Lokales

Vom idyllischen Chaos zum geordneten Grün

Es sieht zwar malerisch aus, doch längst ist das idyllische Chaos der Bissinger Kleingartenanlage an der alten Weilheimer Straße sowohl Gemeindeverwaltung als auch Landratsamt ein Dorn im Auge. Jetzt hat die Gemeinde für das Areal einen Bebauungsplanentwurf aufgestellt, der auch die geplante Kleintierzuchtanlage einbezieht.

RICHARD UMSTADT

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BISSINGEN Im herbstlichen Abendlicht wirken die "Europagärten", wie sie von Einheimischen ironisch genannt werden, wie ein Gemälde von Breughel. Doch die Idylle täuscht. Europa im Gemüse- und Salatbeet funktioniert nicht. Etliche Bewohner des Stiefels und der Süd-Ost-Flanke der Gemeinschaft interpretieren nach Gusto den Pachtvertrag mediterran großzügig. Neben den vereinigten Hüttenwerken entstanden mit der Zeit gemauerte Feuerstellen, die am Wochenende das malerische Ambiente für lautstark abgehaltene und feuchtfröhliche Partys abgeben. Der Ärger untereinander war vorprogrammiert und konnte auch durch eine Tafel mit Verhaltensregeln, aufgestellt durch die Gemeindeverwaltung, nicht gestoppt werden.

Inzwischen waren die Bissinger Kleintierzüchter und die Gemeinde auf der Suche nach einer Bleibe für die prämierten Hasen und Hühner nach einigen Umwegen fündig geworden. Und zwar soll in unmittelbarer Nachbarschaft zu den "Europagärten" das Domizil der Kleintierliebhaber aufgeschlagen werden. Dazu gaben auch die behördlichen Naturschützer des Landratsamts ihren Segen. Größeres Kopfzerbrechen allerdings bereitete den Bissingern der Verband Region Stuttgart. Er hätte die Kleintierzüchter viel lieber im Anschluss ans Gewerbegebiet im Norden der Seegemeinde gesehen. Dem konnten jedoch weder Verwaltung noch Züchter zustimmen. Der Verband blieb dennoch in seiner Nein-Sager-Rolle.

Im jetzt von Bissingens Bürgermeister Wolfgang Kümmerle vorgelegten Bebauungsplanentwurf wurde nicht nur die Kleingartenanlage geordnet. Das Planwerk greift auch die Anregungen des Regionalverbands auf und entschärft die exponierte Lage der Standorte. So wurde der Gemeinschaftsschuppen von der Liste gestrichen und die Fläche für die Zuchtanlage auf 36 Ar reduziert. Dementsprechend verringert sich die Zahl der Häuschen für das Federvieh und die Langohren von 20 auf 14. "Wir haben den Freiflächenverbrauch um 30 Prozent gesenkt," wies der Bürgermeister die Region in einem Schreiben hin. Auch sei auf die zusätzlichen Vorschläge des Verbands eingegangen worden, die Kleintierzuchtanlage im Norden und Osten einzugrünen.

Wolfgang Kümmerle erklärte in dem Brief außerdem den weiteren Handlungsbedarf, der sich aus den "erheblichen Missständen" in den "Europagärten" ergeben habe. "Diese Auffassung vertritt auch das Landratsamt Esslingen. Von dort wurden wir aufgefordert, im Rahmen eines Bebauungsplanverfahrens auch die Kleingartenanlage im Gewann "Täle - Kobel" zu ordnen: Nutzungszweck der Gärten, zulässige Schuppengrößen und Ähnliches."

Sowohl der Schultes wie auch die Bürgervertreter hoffen nun, die grundsätzlichen Bedenken des Verbands Region Stuttgart aus der Welt geschafft zu haben. Der Sitzung des regionalen Planungsausschusses am 6. Oktober sehen sie deshalb mit optimistischem Blick entgegen.

Der Bebauungsplanentwurf regelt im Hinblick auf die Kleingartenanlage die Größe und Dachneigung der Gerätehütten. Ebenso beschrieben ist in dem Entwurf die Dachneigung der Schuppen sowie Material und Farbe.

Durch die "Europagärten" im "Täle - Kobel" verläuft von Süden nach Norden der Sörbach, ein Rinnsal in einem offenen Graben. "Um das Gewässer sowie die bestehenden Pflanzen entlang des Wassergrabens zu schützen, sind innerhalb eines Streifens von beidseitig zehn Meter keine Gerätehütten zulässig." Ebenso verboten sein soll laut Bebauungsplanentwurf innerhalb dieses Schutzstreifens der Bau von Kompoststellen sowie der Einsatz von Pestiziden.

Die Bedürfnisse des Kleintierzuchtvereins sind ebenfalls in das Planwerk eingeflossen. Dazu gehört nicht nur die Beschreibung der Größe und des Materials eines Zuchthäuschens. Auch weitere Außenanlagen wie ein Vereinsheim, ein Geräteschuppen, eine Terrasse, ein Kinderspielplatz, ein Teich sowie Freiflächen für Veranstaltungen und insgesamt 26 Parkplätze wurden in den Entwurf aufgenommen. Die Kleintierzuchthäuschen sollen auf rund vier Ar großen Parzellen stehen.

Sollte der Verband Region Stuttgart am 6. Oktober grünes Licht für die Kleintierzüchter geben, wäre der Gemeinderat in einer seiner nächsten Sitzungen wieder mit dem Thema befasst. Wie Bürgermeister Kümmerle sagte, müssten sich die Bürgervertreter darüber im Klaren werden, was sie in den "Europagärten" zulassen wollen: Darf es Feuerstellen geben oder nicht? Dürfen die Geräteschuppen ein Vordach besitzen oder nicht? Sollen die Parzellen in den vorgeschlagenen Größen 100 Quadratmeter, zwischen 100 und 200 Quadratmeter und auch größer als 200 Quadratmeter sein?

Nach der Erörterung dieser Fragen durch den Gemeinderat will die Verwaltung die Meinung der jetzigen Pächter der Kleingartenanlage einholen.