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Vom Bauernsohn zum Präsidenten des württembergischen Landtags

Er war eine schillernde Figur der württembergischen Landtags- und Landesgeschichte: Der Abgeordnete der Sozialdemokraten Albert Pflüger. Vor 125 Jahren erblickte der einfache Bauernbub und spätere Präsident des "Hohen Hauses" in Dettingen das Licht der Welt.

MANFRED GAISER

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DETTINGEN "Mit Arbeit hend se mi net hemacha kenna", diktierte der Politiker im Jahr 1951 in einem Pressegespräch dem Journalisten der damaligen "Teck-Rundschau" in den Block. Denn trotz seines hohen Alters von über 70 Jahren pflegte er auch weiterhin regelmäßige Bürgersprechstunden in seiner alten Heimat abzuhalten. In der Tat war der schaffige "bekennende Schwabe" wohl zäh wie Ziegenleder und hatte ein Rückgrat, das nicht zu brechen schien. Stattliche vier politische Systeme hatte er am Ende seines Lebens erfahren und in drei zum Wohl der Öffentlichkeit gewirkt. Trotz erheblichen Rückschlägen. Im persönlichen Bereich durch den frühen Tod seines Sohnes, dann die Zerstörung seiner beruflichen Existenz im "Dritten Reich". Verfolgung durch die Schergen der nationalsozialistischen Diktatur mit der Inhaftierung in zwei Konzentrationslagern. Albert Pflüger hat alle Tiefen seines Lebens gemeistert und die Demokratie verteidigt.

Am 7. November 1879 kam der spätere Landtagspräsident in einem bescheidenen, kleinen Haus in Dettingens Kirchheimer Straße zur Welt. Die Eltern, Vater Albrecht und dessen Frau Caroline waren einfache Bauersleute. Der Bub musste früh die Randständigkeit durch Armut und Enge erfahren haben, denn in einer Chronik wird von einer "entbehrungsreichen Jugend" berichtet. In Dettingen besuchte er die Volksschule und wurde, wie aus den Kirchenbüchern hervorgeht, dort auch konfirmiert. Es waren wohl mit jene erbärmlichen Verhältnisse, die den jungen Pflüger, noch ehe er 20 Jahre alt war, in die Politik trieben und die seine spätere Arbeit prägen sollten. Während seiner Ausbildungszeit zum Buchdrucker und Schriftsetzer beim "Teckboten" trat er der SPD und der Gewerkschaft, dem Verband der deutschen Buchdrucker, bei.

Schon 1904 begann Albert Pflüger mit der Arbeit im Landessekretariat seiner Partei und organisierte die Wahlkämpfe zwischen 1906 und 1912. Seine Fähigkeiten stellte er auch als Redakteur und später als Schriftleiter bei der "Schwäbischen Tagwacht" unter Beweis. Als einen der "wichtigsten Köpfe der schwäbischen Sozialdemokratie vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs" beschreibt der Autor Frank Rahberg in einem Aufsatz das Wirken des Dettingers.

Der politische Durchbruch kam für den "Heißsporn" mit 26 Jahren, als er in den Stuttgarter Bürgerausschuss gewählt wurde. Dies war der Beginn seiner Abgeordnetentätigkeit, die mit der Zwangsunterbrechung durch die Hitlerdiktatur ein volles halbes Jahrhundert währen sollte.

Der Weg in den württembergischen Landtag erfolgte nach einer erfolglosen Kandidatur 1912 ein Jahr später. Bei einer notwendig gewordenen Nachwahl erreichte er den angestrebten Sitz im Parlament.

Er galt seinerzeit als Vertreter des "gemäßigten Flügels". Aber in seinem noch jugendlichen Elan sind ihm durch Übereifer und wenig Sachkunde offensichtlich die Gäule durchgegangen: Seine erste Rede vor dem "Hohen Haus" in der Kronprinzstraße wird als "gnadenlose Schlappe" beschrieben. Es ging um die Erweiterung des Eisenbahnnetzes. Darunter auch um das Projekt der möglichen Trassenführung von Oberlenningen nach Ulm. Ausgerechnet den Ministerpräsidenten Karl Hugo Freiherr von Weizsäcker attackierte er in seiner Jungfernrede und wurde flugs von dem Parlamentsprofi "in allgemeiner Heiterkeit", wie das Protokoll sagt, abgebürstet.

Der Neuling muss wohl daraus gelernt haben. Denn er wurde zurückhaltender und später galt er als rethorisch brillanter Redner. Er lernte das Handwerk des Parlamentariers von Grund auf.

