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Vom Kirchheimer Schloss in die Budapester Königsburg

KIRCHHEIM Manche württembergischen Kommunen würdigen dieses Jahr das Wirken des Dichterfürsten Friedrich Schiller in ihren Mauern ob seines 200. Todestages. Wenn auch kein dichterfürstliches, so kann Kirchheim heuer immerhin wieder ein fürstliches Andenken pflegen: vor 150 Jahren, am 30. März

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KARL-GEORG SINDELE

1855, starb in Budapest mit der ältesten Henriettentochter Maria Dorothea eine kaiserliche Hoheit, die einen großen Teil ihrer Jugendzeit im Kirchheimer Schloss verbrachte und durch manchen späteren Besuch und Briefwechsel den Kontakt zum Teckstadt-Schloss zeitlebens nie abreißen und selbst nach dem Tode persönliche Nachlassangelegenheiten noch vom Kirchheimer Gerichtsnotar abwickeln ließ.

Heute vielen unbekannt, erfährt sie in der Regel nicht die ihr zustehende Wertschätzung; dabei war Maria Dorothea eine höchst verantwortungsvolle und pflichtbewusste Persönlichkeit, so ganz und gar eine Kontrasterscheinung zum oft leichtlebigeren aristokratischen Jetset unserer Tage.

Geburt in CarlsruheEnde Januar 1797 meldete die Bayreuther Zeitung, dass am 28. Januar eine Prinzessin Henriette von Nassau-Weilburg einem württembergischen Prinzen Ludwig (Louis) in der Eremitage bei Bayreuth das Ja-Wort gegeben habe. Sie eine nicht ganz Siebzehnjährige, die mit dem nassauischen Hof ihres Bruders vor den Franzosen nach Bayreuth geflüchtet war; er ein bald 41-jähriger Generalleutnant in preußischen Diensten, der seit 1795 als Generalgouverneur der damals preußischen und außenpolitisch neutralen früheren Markgrafschaft Ansbach-Bayreuth im Neuen Schloss der heutigen Wagner-Metropole residierte. Er war ein Mann mit Erfahrungen, geschieden von einer polnischen Fürstin und mit dem Sorgerecht für ein ihm zugesprochenes fünfjähriges Söhnlein namens Adam. Weiterer Nachwuchs stellte sich bald ein. Fast pünktlich neun Monate nach dem ersten so genannten Beilager der Neuvermählten gebar Henriette am 1. November 1797 ihr erstes Kind, eine Tochter, der man die Taufnamen Maria Dorothea Louise Wilhelmine Caroline gab. Maria wohl nach der hochrangigen Tante, der damaligen russischen Zarin Maria Feodorowna, Dorothea nach der Großmutter väterlicherseits, zu dieser Zeit Frau des regierenden württembergischen Herzogs Friedrich Eugen.

Neben diesen später allein gebräuchlichen Vornamen entdeckt man auch noch aufgekommene Modenamen oder Würdigungen von Schwestern mütterlicherseits. Vor allem "Louise" schmeichelte nicht nur einer Henriettenschwester oder dem Kindsvater Louis, sondern auch der Schwägerin Luise und deren gleichnamigem Töchterlein im schlesichen Carlsruhe (heute Pokj), wohin sich Henriette zur Geburt zurückgezogen hatte. Dort, im Schloss ihres Schwagers Eugen und dessen schon fünfmal niedergekommenen Frau, fühlte sich die blutjunge Henriette bei der Erstlingsgeburt gut aufgehoben.

Unruhige KindheitsjahreEine dauerhafte Bleibe konnte Carlsruhe nicht sein, zumal dort vier Wochen nach Maria Dorotheas Geburt ein fünfjähriger Sohn der Gastgeber verstarb und man die Gastfreundschaft nicht zu sehr strapazieren wollte. 1798 erwarb Louis das schlesische Schloss Wallisfurth bei Glatz, in dem im Juni 1799 Marias erstes Geschwisterchen Amalie geboren wurde. Wenig später trat Louis auf Anraten seiner Schwester, der schon erwähnten Zarengemahlin Maria Feodorowna in russische Dienste.

Die Aufenthaltsorte der Familie und damit auch die Geburtsorte der drei noch folgenden Geschwister Maria Dorotheas zeigen eine hohe Mobilität dieser Hocharistokraten. Schloss Riga mit Geburt der Schwester Pauline, Schloss Würzau beim heutigen lettischen Jelgava als Geburtsplatz von Elisabeth und Schloss Pawlowsk bei Sankt Petersburg von Bruder Alexander.

