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"Vogelschutz stülpt keine Käseglocke über Landschaft"

Das Reizthema "Ausweisung von Vogelschutzgebieten" sorgte bei der Infoveranstaltung in der Weilheimer Limburghalle für vollbesetzte Reihen und eine engagierte Diskussion. Da alle Gemeinden in ähnlicher Weise betroffen sind, hatten die Kommunen des Verwaltungsraumes Weilheim den Abend gemeinsam auf die Beine gestellt.

ANKE KIRSAMMER

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WEILHEIM "Vogelschutz ja, aber wir können uns nicht selbst strangulieren." Weilheims Bürgermeister Hermann Bauer brachte auf den Punkt, was viele im Saal dachten. Denn reichen die Vogelschutzgebiete erst einmal bis an die Hausgärten heran, ist dort die Ausweisung von Bauland nicht mehr möglich. Wie in der Limburghalle deutlich wurde, grassiert bei Besitzern von Äckern und Wiesen insbesondere die Angst, dass sie ihre Flächen gehören sie erst einmal zum Vogelschutzgebiet nicht mehr so bewirtschaften dürfen wie bisher. "Dann wird uns vielleicht wegen den Bodenbrütern vorgeschrieben, wann wir mähen müssen", befürchtete ein Landwirt. Ein anderer Besucher wetterte gegen die EU und das Regierungspräsidium und sah sich einer "Art Enteignung" ausgeliefert.

Die Bedenken konnte auch der Diplom-Biologe Gunther Matthäus nicht gänzlich zerstreuen. Er verwies darauf, dass sich seltene Vögel wie Neuntöter und Halsbandschnäpper im Albvorland ja gerade wegen der momentanen Bewirtschaftungsart angesiedelt hätten. "Machen Sie so weiter wie bisher, nur so kann Vogelschutz betrieben werden", sagte er. "Der Vogelschutz stülpt keine Käseglocke über die Landschaft". Wer jedoch eine erhebliche Intensivierung der Nutzung plane, müsse mit den Behörden abklären, ob dies zulässig ist. Der Diplom-Biologe von der "Gruppe für ökologische Gutachten", der für das Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum die Broschüre "Im Porträt die Arten der EU-Vogelschutzrichtlinie" miterstellt hatte, war von den betroffenen Gemeinden beauftragt worden, die Flächenmeldungen des Landes zu überprüfen. Im Frühjahr vergangenen Jahres hatte er die fraglichen Gebiete kartiert und das Auftreten der Vögel großteils bestätigt.

Eingangs hatte Weilheims Bürgermeister Hermann Bauer noch einmal das Prozedere zur Ausweisung der Vogelschutzgebiete umrissen: Bereits seit 20 Jahren ist Baden-Württemberg wie die übrigen Bundesländer aufgefordert, rund zehn Prozent der Fläche als geeignete Schutzgebiete an die Europäische Union zu melden. Bislang sind im Ländle allerdings lediglich fünf Prozent ausgewiesen. "Die sind gleichmäßig auf die Landesfläche verteilt", erklärte der Weilheimer Verwaltungschef. "Bei den weiteren, neu vorgeschlagenen fünf Prozent ist das Gebiet zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb übermäßig belastet." Im Dezember 2005 hatten die betroffenen Gemeinden das Land in ersten Stellungnahmen dazu aufgefordert, für ihre Entwicklung maßgebliche Gebiete aus der Vorschlagsliste herauszunehmen; mit ihrem Ansinnen bissen sie aber meist auf Granit. In Weilheim beispielsweise sollten nach dem Willen des Landes 1627 Hektar an Vogelschutzgebieten neu ausgewiesen werden; die Stadt pochte auf den Verzicht von 148 Hektar. Anerkannt wurden bislang aber lediglich 32 Hektar. In der zweiten Beteiligungsstufe haben nun neben den Gemeinden auch die Grundstückseigentümer die Gelegenheit, bis zum 1. Februar Stellungnahmen abzugeben.

Wie Hermann Bauer betonte, hätten sich die Kommunen im Albvorland in den vergangenen 30 Jahren stets für den Natur- und Landschaftsschutz eingesetzt. "Es muss uns aber der Spagat gelingen zwischen den Belangen von Pflanzen- und Tierwelt auf der einen Seite und denen der Menschen auf der anderen Seite", so der Schultes.

Bissingens Bürgermeister Wolfgang Kümmerle sah es als notwendig an, die Vogelschutzgebiete landesweit gerechter auf die Landkreise zu verteilen. "Aber wo Arten vom Aussterben bedroht sind, haben wir die Pflicht, sie zu schützen."

Mit knapp 94 Prozent der Markung "steckt Neidlingen im Verwaltungsgebiet in punkto Vogelschutz am tiefsten drin", meinte der Bürgermeister der Reußensteingemeinde, Rolf Kammerlander. So sei es nicht gelungen, das Gebiet "Schießhütte" herauszunehmen, die einzige für künftige Wohnbebauung vorgesehene Fläche der Gemeinde "Wir können uns allerdings erst wehren, wenn die Rechtsverordnung da ist." Kopfzerbrechen bereitet Kammerlander im Übrigen der Generationswechsel bei den Streuobstbauern. Hier wurde auch vonseiten der Besucher der Ruf nach öffentlichen Zuschüssen laut.

Ähnlich wie Neidlingen ist auch Ohmden umschlossen von Vogelschutzgebieten. Als Erfolg vermeldete Rathauschef Manfred Merkle jedoch, dass es gelungen ist, das gesamte Gebiet Grubäcker einschließlich der Abschnitte zwei bis vier herauszunehmen. Unter der Überschrift "Kuriosum" wurde verbucht, dass ein Schieferbruch auf Gemarkung Ohmden Teil des Vogelschutzgebiets werden soll, der nur einen Steinwurf entfernte Schieferbruch auf Zeller Markung jedoch nicht.

Weniger stark betroffen vom Thema Vogelschutz ist Bürgermeister Jürgen Riehle zufolge Holzmaden. Innerorts habe die Gemeinde noch recht gute Entwicklungsmöglichkeiten. Allerdings werde der Gemeinderat wohl fordern, das Bauerwartungsland Hintere Halde aus der Vorschlagsliste für die Vogelschutzgebiete zu streichen.

Hermann Bauer appellierte an die Grundstücksbesitzer, Stellungnahmen einzureichen. "Stuttgart soll wissen, wie die Leute denken." Mit dem Anliegen, den Bürgern bei ihrer Beteiligung unter die Arme zu greifen, hat Lenningen gestern im Feuerwehrgerätehaus ebenfalls eine Infoveranstaltung zum Thema Nachmeldung von Vogelschutzgebieten angeboten. Einen Teilerfolg kann die Gemeinde nach Aussage von Bürgermeister Schlecht bereits verbuchen: Die potenzielle Erweiterungsfläche für die Metzgerei Dietz in Schopfloch steht nicht mehr auf der Vorschlagsliste.

INFOGrundstückseigentümer müssen ihre Stellungnahmen bis 1. Februar beim Landratsamt, Untere Naturschutzbehörde, oder in den Rathäusern einreichen. Formblätter dazu halten die Gemeinden für die Eigentümer bereit.