Es kam die erste große Zäsur im Leben des Albert Pflüger: Im Sommer 1914 begann der Erste Weltkrieg und bedeutete auch ein eingeschränktes parlamentarisches Leben. Im November 1918 kam es auch in Württemberg zum revolutionären Umsturz. Der volksnahe König Wilhelm II dankte ab. Die Lage im Land war äußerst angespannt.

Pflüger wurde Mitglied in dem Gremium, das eine Verfassung für den "freien Volksstaat Württemberg" ausarbeiten sollte. Seine Position innerhalb der SPD-Fraktion wurde verstärkt, nachdem er zum Vorsitzenden des wichtigen Finanzausschusses gewählt wurde. In der Landeshauptstadt wurde er zudem verbeamtet und zum Leiter des Brennstoffamtes bestimmt. Ein wichtiges Amt seinerzeit. Denn kurz nach dem Krieg war die Situation verheerend und von Mangel gekennzeichnet. Er hat das Amt wohl überzeugend gemanagt, denn kurze Zeit später wurde ihm auch das Aufgabengebiet für das ganze Land übertragen. "Er leistete einen wichtigen Beitrag zur Entspannung und Normalisierung des öffentlichen Alltags", heißt es im Bericht der "Schwäbischen Heimat".

Die weiteren Karrieresprünge verliefen für den Dettinger zügig. Der Ernennung zum Regierungsrat im Sommer 1922 war die Wahl zum zweiten Landtagsvizepräsidenten vorausgegangen. Und das Renommee Pflügers zwischenzeitlich zu einem fintenreichen Redner seiner Fraktion herangereift führte schließlich auch zur Wahl zum bis dahin jüngsten Präsidenten des württembergischen Landtags. Ein Amt, das er sicherlich auch angestrebt hat und mit "Kenntnis, Überlegenheit und Würde" zu führen verstand.

Doch der demokratische Parlamentarismus der Weimarer Republik wurde langsam aber sicher von dem "braunen Rabaukentum" ausgehölt. So auch im Stuttgarter Landtag. 1932 erlangte die NSDAP einen großen Wahlsieg und wurde stärkste Fraktion. Pflüger verlor sein Amt an den Nationalsozialisten Christian Mergenthaler. Er allerdings wurde wieder zweiter Vize.

Der Staat fiel fast kampflos in die Hände Adolf Hitlers und seiner Schergen. Die Wahlen zum Reichstag im März 1933 brachten der NSDAP einen durchschlagenden Erfolg. Im Zuge der Gleichschaltung durch das "Ermächtigungsgesetz" war die Basis bereitet, um die Regierung Eugen Bolz durch die Nazi-Regierung Wilhelm Murr abzulösen.

Für den Beamten Pflüger war die Machtergreifung schlichtweg eine Katastrophe. Als Oberregierungsrat wollten ihn die neuen Machthaber nicht sehen. Folglich wurde er zunächst suspendiert und anschließend aus dem Beamtenverhältnis entlassen, um, wie es sein langjähriger Freund und Wegbegleiter Wilhelm Keil ausdrückte, "mit Nazi-Bonzen zu ersetzen".

Das neue Regime zeigte schnell sein wahres Gesicht. Unliebsame Persönlichkeiten, politische Gegner und öffentliche Kritiker wurden zügig aus dem Verkehr gezogen. Ein Schicksal, das auch Albert Pflüger traf. Zunächst sperrte man den Politiker in das Polizeigefängnis in Stuttgart. Danach deportierte man ihn ins KZ Heuberg, wohin auch der spätere Vorsitzende der SPD Kurt Schumacher verbracht wurde. In der Verlautbarung der politischen Polizei ist zur Verhaftung Pflügers zu lesen, diese Maßnahme sei gedacht "als Warnung an alle übrigen ehemaligen und gegenwärtigen Hetzer und geistigen Drahtzieher".

Nach rund einem Monat wurde der schwäbische Politiker völlig ausgemergelt entlassen, misshandelt und übelst diskriminiert. Selbst seinen charakteristischen Bart hatte man ihm abgeschnitten. Beruflich stand er vor dem Nichts. Seiner Familie ging es schlecht. Als Versicherungsvertreter und Gelegenheitsarbeiter musste Albert Pflüger zwölf lange Jahre den täglichen Kampf ums Überleben bestreiten. Demütigungen, Angst und Leid gehörten zu seinem täglich Brot.

