Lokales

Virus breitet sich im Kreis aus

Gesundheitsamt Esslingen hat bislang 33 Hantavirus-Erkrankungen gezählt

Entdeckt wurde der Erreger bereits vor über 30 Jahren – trotzdem ist das Hantavirus nicht jedem ein Begriff. Dieses Jahr macht die Krankheit allerdings wieder mehr von sich reden als üblich: In Deutschland und speziell in Baden-Württemberg erkranken überdurchschnittlich viele Menschen an dem Fieber. Das Gesundheitsamt Esslingen rät zu Vorsichtsmaßnahmen.

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Bianca Lütz-Holoch

Kreis Esslingen. Die Übeltäter sind rund zehn Zentimeter lang, haben schwarze Kulleraugen und rot-braunes Fell: Rötelmäuse – die zur Gattung der Wühlmäuse gehören – gelten in Deutschland als Hauptüberträger des Hantavirus. Weil sie vergangenen Herbst und Winter viele Bucheckern, eine geschlossene Schneedecke und damit gute Überlebensbedingungen vorgefunden haben, ist ihre Population dieses Jahr besonders hoch. Die Folge: eine überdurchschnittlich große Zahl an Hantavirus-Erkrankungen – auch im Landkreis Esslingen. „Bis jetzt sind bei uns 33 Fälle gemeldet worden“, sagt Dr. Albrecht Wiedenmann, der beim Esslinger Gesundheitsamt für den Infektionsschutz verantwortlich ist. „Die Tendenz ist nach wie vor steigend.“ Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2009 wurden im Kreis Esslingen nur zwei Fälle gemeldet. „Allerdings gab es 2007 schon einmal eine Epidemie“, so Wiedenmann.

Übertragen wird das Virus vor allem durch Kot, Urin und Speichel von Rötelmäusen und einigen anderen Nagern. Die meisten Menschen infizieren sich durch das Einatmen von erregerhaltigem Staub. Das passiert zum Beispiel beim Putzen in Gartenhäuschen, auf Dachböden, in Kellern, oder bei Arbeiten an Holzstapeln – also überall dort, wo sich Mäuse aufgehalten haben. „Größte Umsicht ist beim Entfernen von Mäusenestern geboten“, sagt Dr. Albrecht Wiedenmann. Auch wer tote Mäuse beseitigt, läuft Gefahr, sich zu infizieren.

Deshalb rät das Gesundheitsamt zu Vorsichtsmaßnahmen: Staubige Räume vorher lüften oder sogar anfeuchten, und gegebenenfalls eine Feinstaubmaske des Typs FFP2 sowie eine seitlich geschlossene Schutzbrille tragen. Wer eine tote Maus entfernen muss, sollte zunächst den Kadaver mit einem handelsüblichen Desinfektionsmittel einsprühen, ihn nur mit einer Plastiktüte anfassen und dann darin eingetütet in den Müll werfen. „Anschließend sollte man sich die Hände gut mit Seife waschen“, so Dr. Wiedenmann.

Allerdings scheinen sich nicht alle Betroffenen bei Putzarbeiten angesteckt zu haben. Es ist auch möglich, sich in der freien Natur über erregerhaltigen Staub mit dem Hantavirus zu infizieren, zum Beispiel beim Spazierengehen oder Joggen. „Allerdings nimmt das Risiko ab, je stärker der Erreger verdünnt ist“, sagt Albrecht Wiedenmann. Auf Aktivitäten im Grünen sollte seiner Ansicht nach deshalb auch keiner verzichten: „Das gehört einfach zum alltäglichen Lebensrisiko dazu.“

Charakteristisch für eine Hantavirus-Erkrankung sind Symptome, die zunächst einer Grippe ähneln: plötzlich einsetzendes Fieber über 38 Grad, Kopf- und Gliederschmerzen, Schmerzen im Bauch- und Rückenbereich. Im Verlauf kann es zu weiteren Symptomen wie Nierenfunktionsstörungen, Blutdruckabfall und Blutungsneigungen kommen. Letzteres ist Albrecht Wiedenmann zufolge in Deutschland extrem selten. Relativ häufig komme es jedoch vor, dass Patienten Nierenprobleme bekommen: „Das muss dann im Krankenhaus stationär abgeklärt werden“, sagt er. Dem Robert-Koch-Institut zufolge mussten in Baden-Württemberg von den gemeldeten Erkrankten bis jetzt 62 Prozent stationär behandelt werden. In Einzelfällen werden die Betroffenen sogar vorübergehend dialysepflichtig. „In der Regel ist die Form des Hantavirus, die es bei uns gibt, aber eine relativ harmlose Variante“, beruhigt Albrecht Wiedenmann. Der in Deutschland vor allem vorkommende Puumala-Typ verlaufe meist mild und bleibe häufig unerkannt. Dennoch: Wer unter entsprechenden Symptomen leidet, sollte unbedingt einen Arzt aufsuchen.

Die Krankenhäuser der Umgebung geben im Moment übrigens noch Entwarnung: Weder in der Kirchheimer noch in der Nürtinger Klinik sind bislang Patienten mit dem Hantavirus aufgetaucht.