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Vom Kaukasus in die Breitachklamm

KIRCHHEIM Ohne Yury Poliak wäre Deutschland für viele ehemaligen Bürger Russlands kleiner, trister und noch unverständlicher. Der frühere Chef-Ingenieur aus der Millionenstadt Rostow am Don, Tennisspieler und großer Liebhaber klassischer Musik, bringt den Menschen aus dem Reich der Zaren und der Revolution, die jetzt hier leben, deutsche Geschichte, Kultur und Archi-

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RICHARD UMSTADT

tektur näher und verhilft ihnen somit, die Lebensweisen und Sitten der einheimischen Bevölkerung besser zu verstehen.

Wie er das macht? Yury Poliak, der seit fünfeinhalb Jahren in Kirchheim lebt, geht auch hier seiner alten Leidenschaft nach: er organisiert Reisen. Viele Jahre führte der Ingenieur in seiner Freizeit touristische Gruppen von Rostow am Don in den Kaukasus und andere Gebiete der ehemaligen Sowjetunion. Dabei handelte es sich um Zwei- bis Vier-Tagesausflüge per Bus, an denen 30 bis 40 Leute teilnahmen. In Kirchheim scharte er wiederum Interessierte aller Altersstufen um sich und organisierte einmal im Monat eine Reise. So erkundete er mit Gruppen von 25 bis 30 Personen in den vergangenen drei Jahren die nähere und weitere Umgebung per Bahn. Über 25 Ziele in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein steuerten die Gruppen unter der Leitung von Yury Poliak an. Sein Freund Boris Asnin sagt: "Ohne Yury würde die Mehrheit von uns die Schönheiten von Bayern, die Berggipfel und Seen und vieles andere mehr nicht sehen. Wir sagen ihm dafür besten Dank."

Auf Highlights angesprochen, muss der erfahrene Touren-Instrukteur nicht lange zögern: "Am besten haben mir die Zugspitze, die Breitachklamm bei Oberstdorf, Schloss Neuschwanstein und Mailand gefallen." Italien an einem Wochenende, auch das organisiert Yury Poliak.

Inzwischen sind seine Reisen nicht nur in Kirchheim bekannt, auch Freunde aus Stuttgart und Karlsruhe, wo seine Tochter lebt, fahren mit. "Wir wählen einen Radius von 350 bis 400 Kilometer pro Tag," berichtet der Tourenführer, der die Reisen akribisch genau vorbereitet. Die Fahrten finanzieren die Teilnehmer selbst. "Allerdings ist es sehr schwer mit dem Zug zu fahren, weil wir oft umsteigen müssen. Manchmal nehmen wir den Bus oder das Boot. Aber das Kennenlernen der neuen Orte, der prächtigen Natur und altertümlichen Architektur in den kleinen und großen Städten lässt uns alle die Lebensschwierigkeiten vergessen," erzählt Boris Asnin, der Chef-Ingenieur für Schiffsbau aus Sankt Petersburg. Er freut sich ebenso wie die anderen ehemaligen Bürger Russlands, wenn Einheimische mit ihnen reisen. "Der Kontakt mit ihnen hilft uns, unsere Deutschkenntnisse zu verbessern."

Yury Poliak kam mit seiner Familie im Juli 2000 über das Lager in Karlsruhe nach Kirchheim, lebte ein halbes Jahr im Wohnheim für Aussiedler und fand dann eine Wohnung. Seine Tochter promovierte in Deutschland und ist nun Ärztin in Karlsruhe.

Boris Asnin siedelte vor sieben Jahren direkt aus Sankt Petersburg zu seiner Tochter nach Kirchheim über. Der Spezialist für den Bau von Flussschiffen hatte jedoch schon zuvor über seinen Beruf Kontakt in den Süden Deutschlands. Dort suchten Planer Ingenieure, die sich mit dem Bau von großen Katamaranen auskennen. "Ich habe sie auf dem Bodensee fahren gesehen," freut sich Boris Asnin.

Übrigens: Der nächste Ausflug, den Yury Poliak vorbereitet, findet am Samstag, 11. Februar, statt und führt nach Wiesbaden. Abfahrt in Kirchheim am Bahnhof um 7.52 Uhr. Ankunft in Kirchheim um 22.09 Uhr. Alle, die sich dafür interessieren, sind herzlich eingeladen, sich bei Yury Poliak, Telefon 0 70 21/48 83 57, zu melden.