1805 begab sich die Familie aus gesundheitlichen Gründen in das vom Bruder Henriettes regierte Nassau (-Weilburg), insbesondere zur Kur ins nassauische Bad Ems. Da mittlerweile Württemberg und Nassau auf die Seite Napoleons getreten und damit russlandfeindlich geworden waren, rief König Friedrich I. seinen ältesten Bruder, der fortan ausschließlich als Herzog tituliert wurde, mit seiner Familie nach Stuttgart zurück.

Maria Dorothea, erstmals in Württemberg, erlebte nun mit ihren drei Schwestern, einem kleinen Bruder und einem großen Halbbruder bis 1811 ungefähr fünf schöne, geborgene, interessante und materiell gut fundierte Jahre in unmittelbarer Nähe des Königshofes zu Stuttgart und sommers zu Ludwigsburg, wo die Mutter mit den Kindern zeitweise auch ein kleines landwirtschaftliches Gut bewirtschaftete.

Was Rang und Namen im "Staate Beutelsbach" hatte, blieb der Familie nicht unbekannt. Aus dieser Zeit datiert auch der Kontakt mit dem Komponisten Carl Maria von Weber, den Vater Louis als Privatsekretär wie auch als Hauslehrer vornehmlich "im Schreyben, der Musique und sonstigen guten deutschen Schreybarth" für seine Kinder eingestellt hatte. Bis heute unvergessen sind aus Webers damaliger Schaffensperiode die 1809 komponierten "Six pices pour le pianoforte Ù quatre mains", über deren Noten deutlich zu lesen steht, dass sie den Hoheiten Prinzessin Maria und Prinzessin Amalie von Württemberg gewidmet wurden.

In Kirchheim1811 wies König Friedrich I. der Familie überraschend Schloss Kirchheim als dauernden Wohnsitz an, nachdem hier am 1. Januar die populäre Herzogswitwe Franziska von Hohenheim gestorben war und der König seinen ungeliebten, hoch verschuldeten Bruder nicht mehr in seiner Nähe sehen wollte.

Am 23. Oktober schreibt Maria Dorothea erstmals ein Brieflein aus Kirchheim an den König, in dem sie ausdrückt, glücklich bei ihrem Vater zu sein, aber eigentlich Seine Majestät in Stuttgart auch nicht verlassen möchte. Noch vor dem endgültigen Wegzug nach Kirchheim hatte der König seine Nichte, auf die er große Stücke hielt, im September zur Coadjutorin einer Stellvertreterin der Äbtissin des adeligen Fräuleinstifts Oberstenfeld ernannt.

Wie es sich für eine solche Würdenträgerin dann gebot, fand die feierliche Konfirmation Marias am 22. Dezember 1811 in Gegenwart des Königs in der Stuttgarter Hofkapelle mit Oberhofprediger Prälat von Süskind statt. Sobald es eine Möglichkeit gab, ernannte Friedrich I. die Nichte schließlich im Juli 1815 zur Äbtissin des genannten Stifts mit einer Präbende (Pfründe) von 2 000 Gulden jährlich. Diese formale Würde ohne Residenzpflicht in Oberstenfeld verbesserte natürlich auch den etwas engen finanziellen Spielraum der Familie, insbesondere im Bereich der Zuweisungen für die Erziehung der Kinder.

Neben der normalen Apanage (Unterhaltsleistungen) für die Familie hatte der Monarch für die Erziehung der Prinzessinnen einen Extrafonds von 4 000 Gulden jährlich bestimmt. Davon wurden die Gouvernantin (Erzieherin) Alexandrine des Echerolles bezahlt (408 Gulden mit freiem Tisch an der herzoglichen Tafel), eine Kammerfrau mit 182 Gulden samt Kostgeld und zwei aus Stuttgart mitgebrachte Garderobemädchen mit je 110 Gulden samt Kostgeld. Den Rest verbrauchte man nach Bestimmung der Herzogin Henriette für Kleidungsstücke (auch Trauerkleidung), Unterrichtsgegenstände, Gagen beziehungsweise Unterrichtsgelder für öffentliche Lehrer . . .

