Lokales

Vierbeiner als starke Helfer

Die Rettungshundestaffel des DRK gehört zu den Anwärtern auf den Ehrenamtspreis

An 365 Tagen im Jahr sind die Mitglieder der DRK-Rettungshundestaffel Nürtingen-Kirchheim immer dann zur Stelle, wenn es darum geht, bei der Suche nach vermissten Menschen zu helfen. Die 32 aktiven Rettungshundeführer und ihre Vierbeiner gehören zu den zehn Anwärtern auf den Ehrenamtspreis.

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heike allmendinger

Kirchheim. „Martina, ich hab‘ was für dich“, sagt Martin Schatzinger, während er seiner „Kollegin“ von der DRK-Rettungshundestaffel Nürtingen-Kirchheim einen fest zugeknoteten Gummihandschuh überreicht. Martina Luft lässt ihren sieben Monate alten Leo, einen Golden Retriever, aus dem Auto springen und öffnet das kleine „Päckchen“. Zum Vorschein kommt die Armbanduhr des vermissten Sean Reimann, der irgendwo im angrenzenden Waldgebiet in der Nähe des Standorts der DRK-Rettungshundestaffel auf dem Hohenreisach in Kirchheim zu finden sein muss. Neugierig schnuppert Leo an der Uhr – und dann geht’s los: Mit dem Geruch von Sean Reimann in der Nase flitzt der Golden Retriever, der als sogenannter Mantrailer ausgebildet ist, mit seinem Frauchen im Schlepptau in Richtung Wald. Die Suche dauert nur wenige Minuten – dann entdeckt Leo den auf einer Bank sitzenden und ursprünglich 800 Meter entfernten Sean Reimann. Zur Belohnung gibt‘s ein Leckerli.

Mindestens zehn Stunden wöchentlich üben die 32 aktiven Mitglieder der DRK-Rettungshundestaffel mit ihren 35 Hunden unterschiedlicher Rassen, wie man als Rettungshunde-Team bei der Suche nach vermissten Menschen vorgeht. Dabei wählen die Hundebesitzer stets andere Orte aus, denn ihre Vierbeiner sind nicht dumm: Würden sie immer in derselben Umgebung trainieren, dann hätte sich den Rettungshunden schnell jedes Eck der Wälder und Wiesen ins Gedächtnis eingebrannt. „Manchmal üben wir auch auf Firmengeländen. Es ist toll, dass einige Unternehmer uns ihr Areal zur Verfügung stellen“, freut sich Martin Schatzin­ger, Bereitschaftsleiter der Rettungshundestaffel.

An diesem Donnerstagabend fahnden die Schäferhunde, Labradors, Border Collies, Golden Retriever, Rottweiler und einige weitere Hunderassen jedoch nicht nur nach vermeintlich vermissten Menschen im Wald – auf dem Vorplatz des Gebäudes, in dem die DRK-Rettungshundestaffel untergebracht ist, sind einige Hundebesitzer fleißig dabei, ihren Lieblingen Gehorsam und Unterordnung beizubringen. Und nebenan haben die Mitglieder einige Hindernisse aufgebaut, die es für die Tiere zu überwinden gilt: So sollen sie zum Beispiel über eine auf Getränkekisten liegende Leiter klettern oder auf einem Brett balancieren, das auf einem Fass hin und her wippt. Aber auch die spektakuläre „Feuertunnel-Übung“ gehört zur Trainingseinheit: Dabei flitzen die Hunde durch ein Drahtgestell, das von einer Feuerdecke umhüllt ist und auf dem bedrohlich brennende, mit Benzin gefüllte Behälter stehen.

Vor 22 Jahren wurde die DRK-Rettungshundestaffel Nürtingen-Kirchheim gegründet, die seit ihrem Bestehen zahlreiche Einsätze im In- und im Ausland geleistet hat. So waren die Hundeführer zum Beispiel im Jahr 1988 bei einem Erdbeben in Armenien und 1996 beim Einsturz eines zwölfstöckigen Hochhauses in Kairo vor Ort. Bei einem weiteren Erdbeben in der Türkei 1999 konnten sie 21 Menschen lebend aus den Trümmern bergen. Doch solche größeren Einsätze sind nur die Spitze des Eisbergs. Denn jedes Jahr erbringen die Mitglieder, die keine Aufwandentschädigung für ihren Einsatz erhalten, etwa 1 000 Stunden ehrenamtliche Arbeit. Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, sind sie immer dann zur Stelle, wenn es darum geht, vermisste Menschen zu suchen und zu finden – zum Beispiel Kinder, verwirrte Personen oder Unfallopfer, aber auch Menschen, die sich in psychiatrischer Behandlung befinden und suizidgefährdet sind. Im Jahr leistet die Rettungshundestaffel rund 100 Einsätze, vor allem im Kreis Esslingen. „Die meisten Einsätze laufen im Stillen ab“, unterstreicht Lena Gielen vom DRK des Kreises Esslingen. Finanziert wird die Arbeit der Rettungshundestaffel ausschließlich über Spenden. Diese kommen vor allem bei Veranstaltungen zusammen, bei denen sich die Rettungshundeteams mit Vorführungen präsentieren.

Der Staffel Nürtingen-Kirchheim gehören vier Arten von Rettungshunden an: Das Gros bilden die 24 Flächensuchhunde, die beispielsweise in großen Waldgegenden eingesetzt werden und die auf Gerüche eines Vermissten wie zum Beispiel Adrenalin reagieren. Außerdem gibt es sechs Trümmersuchhunde, drei Wassersuchhunde und drei Mantrailer, die über Kleidungsstücke oder andere Gegenstände den individuellen Geruch eines Menschen aufnehmen und diesem folgen können. Einen typischen Rettungshund – was Rasse und Größe anbelangt – gibt es nicht, betont Sean Reimann, stellvertretender Bereitschaftsleiter. Allerdings sollten die Tiere nicht allzu groß und schwer beziehungsweise nicht zu klein sein. „Geeignet ist jeder mittelgroße Hund, der einen gewissen Spiel- oder Futtertrieb aufweist“, fügt Martin Schatzinger hinzu.

Die Ausbildung zum Rettungshund, die bei den Kreisverbänden oder beim Landesverband des DRK absolviert wird, dauert bei Flächensuchhunden zwischen eineinhalb und zwei Jahren und bei Mantrailern sowie Trümmer- und Wassersuchhunden zweieinhalb Jahre. Am Ende der Ausbildung steht eine Prüfung an, welche die Tiere alle 18 Monate erneut ablegen müssen. Die Rettungshundeführer, die sich unter anderem in der Karten-, Kompass- und Trümmerkunde auskennen und auch erste Hilfe am Hund gelernt haben, sind darüber hinaus mindestens ausgebildete Sanitätshelfer.

„Unsere Hundeführer müssen viel Zeit aufbringen. Wenn man bei uns aktiv dabei ist, braucht man sich um ein anderes Hobby gar nicht erst zu kümmern“, verdeutlicht Martin Schatzinger den enormen Zeitaufwand. Sollte die Rettungshundestaffel als Sieger des Ehrenamtspreises aus dem Rennen gehen, dann wüssten die Mitglieder schon jetzt, wie sie das Geld verwenden würden: „Unsere Einsatzkleidung ist 22 Jahre alt. Es ist die Erstausrüstung von 1988“, erzählt der Bereitschaftsleiter. „Wenn wir in den Genuss kommen, dann könnten wir uns endlich neue, regendichte Kleidung anschaffen.“