1944 wurde Pflüger, mittlerweile schon 65 Jahre alt, von den zunehmend nervöser werdenden Nationalsozialisten erneut verhaftet und ins berüchtigte KZ Dachau verbracht. Das Kriegsende war für die ganze Familie Pflüger eine nachvollziehbare Befreiung und das Ende eines langen Martyriums. An dem Politiker waren die Strapazen nicht ohne sichtbare Spuren im Charakter und Persönlichkeit hervorgegangen. Aber, so heißt es in einer späteren Laudatio über seine Erfahrungen im "Dritten Reich": "...sie konnten seinen Geist nicht töten." Sofort stellte er sich wieder in den Dienst seiner Partei und wurde Präsident des Landesgewerbeamtes. Er gehörte zu den führenden Gestalten des politischen Neubeginns im Land. Im Januar 1946 konnte er auch wieder die parlamentarische Arbeit aufnehmen. In der Vorläufigen Volksvertretung für Württemberg-Baden war er vertreten, wie auch im ersten Landtag in der Heusteigstraße. Bei der Wahl vier Jahre später war er wieder in seinem Wahlkreis erfolgreich. Obwohl der Abgeordnete seit langem in Stuttgart-Obertürkheim wohnte, kandidierte er im heimischen Wahlkreis Nürtingen.

Im siebzigsten Lebensjahr und dem Wiedereinzug ins Parlament zog Pflüger einen Schlussstrich unter die Arbeit beim Landesgewerbeamt. Er trat zurück. In der im Staatsanzeiger veröffentlichen Laudatio wurden die Verdienste des alten Herrn gewürdigt. Er sei ein "trefflicher Sachverwalter" gewesen, der das Amt personell und materiell wieder aufgebaut habe. Über die Grenzen hinaus habe er die Förderung von Industrie, Handwerk und Gewerbe gestützt. Nun kamen auch die Ehrungen und Auszeichnungen auf den langjährigen Politiker zu: 1951 wurde das Verdienstkreuz des Bundesverdienstordens verliehen; später überreichte ihm Ministerpräsident Gebhard Müller das Große Verdienstkreuz.

Zum dritten Mal in seinem langen Parlamentarierleben gehörte Albert Pflüger 1952/53 einer Verfassungsgebenden Landesversammlung an. Er hatte sich frühzeitig für einen Südweststaat stark gemacht. Der "Politiker aus Leidenschaft" wirkte zielstrebig wenn auch meist im Verborgenen mit, um das Land Baden-Württemberg aus der Taufe zu heben. Im Dezember 1955 zog sich der agile, alte Herr mit seinem asketischen Äußeren aus der aktiven Politik zurück. Der "Filder-Heiland", wie er angesichts der oft einer Predigt gleichenden Reden genannt wurde, legte sein Mandat nieder. Damit endete die Laufbahn einer der profiliertesten Persönlichkeiten der südwestdeutschen Sozialdemokratie.

Mitten im 86. Lebensjahr ist Albrecht Pflüger an 11. Mai 1965 in Stuttgart verstorben, der gebürtige Dettinger, der vier politische Systeme erlebt hat und eins sogar wörtlich genommen überlebt hat. Bei der Trauerfeier mit vielen politischen Freunden und Weggefährten wurde auf die politische Dimension des Lebenswerkes des Verstorbenen hingewiesen: 66 Jahre Mitgliedschaft in der SPD, über 40 Jahre lang mit der gewaltsamen Unterbrechung von 1933 1945 Parlamentarier, der maßgeblich an drei Verfassungsschöpfungen im deutschen Südwesten beteiligt war.

Albert Pflüger, standhafter, fleißiger, aber stets bescheidener Vollblutpolitiker in Zeiten stetiger Veränderungen zwischen Monarchie und Bundesrepublik. Eine Persönlichkeit, die zwar nicht uneingeschränkt geschätzt, wohl aber über alle Parteigrenzen hinweg respektiert wurde. Heute, 125 Jahre nach seiner Geburt und knapp 40 Jahre nach seinem Tod, scheint der Mann trotz seiner immensen Verdienste weitgehend vergessen. Denn im Land sucht man vergebens eine Straße, die seinen Namen trägt. Selbst in seiner Heimatgemeinde Dettingen ist der Sozialdemokrat, Onkel der langjährigen SPD-Gemeinderätin Gertrud Blankenhorn, nirgends verewigt.

Quellen: Frank Raberg: Albert Pflüger (1879 1965) Parlamentarier zwischen Monarchie und Bundesrepublik. Schwäbische Heimat, 2/1996. Baden-Württembergische Biographien Band II (1999).