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Vitamin-B-Kur für den Erfolg von Unternehmerinnen

Um den Erfolgsfaktor Netzwerkbildung für sich zu entdecken, waren Unternehmerinnen und andere interessierte Karrierefrauen aus den Landkreisen Esslingen und Göppingen am Freitagabend in die Zehntscheuer Nabern eingeladen. Netzwerkerinnen aus der Region und die "Klüngel-Expertin" Anni Hausladen warben für die Kraft der Kontakte.

ANNEGRET KAPP

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KIRCHHEIM Das gemeinsame Angebot des baden-württembergischen Wirtschaftsministeriums, der Initiative Frau im Job und des Regionalbüros für berufliche Fortbildung war eine von 75 Veranstaltungen des ersten landesweiten Frauenwirtschaftstags. Dass Kirchheim seit 2004 von einer Frau "regiert" wird und die Bundesrepublik demnächst eine Kanzlerin hat, sah Ulrike Goldschmitt-König vom Regionalbüro der Arbeitsgemeinschaft für berufliche Fortbildung Esslingen und Göppingen als Hoffnungszeichen dafür, dass Frauen in Führungspositionen bald ebenso selbstverständlich werden könnten, wie der theoretische Anspruch der Gleichberechtigung. Eine wirtschaftspolitische Veranstaltung, bei der unter gut fünfzig Geschäftsfrauen ein Mann allenfalls beim Häppchen- und Getränkeservice zu sehen ist, wie an diesem Freitag, bleibt jedoch ein ungewöhnlicher Anblick.

Auch im Grußwort der Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker gab es eine hörbare Lücke nach der Begrüßung der "sehr geehrten Damen". Als Schirmherrin des Abends fand die SPD-Politikerin harte Worte für die Landesregierung, die bei der Schaffung besserer Rahmenbedingungen für berufstätige Frauen "die Kommunen im Stich" lasse. Der Initiatorin des Frauenwirtschaftstags, Edith Köchel vom Wirtschaftsministerium, ging es in ihrer Eröffnungsrede nicht um Beschönigung. So wies sie etwa darauf hin, dass nur 18 Prozent der Führungskräfte in Baden-Württemberg weiblich seien, und dass trotz allgemein besserer Abschlüsse nur 14 Prozent aller Frauen mit Hochschulabschluss Führungspositionen erreichen, statt 24,7 Prozent wie bei den Männern. Dies gelte selbst für kinderlose, voll arbeitende Frauen. Ein Haupt-Handicap sieht Köchel im Anspruch der Frauen, Beruf und Privates strikt zu trennen, trotz insgeheimer etwas neidischer Blicke auf männliche Netzwerke wie Rotary oder den Lions Club. Hier sollte die Podiumsveranstaltung nun Abhilfe schaffen, bei der erfolgreiche Netzwerkerinnen aus der Region ihre Netze vorstellten. Nachfrage nach Kontakten zu Gleichgesinnten ist bei den schwäbischen Schafferinnen offenbar vorhanden, wie die über fünfzig Teilnehmerinnen im Saal, überwiegend Selbstständige, bewiesen. Einige waren bereits vorher in Netzwerke eingebunden, andere suchten noch das richtige, mal mit dem Wunsch nach schwesterlichem Zuspruch, mal nach neuen Geschäftspartnern. Schnell wurde deutlich, dass sich mit dem Netzwerkbegriff ganz unterschiedliche Vorstellungen verbinden. Auf allgemeine Zustimmung traf das frauen-unternehmen aus Kirchheim, vertreten von der Dettinger Werbefachfrau Dagmar Schmidt, das mit seinen Weiterbildungs- und Austauschmöglichkeiten allen interessierten Unternehmerinnen offen steht. Ähnlich das Esslinger Frauenforum mit seinem besonders auf die Bedürfnisse von mitarbeitenden (Ehe-)Frauen im Handwerk ausgerichteten Angebot. Dessen Zweite Vorsitzende Carmen Heneka brachte auf den Punkt, warum Unternehmerinnen, die solche Kontaktplattformen ansteuern, sich oft vor allem über gemeinsame Probleme austauschen wollen: "Ein Geschäftsmann hat eine Frau im Rücken. Eine Geschäftsfrau hat eine Familie im Nacken."

