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Vom Kampf ums Kloster und von "heimlichen Zechen" im Frauenhaus

Von der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 960 bis zu den Jahren der spanischen Besatzung von 1548 bis 1551 spannt sich der Bogen der Ereignisse, über die Rolf Götz in seinem Beitrag zur neuen Kirchheimer Stadtgeschichte schreibt. Die Bandbreite reicht von Geschichte auf höchster Reichsebene bis hin zum Alltag in der Stadt, zu dem auch ein von der Kommune verpachtetes Bordell gehörte.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Die eigentliche Domäne des Kirchheimer Gymnasiallehrers und Historikers Rolf Götz besteht in der Urkundenforschung. So nimmt in seinem Beitrag zur Stadtgeschichte auch jenes Dokument einen breiten Raum ein, in dem erstmals der Name "chiricheim" auftaucht. "Auftauchen sollte" träfe es freilich genauer, denn die Urkunde von 960 leidet unter einem Wasserschaden. Die Flecken machen einen großen Teil des Wortlauts unlesbar, unter anderem die Stelle, an der das Wort "chiricheim" stehen müsste.

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Folglich ist in der ersten urkundlichen Erwähnung Kirchheims der Name der Stadt nicht mehr zu lesen. Woher wissen die Geschichtsforscher dann überhaupt, dass Kirchheim in der Urkunde von 960 tatsächlich genannt ist? Ganz einfach: 16 Jahre nachdem Otto I. und Bischof Hartbert von Chur verschiedene Besitztümer ausgetauscht hatten, zu denen auch "chiricheim cum basilica decimali" also "Kirchheim samt der zehntberechtigten Kirche" gehörte, bestätigten ihre Nachfolger, Otto II. und Bischof Hiltebald, den Tausch in einer weiteren Urkunde, mit nahezu demselben Wortlaut. Diese Urkunde aus dem Jahr 976 befindet sich bis heute in Chur, ebenso das beschädigte Dokument von 960.

Beim Tausch ging es gar nicht ursächlich um Kirchheim. Vielmehr sollte der Bischof von Chur in den Besitz wichtiger Alpenpässe kommen, um Otto dem Großen den Weg nach Italien freihalten zu können. Außerdem wollte Otto die Position des Churer Bischofs aufwerten. Rolf Götz schreibt in diesem Zusammenhang vom Beginn des "ottonisch-salischen Reichskirchensystems".

Von 960 an war Kirchheim also Königsgut geworden und blieb es bis zum Tod Heinrichs II. im Jahr 1024. Danach ist es in den Besitz der Grafen von Nellenburg gelangt. Rolf Götz versteht unter "Kirchheim samt zehntberechtigter Kirche" auch das gesamte Gebiet um Kirchheim, also die spätere "Herrschaft Teck" beziehungsweise große Teile des späteren württembergischen Amts Kirchheim. Die "zentralörtliche" Bedeutung Kirchheims für die Umgebung habe also bereits frühzeitig bestanden.

Zu Beginn des 12. Jahrhunderts kam die Herrschaft auf Erbwegen an die Herzöge von Zähringen, die sich zu diesem Zeitpunkt gerade in Richtung Breisgau orientierten und ihre Güter rund um Limburg und Teck schon bald nicht mehr als Mittelpunkt ihrer Herrschaft betrachteten. So erbte nach dem Tod Herzog Bertolds IV. von Zähringen dessen Bruder Adalbert Ende des 12. Jahrhunderts den Besitz rund um Kirchheim und nannte sich "Herzog von Teck".

Unter Adalberts Nachfolgern erfolgte die Erhebung Kirchheims zur Stadt. "Leider lässt sich kein Jahr der Stadtgründung finden", bedauert Rolf Götz im Gespräch. Anhand seiner Untersuchungen untermauert er aber die über 50 Jahre alte Datierung, die Walter Grube im Heimatbuch des Kreises Nürtingen vorgelegt hat. Demnach ist Kirchheim zwischen 1220 und 1230 zur Stadt geworden. Urkundlich gesichert ist aber lediglich, dass die Stadterhebung vor 1249 stattfand. Besonders wichtig ist es für Rolf Götz, dass die Stadt Kirchheim eine Gründung Herzog Konrads I. von Teck ist, dass es sich nicht um eine "Zähringerstadt" handelt und dass sich sowohl Elemente einer "gewachsenen" als auch einer "geplanten" Stadt erkennen lassen.

