Lokales

Vom einstigen Heim zum modernen Dienstleistungsbetrieb

Ein Fest ganz besonderer Art begeht das Kirchheimer Wächterheim am Freitag, 11. November, um 16 Uhr. Nach den Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen meldet sich die traditionsreiche Kirchheimer Einrichtung nun erneut zu Wort, weil ihr die gesellschaftliche Entwicklung unweigerlich eine völlig neue Prägung gegeben hat.

KIRCHHEIM Aus dem Heim ist längst ein moderner Dienstleistungsbetrieb geworden. Nicht die Einrichtung steht dabei im Mittelpunkt, sondern die Dienstleistung am Menschen. Das ist ganz im Sinne des Geschäftsführers, Frieder Schlipphak. Für ihn ist Diakonie, sich auf verschiedenartige Menschen einzulassen und sich um deren Bedarf zu kümmern. Entsprechend wurde die Einrichtung umgestaltet.

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Zwar gibt es noch eine zentrale Leitung, aber mit flacher Hierarchie. Die Verantwortung liegt ganz an der Basis. "Zentrale Regeln können dem heutigen Anspruch nicht gerecht werden", betont der Geschäftsführer. "Damit werden die Wünsche und Ansprüche der Betreuten nur platt gemacht". Deshalb sind in der Einrichtung die Entscheidungskompetenzen abgestuft und liegen, wenn es direkt um die Menschen geht, immer beim handelnden Mitarbeiter.

Für die Leitung mit ihrer Gesamtverantwortung ist das nur möglich, wenn ein gutes Vertrauensverhältnis besteht. Frieder Schlipphak betont: "Über pädagogische und pflegerische Grundlinien muss im Team der Bereiche Jugend- und Altenhilfe jeweils Einigkeit bestehen. Sonst wird gegeneinander gearbeitet." In der Jugendhilfe lassen sich die Anforderungen der Gesellschaft mit zwei Worten umschreiben, modern und flexibel. Diesem Anspruch werden die traditionellen Hilfen je länger je mehr nicht mehr gerecht. Familien wollen heute nicht die totale Lösung mit Fremdunterbringungen, also Heimerziehung. Sie möchten passgenaue Hilfe mit möglichst wenig Eingriffen in ihr Leben.

Darauf hat sich das Wächterheim eingestellt und bietet gut zwei Drittel seiner Hilfen als ambulante Betreuungen an. Dazu sind in den letzten zehn Jahren neue Maßnahmen unter den Bezeichnungen "Soziale Gruppenarbeit", "Erziehungsbeistandschaft" und "Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung" eingeführt worden. Dabei steht das Training von sozialen Kompetenzen und Kommunikation in den Familien im Mittelpunkt.

Für die Mitarbeiter bedeutet dies, erst Hören und Verstehen, dann kann Beratung geschehen. Das geschieht immer auf "Augenhöhe", das heißt, gemeinsames Suchen nach Lösungen mit dem Ziel, dass jeder für sich einen akzeptablen Vorteil sehen muss. Auf keinen Fall darf der Eindruck entstehen, eine Seite verliert und die anderen gewinnen. Solche Hilfen sind nur möglich, wenn nicht an einer Stelle allein herumgedocktert wird. In der Praxis muss es gelingen, den Blick weg vom Symptom auf das ganze System zu richten. Deshalb muss immer auch mit der Schule, der Peergroup, mit Ausbildungsstellen und mit der Familie geredet werden.

Auch die Wohn- und Tagesgruppen haben sich auf diesen Trend eingestellt. Die Familien zu verstehen und ihnen die Möglichkeit zu verschaffen, über sich selbst nachzudenken, ist unbedingt notwendig. Sonst verändert sich bei den jungen Leuten überhaupt nichts. Die Familien zu begleiten ist nicht immer einfach, deshalb gibt es vom Fachdienst die psychologische Elternarbeit. Hier kann in großer Vertraulichkeit die Familiengeschichte angeschaut und wenn gewünscht, verändert werden. Das oft unausgesprochene Ziel ist bei jeder Unterbringung die Rückführung in die Familie. Dies macht Sinn, weil eine dauerhafte Versorgung durch staatliche Hilfe viel zu teuer ist.

Der Kostendruck ist heute insgesamt ein Dauerbrenner. Teure Maßnahmen sollen vermieden oder zumindest kurz gehalten werden. Das kann nur mit einer betonten Familienarbeit gelingen. Unablässig ist zu fragen, was sich verändern muss, damit ein Zusammenleben wieder möglich ist. Die aufgeführten ambulanten Hilfen lassen sich oft auch als präventiv einstufen. Eine rechtzeitige Hilfe kann damit größeren Aufwand verhindern.

In der Sozialen Gruppenarbeit geschieht das in vorbildlicher Weise. In 13 Gruppen in den Landkreisen Esslingen und Göppingen betreuen Mitarbeiter des Wächterheimes über 100 Schulkinder. Grundsätzlich ist da soziales Lernen angesagt. An zwei Nachmittagen wird das Zusammenleben in der Gruppe geübt. Es werden Regeln erarbeitet, Kommunikation eingeübt und gewaltfreie Konfliktlösung praktiziert. In der Individuellen ambulanten Betreuung kann gezielt auf die Jugendlichen eingegangen werden. Der persönliche Ansatz der Hilfe bezieht sich aber auch auf die Familie. Vielfach können dabei die Störungen für die Kommunikation aufgespürt und verändert werden.

Neue Entwicklungen sind für die Mitarbeiter des Heimes keine bedrohliche Größe. Es gehört vielmehr zum Alltag. Gemeinsam mit der Paulinenpflege ist das Wächterheim vom Sozialen Dienst beauftragt, für die Sozialräume Kirchheim, Nürtingen, Plochingen und Neckartenzlingen Erziehungshilfestationen aufzubauen. Diese sollen sich nicht nur auf die Zentren beziehen, sondern auch das ländliche Gebiet mit erfassen.

Eine gute Entlastung erfahren die Mitarbeiterinnen durch die Cafeteria, die weitgehendst ehrenamtlich betreut wird. Bewohner und Gäste erhalten ein anspruchsvolles Programm, das, wie die Betreuung der Besucher, völlig ehrenamtlich durch Gruppen und Einzelpersonen aus Kirchheim und Umgebung geleistet wird. Mehrmals jährlich werden Feste ausgerichtet, bei denen auch immer die Angehörigen eingeladen sind. Für die geistliche Betreuung steht die wöchentliche Bibelstunde, die teils von der Martinskirche und teils vom Haus selber gestaltet wird. Mehrmals im Jahr gibt es auch ökumenische Gottesdienste.

pm