Lokales

Vom Kampf gegen Bademützen bis hin zur Kernenergie

Vor Beginn der langen Haushaltsdebatte nahm sich Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker gerne Zeit, um einem "sichtbar jung gebliebenen" langjährigen Weggefährten sehr persönlich für seine "fast" schon 20 Jahre währende ehrenamtliche Tätigkeit im Kirchheimer Ratsgremium zu danken.

WOLF-DIETER TRUPPAT

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KIRCHHEIM Dass die verdiente Ehrung ganz streng genommen etwas zu früh erfolgt, räumte das Kirchheimer Stadtoberhaupt dabei durchaus ein. Dennoch freute sie sich sehr darüber, im passenden Rahmen der letzten öffentlichen Gemeinderatssitzung dieses Jahres dem Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler die Ehrennadel des Städtetages in Silber zu überreichen. Hagen Zweifel war schließlich erst am 18. Dezember 1985 gemeinsam mit Dr. Mauersberger als Nachfolger der beiden ausgeschiedenden Mandatsträger Hannes Gerber und Max Pohlner vom damaligen Oberbürgermeister Werner Hauser auf sein Amt verpflichtet und anschließend viermal in Folge wiedergewählt worden.

Dass Hagen Zweifel zu den "Exoten oder besser gesagt Erfahrenen" gehört, die drei Oberbürgermeister der Stadt erlebt haben, hob sie genauso hervor wie die Tatsache, dass der "Absolvent des altehrwürdigen ,Esslinger Stalles', der traditionsreichen Fachschule für Technik" und in verantwortungsvoller Position bei den Neckarwerken und in Rechtsnachfolge bei der EnBW tätige Kommunalpolitiker meist immer dann befangen war, wenn es ihn ganz besonders "pfupferte", sich intensiv an der Diskussion zu beteiligen: beim Thema Energie. Auch wenn Hagen Zweifel bei Diskussionen über Konzessionsverträge, Netzübernahmen oder Energieversorgungskonzepte auf den Zuschauerrängen Platz nehmen musste, hat er Vollbartträgern mit schütterem Haupthaar sicher aus dem Herzen gesprochen, als er sich im März 1986 vehement für die Aufhebung des Bademützenzwanges in den städtischen Bädern aussprach.

Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker bestätigte Hagen Zweifel, dass er das Erscheinungsbild der Stadt wesentlich mitgeprägt habe, zählte die unterschiedlichsten Maßnahmen auf, die in den vergangenen zwanzig Jahren verwirklich wurden und bestätigte dem Fraktionsführer der Freien Wähler, dass er stets ein leidenschaftlicher und dennoch besonnener und verantwortungsfreudiger Kommunalpolitiker gewesen sei und sicher auch weiter sein werde, der nicht mit Kritik spart, gleichzeitig aber ohne nachtragend zu sein stets zum Wohle der betroffenen Bürger nach vorne schaue.

Ralf Gerber machte anschließend deutlich, dass Fraktionsführer Zweifel seinem Namen zweifellos keine Ehre mache. Die im Brockhaus nachzulesende "Unentschiedenheit gegenüber Sachverhalten" und die dort ebenfalls festgeschriebene charakteristische Eigenschaft, "sich auch nur vorläufigen oder schwachen Urteilszustimmungen" zu enthalten, habe er bei seinem Fraktionskollegen nie wahrgenommen, der stets klar, präzise und sachlich fundiert seine Positionen vertrete, große Kompetenz und viel Hintergrundwissen in die Arbeit einbringe und eben "ein alter Hase " sei.

Das letzte Wort hatte aber dann doch der dank sportlicher Aktivitäten und ehrenamtlichem Engagement im Stadtverband für Leibesübungen junggebliebene und doch altgediente Stadtrat, der nicht leugnete, dass die zwei Jahrzehnte im Gemeinderat ihn auch persönlich geprägt und ihm bewusst gemacht hätten, dass er nicht immer recht habe. Sich auf Konfuzius berufend, lautete dann sein abschließender Rat an Verwaltungsbank und Ratsgremium: "Zweifle nie, ohne zu hoffen, aber hoffe auch nie, ohne zu zweifeln."