Dass beim Frauenwirtschaftstag auch männlich dominierte Netzwerke wie das der Wirtschaftsjunioren vertreten waren, wollte manchen Besucherinnen nicht einleuchten. Kritische Fragen musste sich vor allem Sibylle Teschner gefallen lassen, die sich offen als "Kopf" der Synergie-akademie bezeichnet hatte. Verträgt ein Netzwerk einen hierarchischen Aufbau, bei dem die Gründerin potenzielle Mitglieder nur nach strenger Prüfung und nach eigenem Ermessen aufnimmt? Es braucht ihn sogar, verteidigte die Unternehmensberaterin Teschner ihr Konzept, das sie zukünftig bundesweit ausbauen will. Denn nur so könne das Netz, in dem sie gegen Gebühr Aufträge an Heilpraktiker, Körpertrainer und Coaches vermittelt, Kunden gegenüber als Anbieter eines ganzheitlichen Ansatzes auftreten. Dass man sich gegenseitig kennen und vertrauen müsse, um füreinander mit Empfehlungen und dem eigenen guten Namen einzustehen: Die anderen Frauen auf dem Podium stimmten voll zu. So auch Elke Rosenbusch, die das betriebsinterne Netzwerk der weiblichen Angestellten von DaimlerChrysler repräsentierte.

Die Skepsis einiger Zuhörerinnen gegenüber einer Netzwerkerin, die für ihre Arbeit mehr als ideellen Lohn verlangt, illustrierte hingegen die Scheu vieler Frauen, für ihre Behilflichkeit Gegenleistungen zu nehmen. Beim anschließenden Workshop mit der Betriebswirtin, Psychotherapeutin und Supervisorin Anni Hausladen wurde deutlich, dass sich die Hilfsbereiten oft ausgenutzt fühlen. "Ich fühle mich ausgequetscht wie eine Zitrone und allmählich werde ich auch sauer", klagte eine Teilnehmerin. Gegenleistungen einfordern, riet die Expertin, und hartnäckige Schmarotzer fallen lassen. Zu den Erfolgsstrategien für Frauen, die Anni Hausladen in dem Buch "Die Kunst des Klüngelns" zusammengetragen hat, gehören aber auch die Großzügigkeit, mal einen auszugeben und die Fähigkeit, Gegendienste anzunehmen. Denn wer sie ablehnt, entwertet die eigene Leistung ebenso wie die angebotene Revanche. Als Augenöffner präsentierte die rheinländische Ratgeberautorin ein Untersuchungsergebnis, dass das "Märchen von der Beförderung durch Kompetenz, an das nur Frauen glauben", demontierte: Qualifikation mache nur zehn Prozent des beruflichen Erfolgs aus, der wichtigste Faktor mit sechzig Prozent ist die Bekanntheit. Betriebsport und Kaffeepausen seien daher ebenso wenig als Freizeitvergnügen abzutun wie für Selbstständige der Plausch mit dem Metzger oder die Kirchenchorprobe. Statt sich immer noch eine Fortbildung aufzuhalsen, solle man lieber mal ins Golfen investieren.

Gerade an Frauennetzwerke richtete die "Klüngelkundlerin" die Warnung, sich nicht mit dem Austausch von Leidensgeschichten gegenseitig nach unten zu ziehen. Was Frauen an Männern oft verachten, nämlich das Ausposaunen der eigenen Erfolge, sei durchaus sinnvoll. Nicht nur weil Erfolgsstorys Mut machen, sondern auch, weil man nur so erfährt, an wen man sich mit welchem Anliegen wenden kann.

Mit Ratschlägen gewappnet machten sich die Besucherinnen der Zehntscheuer bei der anschließenden Visitenkartenparty gleich eifrig ans Kontakteknüpfen. So könnte sich der Wunsch der Organisatorin Goldschmitt-König durchaus erfüllen, aus der Veranstaltung könne ein eigenes Netzwerk entstehen, wie dies schon bei ähnlichen Terminen, beispielsweise in Lörrach, der Fall gewesen war.