1381 schließlich gelangte die Herrschaft Teck endgültig durch Kauf in den Besitz der Württemberger. Eine größere, wenn auch zwielichtige Rolle in der württembergischen Geschichte spielte Kirchheim rund hundert Jahre später: Der Sohn des Grafen Ulrich V. des Vielgeliebten ein rechter Taugenichts namens Eberhard hielt sich öfters in Kirchheim auf, um im Frauenkloster seinen Vergnügungen nachzugehen. Daraufhin wurde das Kloster 1478 grundlegend reformiert, wobei es immer wieder Streitigkeiten gab zwischen denjenigen Nonnen, die der Reformbewegung angehörten, und denen, die am liebsten das alte Lotterleben wiederherstellen wollten.

Anfang 1488 musste sogar Graf Eberhard im Barte eingreifen und die mehrfache Belagerung des Klosters durch Anhänger seines nichtsnutzigen Vetters Eberhard zur besseren Unterscheidung "der Jüngere" genannt sowie durch Kirchheimer Bürger aufheben. Der Friede kehrte wieder ein, und das fromme Klosterleben erfuhr noch einmal einen Aufschwung. Im Zusammenhang mit diesen dramatischen Ereignissen war auch Barbara Gonzaga, die Ehefrau Eberhards im Barte, häufig ins Kirchheimer Frauenkloster gekommen, wo sie nach ihrem Tod 1503 auch bestattet wurde.

In dieser Zeit gab es in Kirchheim aber noch ein ganz anderes "Frauenhaus", mit dem die Stadt ihre Kasse durch Einnahmen aus der Prostitution aufbesserte. Tatsächlich wurde das Bordell damals "Frauenhaus" genannt. Es lag in der Oberen Vorstadt, in der heutigen Dettinger Straße. Wie in anderen Städten auch, richtete die Kirchheimer Verwaltung das Haus ein und bekam eine regelmäßige Pacht vom Betreiber. "Der Bordellbesuch war nur den unverheirateten Männern gestattet", schreibt Rolf Götz und berichtet von einem Kirchheimer Bürger, der 1526 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, "weil er trotz eines bereits früher ausgesprochenen Verbots ,eine heimliche Zeche' im Frauenhaus getan hatte".

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebten die württembergischen Untertanen unter der Herrschaft Herzog Ulrichs in einer turbulenten Zeit, die einschneidende Veränderungen mit sich brachte. "In nicht einmal einer Generation", schreibt Rolf Götz, "erlebten die Kirchheimer Bürger Bauernaufstände (1514 und 1525), die Vertreibung und Rückkehr ihres Herzogs (1519 und 1534), die Einführung der Reformation (1534) und den Ausbau ihrer Stadt zur Landesfestung (ab 1538)."

Die Fremdherrschaft der Habsburger und die Einführung der Reformation in Württemberg bedingten einander gegenseitig. Während der Vertreibung Herzog Ulrichs verhielten sich die Kirchheimer überwiegend loyal gegenüber ihrem angestammten Landesherrn, der sich während seiner verschiedenen Versuche, das Land zurückzuerorbern, auch in Kirchheim aufhielt. Der Bauernkrieg 1525 freilich brachte noch nicht die entscheidende Wende für den Herzog, der auf die Unterstützung der Bauern gegen die kaiserlich-habsburgischen Truppen zählen konnte.

Erst neun Jahre später, 1534, kehrte Ulrich nach der Schlacht bei Lauffen nach Württemberg zurück und führte unverzüglich die Reformation ein. Dies war einerseits ein Zugeständnis an seinen protestantisch gesinnten Verbündeten, Landgraf Philipp von Hessen. Andererseits war es eine Gegenmaßnahme gegen die vorausgegangene kaiserlich-katholische Fremdherrschaft. Die Einführung der Reformation führte Rolf Götz zufolge auch in Kirchheim "zu einem tiefgreifenden religiösen und kulturellen Einschnitt".

Keine 15 Jahre nach Ulrichs Rückkehr besetzten unter dem Oberbefehl des berüchtigten Herzogs von Alba abermals kaiserliche Truppen das Land eine Folge des Schmalkaldischen Kriegs. Die Landesfestung Kirchheim wurde dabei zwar nicht erobert, aber Anfang 1547 übergeben. Im August 1548 schließlich ersetzten spanische Soldaten die deutschen Landsknechte in Kirchheim. Die Besatzung muss für die Kirchheimer so furchtbar gewesen sein, dass sie ihren neuen Herzog Ulrichs Sohn Christoph in einer Petition baten, sich beim Kaiser dafür einzusetzen, dass sie das Land verlassen dürfen und dass man sie ungehindert ziehen lasse. Christoph erreichte mit seiner Diplomatie bei Karl V. aber viel mehr: Die spanischen Truppen waren es, die alsbald das Land verließen. Im November 1551 kam der erste evangelische Geistliche wieder nach Kirchheim. Herzog Christoph sorgte nach langen unruhigen Zeiten für Ruhe und Ordnung.