Lokales

Virtuose Buchbinder fesselten die Besucher

Viele nutzten die Gelegenheit, beim Museumsfest fleißige Handwerker bei der Arbeit zu sehen

Beim Fest des Städtischen Museums im und rund um das Kirchheimer Kornhaus hatten wieder Handwerker aus vielen unterschiedlichen Berufen ihre Werkstätten mitgebracht und demonstrierten den zahlreichen Besuchern anschaulich, wie früher, in der Zeit bevor die großen Fabriken kamen, gearbeitet wurde.

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GIEW MASCHAJECHI

Kirchheim. Kunstmaler führten vor, wie mit viel Geschick und Geduld Gemälde in neuem Glanz erstrahlen und ein Buchrestaurator veranschaulichte, welcher Aufwand hinter einem handgebundenen Buch steckt. Mit Nadel und Faden heftete er Seite für Seite geduldig zusammen, um daraus in mühevoller Fleißarbeit ein Bilderbuch entstehen zu lassen.

Richtig mit anpacken konnten die vielen Kinder unter den Besuchern in der Lederwerkstatt. Dort durften sie unter Anleitung schmucke Schlüsselanhänger aus Leder basteln und dabei ihr Geschick mit Hammer und Schere unter Beweis stellen. Auch bei Korbflechtmeister Hans Mayer durfte wer wollte selbst mit Hand anlegen und sich aus langen Weidenruten ein kleines Körbchen flechten.

Mit geschickten Händen schlingt der 80-Jährige Halm für Halm kunstvoll ineinander, bis schließlich ein Korb entstanden ist. „Ich mache das seit 1945. Ich kann davon nicht lassen“, sagt er und man sieht ihm die Freude an der Arbeit merklich an. Daneben hatten die Besucher Gelegenheit, sich im Töpfern zu versuchen oder sich von Grafiker Wolfgang Znaimer in die Kunst der Kaligrafie, des Schönschreibens von Hand, einführen zu lassen.

Wem das noch nicht knifflig genug war, der war am Stand von Martin Westermayer richtig. An seinem Stand hat der Uhrmachermeister in vierter Generation Werkzeuge aus der Zeit seiner Ahnen aufgebaut. Kreissägen, Fräsmaschinen, Drehbänke und viele weitere historische Maschinen zur Metallbearbeitung hatte Martin Westermayer aus der oberschwäbischen Kurstadt Bad Wurzach mit nach Kirchheim gebracht. Ein großes Auto brauchte er dafür nicht. Im Gegenteil, seine Maschinen passen alle in nur einen Koffer.

Gerade mal fünf Zentimeter groß ist beispielsweise die handbetriebene Kreissäge und auch die Drehbank lässt sich bequem in einem Rucksack verstauen. Kein Wunder, denn die Teile, die Martin Westermayer mit diesen Werkzeugen bearbeitet, sind meist nur wenige Millimeter groß. Sehen kann er sie nur, wenn er sich die Lupe ans Auge klemmt. Dann erkennt er beispielsweise, ob ein Zahnrad an einer Armbanduhr so abgenutzt ist, dass es ausgetauscht werden muss. Dann fräst er ein neues, das exakt in diese Uhr passt. Jede Uhr sei anders, auch wenn sie in der Fabrik gefertigt wurde. Auch dort passten die Uhrmacher Zahnrad für Zahnrad individuell an, sodass sie wie im schon sprichwörtlich gewordenen Uhrwerk ineinandergreifen. Das wichtigste Bauteil einer Uhr sei die Unruh, erklärt Martin Westermayer. Sie regle das Gangwerk, sei also der Taktgeber der Uhr und müsse mit äußerster Präzision gefertigt werden.

Ein Uhrmacher sitze nicht nur in der warmen, gemütlichen Werkstatt, meint er. Wenn sich beispielsweise im Winter durch die Kälte das Metall zusammenzieht und die Zeiger einer Kirchenuhr nicht mehr die rechte Zeit anzeigten, habe er schon so manches Mal in klirrender Kälte, auf einem kleinen Brettchen sitzend, wieder die richtige Uhrzeit eingestellt. „Da hat man neun Finger in der Hosentasche“, scherzt Martin Westermeyer. Auf die Frage, welche Eigenschaft denn die Wichtigste für einen Uhrmacher sei, meint er in Anspielung auf seine Turmuhrgeschichte: „Humor und Geduld, denn wer schraubt denn schon an so kleinen Teilen rum?“

Wie wichtig die Geduld in seinem Beruf ist, macht er gleich am praktischen Beispiel deutlich. Er holt eine Uhr aus der Vitrine und erklärt: „Die habe ich schon 400 Mal auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt, ehe sie lief.“ Vielleicht ist seine Geduld auch einer der Gründe, warum Martin Westermeyers älteste Tochter in seine Fußstapfen tritt. In wenigen Wochen wird sie ihre Lehre in der Werkstatt ihres Vaters beginnen.