Lokales

Vogelmenschen und Naturschützer schlossen Frieden

Sein 30-jähriges Jubiläum feiert der Drachen- und Gleitschirmfliegerclub Hohenneuffen. Am 16. September 1976 wurde der Zusammenschluss der Drachenflieger im Großraum Stuttgart auf dem Amtsgericht offiziell bestätigt und ins Vereinsregister eingetragen.

NEUFFEN Gegründet hatte sich der Deutsche Drachenfliegerclub Stuttgart, so der damalige Name, schon zwei Jahre zuvor: Nachdem Mike Harker am 15. April 1973 durch seinen Flug von der Zugspitze die Sportart Drachenfliegen spektakulär in die Öffentlichkeit gebracht hatte, entschlossen sich die Pioniere des abenteuerlichen Sports, einen Verein zu gründen. Sie wollten sich Gedanken über die Ausbildung machen, die Fluggeräte gemeinsam verbessern und vor allem Startplätze finden. Der Medienstar Mike Harker übernahm selbstverständlich den Vorsitz. Weil vor allem Bergsteiger und Skifahrer von dem Fluggerät begeistert waren, das man mit den eigenen Füßen starten konnte, wurde Dr. Harald Kiedaisch, Gründer der gleichnamigen Sport- und Skischule in Stuttgart, sein Stellvertreter. In dieser Zeit wurde auch die Schwäbische Alb als Flugregion entdeckt, 1977 der Startplatz am Hohenneuffen.

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Damals begann die nicht immer einfache Koexistenz mit den Naturschutzbehörden. Das Fliegen am Jusi wurde alsbald verboten. Der Startplatz am Bauernloch existiert bis heute. Das Fluggelände am Wilhelmsfelsen über Beuren wurde in den letzten 25 Jahren immer wieder verlegt, dann geschlossen und im letzten Jahr endlich wieder genehmigt und zugelassen. Seither starten am Hohenneuffen auch Gleitschirmflieger, was zum jetzigen Namen des Vereins geführt hat.

Erstmalig wurde dieser 1997 umbenannt. Als Dr. Reinhard Wolfer, Oberboihingen, der 1978 den Vereinsvorsitz von Harker übernahm, nicht mehr zur Wahl antrat und Paul Rau aus Grabenstetten zum Vorsitzenden gewählt wurde, entschlossen sich die Mitglieder zur Namensänderung. Als Drachenfliegerclub Hohenneuffen wollten die Mitglieder ihrer Verbundenheit zu "ihrer Burg" Ausdruck verleihen.

In der Zwischenzeit war der Verein auf fast 200 aktive und passive Flugbegeisterte angewachsen. Längst glitten die Gleiter nicht mehr nur ins Tal oder sammelten im Hangaufwind Flugstunden. Mit immer besseren Drachen und mit der gewachsenen Flugerfahrung wuchsen die Herausforderungen für die Piloten. Bis dahin unvorstellbar weite Flüge vor allem der Oberboihinger Josef Stellbauer zeigte mit Flügen nach Geislingen und zum Hohenzollern, welches Potential in den Drachen steckte waren das Vorbild. Seit 2003 hält Marcus Andries den Streckenrekord. Nach über sechs Stunden und 290 Kilometern landete er im Bayerischen Wald.

Die guten Leistungen der Hohenneuffener führten dazu, dass viele Piloten aus dem Verein zum größeren Kreis der Nationalmannschaft zählten und an Weltmeisterschaften teilnahmen. Außerdem waren der Club und das Fluggelände sehr eng verbunden mit der Konstruktion von Drachen. Nicht wenige Prototypen mussten am Hohenneuffen beweisen, dass die Konstruktion vom Reißbrett auch in der Luft bestehen konnte. Wichtige Drachenbauer wie Ludwig Thalhofer waren lange Jahre Mitglied des Vereins. Pioniere wie Michael Schönherr, dessen Forschungsergebnisse an der Universität Stuttgart viel zur Sicherheit der Fluggeräte beigetragen haben, sind dies noch immer.

In all den Jahren wurden rund 40 000 Starts am Hohenneuffen durchgeführt, die fast alle ein glückliches Ende fanden. Die Fluggeräte wurden sicherer, das Können und das Wissen der Piloten nahm zu, die Ausbildung wurde besser. Das führte dazu, dass die Zahl der Unfälle bis heute stetig abnahm. Die bitterste Stunde in der Geschichte des Vereins war der tödliche Ausgang einer Rettungsaktion am 7. November 1981. Beim Versuch, einen verunglückten Drachenpiloten aus einer Baumkrone zu befreien, stürzte ein Rettungshelfer der Bundeswehr ab und verletzte sich so schwer, dass er starb. Auch ihm gilt die Erinnerung der Vereinsmitglieder in diesen Tagen.

In der Zwischenzeit gehören die Gleiter so selbstverständlich zum Himmel über dem Hohenneuffen wie die Bussarde und Milane, mit denen sie gemeinsam die Aufwinde nutzen. Auch der Naturschutz hat sich davon überzeugt, dass die lautlose Art des Fliegens und der Fußstart keine Schneise der Zerstörung an Flora und Fauna hinterlässt. Natursport und Umwelt haben Frieden geschlossen.

pm