ihr Leben und ihre Zeit vor.

MARIA GLOTZBACH

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KIRCHHEIM Hinter den Toren des Kirchheimer Schlosses verbirgt sich interessante und bedeutsame Landesgeschichte. Das Renaissanceschloss wurde unter Herzog Ulrich Christoph von Württemberg von 1538 bis 1560 erbaut. Kurz nach seiner Fertigstellung diente das Schloss dem württembergischen Herrscherhaus als Residenz, als in Stuttgart die Pest wütete. Ab dem 17. Jahrhundert erlebte das Kirchheimer Schloss eine kulturelle Blüte. Es diente fortan 200 Jahre lang als Wohnsitz der Witwen aus dem Haus Württemberg, die das neue Zuhause restaurierten und darin investierten.

Die adligen Damen kamen meist von weit angereist. "Reisen war damals kein Vergnügen", erklärt Bernd Budde in seiner Eröffungsrede. "Man war Gefahren ausgesetzt, wie Räubern, schlechten Gasthäusern oder auch gebrochenen Achsen". Jedoch hinderte dies Magdalena Sibylla nicht daran, 1673 ihre Tante in Stockholm zu verlassen, um den württembergischen Herzog Wilhelm Ludwig zu heiraten.

Die Ehe währte aber nicht lange, denn nach vier Jahren starb der Herzog und hinterließ vier Kinder. Darunter den Thronfolger Eberhard Ludwig, für welchen Magdalena Sibylla die Vormundschaft übernahm gegen den Willen ihres Schwagers Herzog Friedrich Carl und ihn bereits mit 17 Jahren als volljährig erklärte, sodass er seine Regentschaft antreten konnte. Magdalena Sibylla machte sich aber nicht nur für ihren Sohn stark, sondern auch für Kirchheim.

Nach dem Brand von 1690 übernahm die Witwe die Sanierung der Schlosskapelle. Ihre Schwiegertochter Johanna Elisabeth bezog 1733 ebenfalls das Schloss. Ihre Ehe mit Herzog Eberhard Ludwig resultiert aus einer damals gängigen Familienstrategie: Ziel dieser Ehe war es, die lutherischen Familienhäuser in Südwestdeutschland zusammenzuschweißen. Problematisch wurde diese Ehe vor allem durch die Mätresse Eberhard Ludwigs, Wilhelmine von Grävenitz. Während Johanna Elisabeth in Stuttgart residierte, lebte der Herzog mit seiner Geliebten in Ludwigsburg. Diese Alliance führte 1707 zu einer Heirat, welche aber im folgenden Jahr aufgelöst wurde.

Auch Franziska von Hohenheim war zuerst die Mätresse von Herzog Carl Eugen. Nach ihrer Scheidung und dem Tode der ersten Frau Carl Eugens, heiratete das Paar 1785 und sechs Jahre später wurde Franziska von Hohenheim als Herzogin von Württemberg anerkannt. Ihr verdankt Württemberg den Wandel Carl Eugens von einem willkürlichen absolutistischen Herrscher zu einem verantwortlichen und menschenfreundlichen Landesvater. Wegen ihres guten Einflusses wird sie auch als "guter Engel Württembergs" bezeichnet.

In Kirchheim bemühte sich die Herzogin vor allem um das gesellschaftliche und kulturelle Leben. So auch Herzogin Henriette. Nach dem Tod ihres Mannes bezog sie 1817 das Kirchheimer Schloss. Ihr Aufenthalt ist vor allem durch ihr soziales und kulturelles Engagement geprägt sowie durch ihre Kontakte zum Ausland.

Henriette erhielt beispielsweise Besuch vom Paladin von Ungarn, König Wilhelm I. und der russischen Zarenwitwe. Mit ihr aber endet auch die Zeit des höfischen Lebens im Schloss. Dies alles berichtete Heinz Skrzipietz, Zeremonienmeister der Ludwigsburger Gruppe "incognito", während die adligen Damen die Treppen zur Eingangshalle hinunterschritten. Begleitet wurde ihr Auftreten mit klassischer Musik aus der jeweiligen Epoche sowie mit ihrem Gefolge alle verkleidet in Kostümen aus ihrer Zeit.

Die Zeitreise durch die Geschichte des Kirchheimer Schlosses wurde von den vielen Gästen mit großem Interesse verfolgt. In der Eingangshalle herrschte wortwörtlich ein buntes Treiben: Von Jeans über barocke Kleider bis zum venezianischen Karneval war alles vertreten. Unter den geladenen Gästen befanden sich nicht nur Adelige, sondern auch Vertreter der lokalen Prominenz. So vertrat Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker die Zeitgeschichte, als eine Frau mit Engagement und vielseitigem Interesse. "Es ist mir eine große Ehre, hier dabei sein zu dürfen", erklärte das Kirchheimer Stadtoberhaupt verlegen und fügte mit Stolz hinzu: "Frauen haben schon immer viel in Kirchheim bewegt".

Veranstalter des Nachmittages waren die Kirchheimer Venezianischen Maskenfreunde, die Ludwigsburger Gruppe "incognito" und "Viva Venezia". "Die Idee für diesen historischen Tag", erklärt Sabine Scherer, Mitglied der Gruppe "incognito" und Hauptorganisatorin der gelungenen Veranstaltung, "resultiert aus dem 300-jährigen Jubiläum in Ludwigsburg mit dem Thema Herrscher in Ludwigsburg. Dabei werden aber die Frauen in der Geschichte Württembergs vergessen. Und Kirchheim als Witwensitz ist der ideale Ort für die Darstellung der Geschichte württembergischer Herrscherinnen". Jedoch war nicht nur eine Wiederbelebung der Geschichte Ziel des Nachmittages, sondern auch, "das Kirchheimer Schloss aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken", informiert Doris Pagenkopf, Mitglied und Chefin der Kirchheimer Maskenfreunde.