Lokales

Vom feinen Unterschied zwischen Kunstwerk und Mülleimer

KIRCHHEIM "Ganz Kirchheim soll endlich wissen: Was ist Kunst?" forderte Christiane Maschajechi bei ihrer szenischen Lesung "Musenküsse und andere Katastrophen" in der

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BIANCA LÜTZ

Kirchheimer Stadtbücherei. "Kunst kommt von Können", stellte sie fest diese Formel sei hinlänglich bekannt. Aber Können genüge eben nicht: "Kunst hat mit dem Machen zu tun, mit dem aktiven Tun", belehrte die Schauspielerin ihr vornehmlich weibliches Publikum, zog die logische Konsequenz und schuf umstandslos ein neues Wort dafür: "Tunst".

Diese Wortschöpfung war an dem Abend in der ausverkauften Bücherei beileibe nicht der einzige Beweis dafür, dass Christiane Maschajechi selbst zur Genüge in den Genuss von Musenküssen kommt. Sie schwang sich von der einen Rolle in die nächste und strapazierte die Lachmuskeln ihres Publikums mit Klischees und expressiver Mimik, schwäbischer Mundart und hintersinnigem Witz. Gleichzeitig aber stimmte sie mit ihren Gedichten, Szenen und theatralischen Einlagen immer wieder auch nachdenklich.

Den ersten Coup landete die Schauspielerin gleich zu Beginn der Lesung, als sie überraschend aus ihrem unbemerkten Versteck, einem Bett auf der Bühne, auftauchte. Zwei wippende Drahtfühler, die unwillkürlich an ein Marsmännchen erinnerten, schoben sich vorsichtig unter der Bettdecke hervor, gefolgt vom tumb dreinschauenden Gesicht der Schauspielerin. "Soll i aus mei'm Hause raus", rezitierte Maschajechi mit bedächtiger Stimme den Beginn von Christian Morgensterns "Gespräch einer Hausschnecke mit sich selber". In wahrlichem Schneckentempo fuhr sie fort: "Einen Schritt raus? Lieber nit raus? Hausenitraus - Hauseraus" und endete mit dem Zusatz des Dichters: "Die Hausschnecke verfängt sich in ihren eignen Gedanken oder vielmehr diese gehen mit ihr dermaßen durch, dass sie die weitere Entscheidung der Frage lächelnd verschieben muss."

Ganz entgegen dieser Lethargie, sprang Christiane Maschajechi aus dem Bett auf, um dem Publikum voller Elan ihren "Kulturbeutel" zu präsentieren eine Flötentasche samt Blockflöte und Flötenputzer und mit einigen schrillen Tönen augenzwinkernd vor diesem Kulturgut für Einsteiger zu warnen: "Sie können Ihre Kinder ja auch malen lassen."

Auch an anderen Stellen schonte Maschajechi, die selbst an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart studiert hat, weder Künstler und Intellektuelle noch die Fraktion der Kunstbanausen. Eine Museumsbesucherin mit aschenbecherdicken Brillengläsern mimend drapierte sie ihr benutztes Papiertaschentuch heimlich auf einem Torso mit der Rechtfertigung: "Isch doch wahr. Mr weiß ja nie: Isch des da hinten jetzt a Mülleimer oder doch a Kunschtwerk". Kurze Zeit später tauchte sie erneut am gleichen Kunstwerk in der Rolle einer äußerst irritierten Kunsthistorikerin, die durch das bislang nicht gekannte Taschentuch an dem Torso in Erklärungsnot gerät, dann aber schlagfertig reagiert: "Dieses Kunstwerk setzt sich mit der Gefahr der grippalen Bedrohung auseinander."

Wie Kunst und der Anspruch an sie ad absurdum geführt werden, stellte Christiane Maschajechi als "Kunstmalerin", angelehnt an den "Kunstmaler" aus Friedrich Dürrenmatts "Portrait eines Planeten", dar: "Ich malte vor allem Menschen", begann sie und schilderte die weitere künstlerische Entwicklung: Den Menschen folgten Landschaften, den Landschaften Farbflächen und Linien "bis ich die Leinwand ganz leer ließ. So fand ich die Malerei am ehrlichsten". Später ließ sie die Leinwände weg und verkaufte leere Bilderrahmen für viel Geld. Als sie jedoch die Bilderrahmen auch noch wegließ, um das Nichts noch reiner darzustellen, kaufte keiner mehr die Bilder. "Jetzt sitze ich hier am Ufer des Sees und male Bilder, in dem ich den See und das Ufer wegdenke und nur das Nichts vor mir habe. Mein Wärter findet meine Bilder wunderschön, der Chefarzt klopft mir manchmal anerkennend auf die Schulter", schloss die Schauspielerin summend und mit den Augen rollend.

Auch Friedrich Schiller, Douglas Adams, Max Frisch und ihren "Liebling" Helmut Hurst schloss Christiane Maschajechi in ihr Programm "Musenküsse und andere Katastrophen" ein, das den zweiten Teil im Sommerprogramm der Stadtbücherei mit dem Motto "Von den Musen geküsst" bildete. Mit von der Partie war außerdem eine von Musen geküsste Hausfrau alias Christiane Maschajechi, die bei einem "Fußmarsch durch die Wohnung" bewies, dass Kunst sich überall im Alltag verbirgt: Sie schlendert an der Steppe des Schreibtischs vorbei, biwakiert an der Nordwand der Bücherei und findet dort ein seltenes Beckett-Edelweiß. Im Hinterhof beobachtet sie das Treiben von Komantschen und Sioux und lässt sich nach diesen aufregenden Abenteuern friedenspfeiferauchend nieder, um im Fernsehen andächtig die untergehende Sonne zu beobachten.

INFOAm kommenden Freitag, 25. August, findet die dritte Veranstaltung im Rahmen des Sommerprogramms der Kirchheimer Stadtbücherei statt. An dem Abend präsentieren zwei Sprecher und ein Pianist Shakespeares "Ein Sommernachtstraum".