Lokales

Visionen über die "Pädagogen" Raum und Zeit

"Treibhäuser der Zukunft wie Schule erfolgreich gelingen kann": Unter diesem Hauptthema bietet das Forum Region Stuttgart derzeit verschiedene Vortrags-, Informations- und Diskussionsveranstaltungen in der Region an. In Kirchheim ging es dabei jüngst um "Fragen, die zum Umbau der Schule verleiten".

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Das Ziel der Veranstaltungsreihe über die "Treibhäuser der Zukunft" besteht darin, erfolgreiche Modelle vorzustellen und dadurch zur Diskussion anzuregen. Diese Modelle sind meistens kühne Visionen, die sich an einzelnen Orten tatsächlich verwirklichen ließen. Den Teilnehmern der Kirchheimer Veranstaltung wurden solche realisierten Visionen in kurzen Filmausschnitten vorgeführt. So gibt es etwa in Gelsenkirchen eine Schule, in der jede Klasse ihr eigenes zweistöckiges Reihenhaus "bewohnt", das sich die Schüler selbst einrichten. Das pädagogisch wertvolle Ergebnis hörte sich im Film folgendermaßen an: "Die Schüler sind stolz auf die Schule und stolz auf sich selbst."

An den meisten Schulen scheitern solche Visionen an räumlichen und finanziellen Gegebenheiten, aber ein Gedanke aus dem Film "Treibhäuser der Zukunft" ist dennoch überall mitzubedenken: "Der Raum ist der dritte Pädagoge, neben Lehrern und Mitschülern." Dazu komme noch als vierter Pädagoge die "rhythmisierte Zeit". Dabei handelt es sich aber nicht so sehr um den starren 45-Minuten-Takt, sondern eher um feste Rituale und Regeln. Das gemeinsame Essen in der Mittagszeit beispielsweise gilt als ein möglicher fester Bestandteil des Schulalltags, der "hohe Sozialkompetenz" vermittelt.

Den Ist-Zustand an vielen Schulen beschrieb Helmut Thomaier aus Gemmingen bei Heilbronn, einer der Fachreferenten, die nach Kirchheim gekommen waren. "Viele Schüler verbringen ihre Mittagspause unstrukturiert und ohne Essen", konstatierte der Rektor der Wolf-von-Gemmingen-Schule. An weiteren Problemfeldern, die so nicht nur an seiner Grund- und Hauptschule, sondern an nahezu allen Schulen aller Arten existieren, zählte Thomaier auf: "zunehmend nicht intakte Familien, ,Ohnmachtsgefühle' der Eltern ihren Kindern gegenüber, erschreckend geringe Sprachgewandtheit in einigen Familien, wenig förderliche Freizeitgestaltung, Lernunlust, mangelnde Umgangsformen und ein latent vorhandenes Gewaltpotenzial".

Auf diese Probleme habe seine Schule zunächst mit "konventionellen" Mitteln reagiert: Elternkontakte mit Zielvereinbarungsgesprächen, Sozialtrainings mit Rollenspielen, Tagespraktika in Klasse 8. Es gibt sogar ein spezielles Benimmtraining mit Abschlussprüfung im Restaurant. Das alles gehe schon in die Richtung, die neuerdings vom Kultusministerium vorgegeben wird: weniger Inhalte und mehr Kompetenzen vermitteln, weg von der Belehrung, das individuelle Lernen betonen. "Wir müssen das einzelne Kind stärker in den Mittelpunkt rücken und ihm Hilfe zur Entwicklung einer eigenen Identität geben", sagt Helmut Thomaier.

Das habe allerdings Folgen für die Unterrichtsorganisation. Die Schule brauche mehr Zeit, mehr Räume, mehr Medien, mehr Personal. Wie generell bei der Ganztagsschule, setzt auch Rektor Thomaier verstärkt auf Kooperationen mit Eltern und Vereinen. Aber das Herzstück seiner Schule soll künftig die "Lernwerkstatt" sein, ein Raum, in dem Schüler aus verschiedenen Klassen gleichzeitig lernen können, jeder für sich. Die Lernwerkstatt liegt direkt neben dem Lehrerzimmer und ist von allen Seiten verglast, also gut einzusehen.

Verwirklicht hat einen solchen Raum bereits das Böblinger Lise-Meitner-Gymnasium (LMG). Allerdings liegt dort das Hauptaugenmerk nicht auf Transparenz, sondern auf Stille. "Wir haben eine ,study hall' eingerichtet", erzählte Rektor Hans Oberhollenzer in der Kirchheimer Stadthalle. "Da sitzen viele Schüler in einem Raum, und es herrscht ,silentium', also die Atmosphäre einer Uni-Bibliothek oder eines mittelalterlichen Kloster-Skriptoriums. Die Schüler lernen isoliert, konzentriert und introvertiert." Zu diesem Zweck kann sich jeder in einer Einzelkabine mit seinem ganz persönlichen Lernpensum beschäftigen.

Enstanden war die "study hall" durch die Idee, eine "LMG-Stunde" einzurichten, in der die meisten Schüler einer Klassenstfufe unter Aufsicht eines einzigen Lehrers individuellen Aufgaben nachgehen, während ein paar wenige Schüler derselben Stufe speziellen Förderunterricht durch eine weitere Lehrkraft bekommen. Rektor Oberhollenzer: "Nur in der ,study hall' kriegen wir bei gleicher Lehrerressource so viele Schüler in einen Raum."

Ursula Schröder, die stellvertretende Elternbeiratsvorsitzende, ergänzt: "Wir werden oft gefragt, ob es nicht eine Zumutung für die Kinder ist, wenn wir sie in ,Käfige' sperren. Aber die Kinder sind glücklich, auch einmal ihre Ruhe zu haben." Natürlich könne man keine Klasse unvorbereitet in die "study hall" schicken. Allerdings war das Experiment so erfolgreich, dass die Einzelkabinenplätze zum kommenden Schuljahr von 60 auf 90 erweitert werden.

Das Böblinger LMG ist in der Lage, solche Einrichtungen unter anderem aus dem Schulgeld zu finanzieren, das die Eltern der staatlichen Versuchsschule monatlich zahlen, ähnlich wie in einer Privatschule. Die Frage der Finanzierbarkeit notwendiger Umbauten war in der abschließenden Diskussion besonders wichtig. Hans Oberhollenzer wagte dazu eine provokante These: "Es könnte doch in jeder Kommune eine Schule pro Schulart geben, die sich über Schulgeld mitfinanziert. Gegenüber Hortkosten sehe ich darin eine preisgünstige Variante für schulische Versorgung von 8 bis 16 Uhr, inklusive Mittagessen und Getränken."

Ob diese These nun auf Zustimmung oder Ablehnung stößt, wichtig ist es dem Forum Region Stuttgart vor allem, im Gespräch zu bleiben und in der Reihe "Treibhäuser der Zukunft" solche Thesen überhaupt erst einmal zu formulieren.

Wer sich für die weiteren Veranstaltungen interessiert, wird im Internet unter www.tour-des-wissens.de fündig.