Aus der Rechnungslegung für 1813 ist zu erfahren, dass im Kirchheimer Schloss von 1811 bis 1813 nur ein von Hoforgelmacher Pfeiffer in Stuttgart gemieteter Flügel für die früheren Weber-Schülerinnen vorhanden war, bis im Februar 1813 bei den Instrumentenmachern Dieudonn und Schiedmayer in Stuttgart einen Pianoforteflügel zu 330 Gulden (abgekürzt fl.) erworben wurde. Eine Geschichtstafel musste von Glaser Brökelin in Dettingen zu 8 Gulden 16 angefertigt werden.

Im Jahre1816 gingen Gagen für Informationsunterricht an Oberhelfer Geß für Religion (80 Gulden), an Pfarrer Klett in Dettingen für Geschichte und Geographie (95 Gulden), an Präzeptor Klunzinger für Schreibunterricht (39 Gulden), an Schullehrer Kraft für Deutsche Sprache und Rechnen (25 Gulden), Schulmeister Klöpfer für Musikinstrumentenwartung (26 Gulden), an Schullehrer Pantel für Klavier- und Singunterricht (164 Gulden) und schließlich an den seit Jahren in Kirchheim schon bekannten Zeichnungslehrer / Zeichenmeister Keppler (33 Gulden).

Für die in adeligen Kreisen unabdingbar notwendige Kunst des Tanzens wurden bereits in Stuttgart und Ludwigsburg Gagen an namhafte Tanzmeister gegeben. Was die ebenso unverzichtbare französische Sprache anging, so war diese in der Familie geläufig und konnte auch von der schon 1807 eingestellten französischen Erzieherin und späteren Hofdame Herzogin Henriettes, Fräulein Alexandrine des Echerolles, vermittelt und verfeinert werden.

Noch etwas fällt auf und mutet ganz modern an: da das Flussbaden seit einiger Zeit auch im Königreich Württemberg in Mode gekommen war, wurden Maria Dorothea und ihre Geschwister im Sommer mit der Kutsche an den Neckar nach Köngen gefahren. Dort war wohl auf der heutigen Wendlinger Seite des Neckars ein hölzernes Badehäuschen mit Steg, Treppen und Seil in den Fluss hinein errichtet und jedes Jahr repariert oder bei Hochwassertotalschaden von Zimmerleuten und Fischern neu aufgebaut worden.

Ein Ereignis besonderer Art war für Maria Dorothea die Heirat ihrer jüngeren Schwester Amalie, die am 24. April 1817 in der Martinskirche mit dem Erbprinzen Joseph von Sachsen-Hildburghausen (seit 1826 Sachsen-Altenburg) in Anwesenheit von König Wilhelm I. und der in Württemberg so verehrten Königin Katharina also vom Vetter und der Base der Kirchheimer Schlosskinder getraut wurde. Nach diesen anstrengenden Tagen und Wochen hatte sich Herzog Louis zu seinem Bruder nach Wiblingen bei Ulm begeben und erkrankte plötzlich lebensgefährlich, sodass Henriette mit ihren drei Töchtern und dem Sohn zweimal eilends nach Ulm reisen musste. Der Schwerkranke wurde schließlich nach Kirchheim zurückgeholt, starb aber nach mehreren Schlaganfällen am 20. September 1817 im Kirchheimer Schloss. Louis hatte seinen königlichen Bruder Friedrich nur um knapp elf Monate überlebt. Maria Dorothea, die Titularäbtissin, war als Älteste nun sehr in die Pflicht genommen, der Mutter und den noch im Schloss wohnenden Geschwistern beizustehen.

Die Kirchheimer HochzeitDie anstrengende Zeit nagte natürlich auch an der Gesundheit Marias und ihrer Mutter Henriette, die sich im Sommer 1818 entschloss, mit ihren drei noch ledigen Töchtern und einigen Kirchheimer Begleitpersonen eine Italienreise zu unternehmen, die sich dann bis in den Juli 1819 erstreckte. Neben dem offiziellen gesundheitlichen Grund spielte auch der Aspekt der Bildungsreise eine nicht geringe Rolle. Für Maria Dorothea wurde die Reise jedoch entscheidend für ihr weiteres Leben: sie lernte in Rom den verwitweten Habsburger Erzherzog Joseph, seines Zeichens Palatin von Ungarn, kennen und heiratete ihn nach ihrer Rückkehr am 24. August 1819 im Rundsaal des Kirchheimer Schlosses, wiederum in Anwesenheit des mittlerweile auch verwitweten Königs.

