Lokales

Vom "blauen Ypsilon" und befreiten Mauerblümchen

KIRCHHEIM 's ist gute Tradition, dass einmal jährlich das Kirchheimer Stadtoberhaupt interessierte Bürger per Rad durch die Gemarkung führt und Neuerungen sowie Brennpunkte vorstellt. Das war zu Peter Jakobs Zeiten so, das handhabt auch seine

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IRENE STRIFLER

Amtsnachfolgerin Angelika Matt-Heidecker nicht anders. Bis zu diesem Jahr. Heuer nämlich drehte sie den Spieß um: "Ich begebe mich ganz in ihre Hand", teilte sie beim Treffpunkt zur Rundfahrt auf dem Martinskirchplatz der versammelten Gesellschaft mit und heftete sich prompt an die Hinterräder von Siegfried Hauff und Günter Glühmann. Die beiden Agenda-Mitarbeiter hatten nämlich diesmal die Tour ausgearbeitet. An der Oberbürgermeisterin war es, an ausgewählten Punkten Rede und Antwort zu stehen.

Gut zwei Dutzend Interessierte hatten sich von schlechten Wetterprognosen nicht abschrecken lassen und schlossen sich den "Scouts" an. Diese führten den Tross in erster Linie zu Agenda-Projekten aus den Bereichen Energie, Radverkehrsplanung und Kunst. So stoppten die Radler sogleich auf dem Schlossplatz und verstrickten sich in ausgiebige Gespräche mit den Künstlern des dortigen Kunstsymposiums, das heuer unter dem Titel "Verbindungen" steht.

Um Kunst und Kultur im weiteren Sinne ging es auch im Vogthausviertel. Dort informierte Angelika Matt-Heidecker zum einen über die Sanierungsvorhaben auf den Plätzen und in den Straßen sowie über die Baumaßnahmen am Vogthaus selbst. Sie strich auch die Bedeutung des Wehrgangs heraus, der den letzten intakten Teil der Stadtmauer darstellt und deshalb erhalten werden soll. Außer ihr konnte sich noch so mancher Tourteilnehmer an Zeiten erinnern, in denen es noch erlaubt war, den Wehrgang zu betreten.

Applaus gab es in der Runde der Radfahrbegeisterten bei der Ankündigung, dass der Vogthausvorplatz bald autofrei sein wird. "Wir haben ja schließlich unter anderem aus diesem Grund für viel Geld eine Tiefgarage gekauft", schlug die Oberbürgermeisterin den inhaltlichen Bogen zum Schweinemarkt, dem sogleich auch die räumliche Verlagerung der Gruppe folgte. Am Schweinemarkt sind es derzeit vor allem Abdichtungsarbeiten an der alten Tiefgaragenwand, die den Baufortschritt in der jetzt begehbaren Turmstraße beeinträchtigen. Matt-Heidecker verwies auf die 4,9 Millionen Euro, die für den Kauf des neuen Garagenbauwerks ausgegeben wurden und wartete gleich mit neuen Zahlen auf: Auch in der Krautmarkt-Tiefgarage drohen laut aktuellem Gutachten wohl Sanierungsarbeiten in Höhe von 2,5 Millionen Euro.

Tief in die Tasche greifen muss die Stadt bekanntlich auch bei der Freihof-Realschule. Dort soll alsbald ein Neubau entstehen. Das dahinterliegende Areal rückte Matt-Heidecker in einen stadtplanerischen Gesamtzusammenhang und sprach davon, den Zusammenfluss von Lauter und Lindach, das "blaue Ypsilon", eines Tages erlebbar machen zu wollen. Dieses Projekt könnte dann ebenso Liebhaber finden wie heuer schon der Kirchheimer Kunstweg. Auf dessen bereits mehrjährige Geschichte ging Günter Glühmann im Angesicht des Postplatzbrunnens ein, den die radelnde Gruppe übrigens nur unter Schwierigkeiten und mit Verzögerungen erreichte. "Diese Ecke ist einfach nicht besonders Radfahrerfreundlich", lautete die übereinstimmende Kritik.

Glühmann verwies darauf, dass es mit dem Gedanken des Kunstwegs gelungen sei, einige zeitgenössische Kunstwerke aus ihrem Mauerblümchendasein zu befreien. Der Kunstweg ist bereits fester Bestandteil im Reigen der Kirchheimer Stadtführungen. Wer sich dafür interessiert, sollte sich schon mal den 24. September im Kalender anstreichen, den Termin der nächsten Kunstweg-Führung.

Matt-Heidecker richtete den Blick vom Postplatz über den Brunnenrand hinaus und verwies auf das Kolb und Schüle-Gelände. Das Baugesuch für das geplante Fachmarktzentrum stehe kurz vor der Genehmigung, und noch im Oktober soll mit den Abbrucharbeiten begonnen werden. Damit verbunden sind bekanntlich auch umfangreiche Straßenbauarbeiten.

Natürlich galt das Interesse der Ausflügler nicht nur der Kernstadt. Vielmehr führte die Tour auch durch einige Teilorte. So bekamen die Radler nicht nur jede Menge Informationen, sondern auch eine zweistellige Kilometeranzahl auf den Tacho, ehe sie sich wie üblich zur geselligen Schlusseinkehr versammelten.