Lokales

Vierzehneinhalb Stunden im Ärmelkanal

In der Nostalgie-Show "Der gute alte Südfunk" im Stuttgarter Haus der Geschichte hat die Bissinger "Lamm"-Wirtin Else Ederle Einzelheiten aus dem Leben ihrer Cousine Gertrud Ederle erzählt, die 1926 als erste Frau in vierzehneinhalb Stunden durch den Ärmelkanal geschwommen ist.

RICHARD UMSTADT

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BISSINGEN/STUTTGART Der "gute alte Südfunk", der 1998 zu Grabe getragen wurde, sollte nochmals auferstehen, wenngleich auch nur für fünf Tage. Dafür sorgte Horst Jädicke, 81, der ehemalige Fernsehdirektor des SDR. Im Haus der Geschichte in Stuttgart hält er in dieser Woche an fünf Abenden Rückschau auf den Sender, der als SÜRAG begann, dann zum Reichssender Stuttgart "entartete", nach dem Krieg als Radio Stuttgart, von den Besatzungstruppen geleitet, wieder auferstand und als Süddeutscher Rundfunk zur Selbstständigkeit zurückkehren durfte.

In dieser Reminiszenz an den Südfunk kamen unter anderem auch Zeitzeugen zu Wort. So erinnerte sich gleich zum Auftakt der Nostalgie-Show an Allerheiligen die Bissinger "Lamm"-Wirtin Else Ederle, 85, an ihre Cousine Gertrud Ederle, die am 6. August 1926 als erste Frau in der Rekordzeit von vierzehneinhalb Stunden den Ärmelkanal bezwang.

Diese sensationelle Leistung der damals 19-jährigen Schwimmerin rief weltweit ein begeistertes Echo hervor. Und der Südfunk nahm aktiv in Gestalt seines Rundfunksprechers und Reporters Georg Ott daran teil. Denn der bekannte Radiomann ließ es sich nach dem Empfang Gertrud Ederles in Bissingen, der Heimat ihres Vaters, nicht nehmen, in einem Wettschwimmen im Bissinger "Sai" gegen dem Göppinger Schwimmmeister Heinz Faust und Superstar "Trudy" anzutreten. Es muss nicht erwähnt werden, dass die junge Dame den Männern mühelos davonschwamm. Dennoch überreichte Ott dem Mädle aus New York zur Erinnerung ein Büchle mit Widmung, das nun im Besitz der Lammwirtin ist.

Else Ederle gab in der Nostalgie-Show mit ihrem gewohnt trockenen, schwäbischen Humor nicht nur diese Episode zum Besten, sondern erzählte auch, wie ihre Cousine 1914 im Bissinger See schwimmen lernte und räumte mit Falschmeldungen auf, die teils aus ideologischer Propaganda der Nazis entstanden, teils aus Sensationsgier und Unkenntnis der wahren Verhältnisse, geboren, die Zeitungen seit 1926 bevölkert hatten. Die Heldin von einst sei bettelarm und müsse hausieren gehen, hatte die Goebbels-Propaganda gemeldet und fantasiert: "Die berühmteste Schwimmerin der Welt ist lebensmüde und will sich in ein Heim zurückziehen." Außerdem mäkelte die Nazipresse, eine Frau gehöre als gute Mutter an Heim und Herd. Es hatte den Herren mit den roten Binden und der braunen Gesinnung wohl nicht in den Kram gepasst, dass die junge Amerikanerin selbstbewusst verkündet hatte: "Ich bin durch den Kanal geschwommen, um zu zeigen, dass auch eine Frau zu solch einer Leistung fähig ist."

Zweimal hatte die Bissinger Lammwirtin ihre Cousine in Amerika besucht und dabei feststellen dürfen, dass die "Trudy" weder depressiv veranlagt noch verarmt war. Gertrud Ederle arbeitete als Schwimmlehrerin und gab unter anderem behinderten Kindern kostenlosen Schwimmunterricht. Trotz gesundheitlicher Probleme stieg sie noch mit 85 in die Fluten des Atlantiks. Mit 30 kaufte sie sich zwar bereits einen Heimplatz, doch lebte sie bis ins hohe Alter selbstständig in einem Haus in Queens. Erst mit 95 zog sie in ein Pflegeheim, wo sie am 30. November 2003 im Alter von 97 Jahren verstarb.

Der Vater der Kanalschwimmerin, Heinrich Ederle, war mit 16 als Metzgersbub 1892 von Bissingen nach Amerika ausgewandert und in New York mit schwäbischen Wurstwaren vermögend geworden. Für viele Auswanderer aus der schwäbischen Heimat war seine Adresse in der Amsterdam Avenue der erste Anlaufpunkt und Zufluchtsort.

INFODie Erinnerungswoche "Der gute alte Südfunk" im Stuttgarter Haus der Geschichte dauert bis Samstag, wobei die Nostalgie-Show mit Horst Jädicke und zahlreichen "alten Bekannten" aus der Zeit von "Pferdle ond Äffle" jeweils um 20 Uhr im Otto-Borst-Saal beginnt.