Lokales

Vom Glück, gebraucht zu werden

Das neue Jahr ist erst zwei Wochen alt, doch hat uns der Alltag mit seinen vielfältigen Anforderungen schon wieder fest im Griff. Der Terminkalender füllt sich zusehends und mancher befürchtet, dass der gute Vorsatz, selbstbestimmter zu leben, dem Hamsterrad des Lebens zu entkommen, den man am Jahreswechsel gefasst hat, nicht eingehalten werden kann. Doch lehrt die Erfahrung, dass man sein Lebensglück auch verfehlen kann, wenn man es nur in der Selbstverwirklichung sucht, ebenso wie wenn man sich in purer Selbstlosigkeit für andere aufopfert.

"Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?" fragt Jesus seine Jünger, die er in seine Nachfolge ruft (Mt. 16, 26). Es gehört zum Lebensreichtum dazu, sich nicht selber aufzusparen, nicht mit sich zu geizen, sondern mit seiner Kraft verschwenderisch umzugehen. Anderen zu helfen verschafft einem eine tiefe innere Befriedigung und schenkt Momente des Glücks.

Anzeige

Menschen wollen gebraucht werden, von Kindesbeinen an bis ins Alter. Es schadet keinem, herauszugehen und neue Herausforderungen zu wagen. Doch hat man selbstverständlich auch das Recht, sich einer Aufgabe zu entziehen, wenn man spürt, dass man von anderen instrumentalisiert wird und nur noch Mittel zum Zweck ist. Es gibt Menschen, die jederzeit für andere da sind, die sich aber schwer damit tun, einzugestehen, dass auch sie auf andere angewiesen sind. Nur der, der seine eigene Hilfsbedürftigkeit nicht verleugnet, kann seinen Mitmenschen in der rechten Weise beistehen, ohne sie mit seiner Hilfe zu beschämen.

Jemanden brauchen und sich brauchen lassen ist zutiefst menschlich. Wechseln wir doch lieber den Blickwinkel und freuen uns darüber, wenn wir um Rat, um Mithilfe, um unser bürgerschaftliches Engagement gebeten werden anstatt darüber zu lamentieren, dass wir gar keine Zeit mehr für uns selber hätten. Es hilft, geistig und körperlich beweglich zu bleiben, wenn man mit anderen zusammen und für andere um etwas kämpft, leidet oder an etwas arbeitet.

Margret Oberle

Pfarrerin in der Evangelischen

Kirchengemeinde in Brucken

und Diakoniepfarrerin

im Kirchenbezirk