Es ist denkbar, dass der Erzherzog unter Umständen von der heiratspolitisch oft aktiven Zarenmutter Maria Feodorowna auf die Reise der ihr bekannten Kirchheimer Prinzessinnen in dessen italienische Geburtsheimat aufmerksam gemacht wurde, zumal Joseph in erster Ehe mit Maria Feodorownas Tochter Alexandra verheiratet war und diese im ersten Kindbett verlor; und 1817 auch seine zweite Frau Hermine, eine nassauische Nichte Henriettes, eine Zwillingsgeburt nicht überlebte.

Da Henriette einst den 24 Jahre älteren und geschiedenen Prinzen Louis mit einem kleinen Kind geheiratet hatte, fiel es ihr nicht schwer, Maria Dorothea in diesem verantwortungsvollen Schritt zu unterstützen, einen 21 Jahre älteren, zweimal verwitweten Mann mit einem Zwillingspärchen von zwei Jahren zu heiraten. Dazuhin war es für die 21-Jährige, bisher zur Sparsamkeit angehaltenen Prinzessin, materiell eine exzellente Partie, politisch für Württemberg eine günstige Verbindung mit dem bedeutenden Kaiserhaus der Habsburger. Da setzte man sich sowohl am Stuttgarter als auch am Wiener Hof über die Konfessionsschranken bald hinweg.

Der Bräutigam, Bruder des Kaisers Franz, war streng katholisch, die Braut, Cousine des württembergischen Königs, überzeugte Protestantin mit dem oben erwähnten förmlichen Titel einer Äbtissin von Oberstenfeld. Auch die Dispens des Papstes für diese vom katholischen Titularbischof Keller und dem evange- lischen Prälaten D'Autel ökumenisch eingesegneten Mischehe wurde Joseph erteilt mit der üblichen für Maria natürlich bitteren Einschränkung, dass Kinder im römisch-katholischen Glauben zu erziehen seien.

"Palatinissa" in UngarnDas Hochzeitspaar verließ Ende September die deutschen Gefilde, hielt sich noch zwei Wochen in Wien am Kaiserhof auf, um am 17. Oktober 1819 schließlich die Residenz des Erzherzogs, die Königsburg von Buda(pest) zu erreichen. Joseph war Palatin, eine Art Vertreter, Statthalter des Kaisers in Ungarn. Aus der bescheidenen Kirchheimer Provinzprinzessin war nun eine "Palatinissa", eine königlich-kaiserliche Hoheit, eine Schwägerin des Kaisers, im Grunde eine Landesmutter für Ungarn geworden und sie erfüllte ihre neue Aufgabe nahezu drei Jahrzehnte mit Bravour. Sie erzog die angeheirateten Kinder liebevoll; sie war ihren eigenen fünf Kindern, von denen zwei früh beziehungsweise vorzeitig verstarben, eine gute Mutter; sie ließ den Nachwuchs wie im Ehevertrag vorgesehen vom katholischen Prälaten von Buda (Ofen) katholisch erziehen; sie trug viel zu einer außergewöhnlich glücklichen Ehe bei; sie stützte das Nationalbewusstsein der Madjaren und bediente sich auch ihrer Sprache aber sie blieb eine überzeugte Lutheranerin in einer erzkatholischen Monarchie.

Für die ungarischen Protestanten war diese standfeste, gebildete und bestens erzogene Fürstin ein besonderer Glücksfall. Manche Biographen sehen mit ihr sogar eine neue Periode des ungarischen Protestantismus eingeläutet. Mit ihrem christozentrischen Denken, ihrem theologischen Wissen gepaart mit lebensnaher Einstellung und ihrer von Kirchheim mitgebrachten pietistischen Frömmigkeit, wurde sie zur neuen Leitfigur, zur Protektorin, zum Schutzengel der Glaubensgemeinschaft einer Minderheit und zur Gründerin der evangelischen Burggemeinde im Bereich des Budapester Burgviertels.

Ihre Kontakte beschränkten sich nicht auf die lokalen Theologen; auch zu württembergischen Pfarrern wie Christian Gottlob Barth, zu den Genfer Erweckungstheologen Csar Malan und Merle d'Aubign, zum Königsfelder Wanderprediger Johann Conrad Weiz . . . bestanden rege Verbindungen. Es scheint auch, dass Maria die karitative, wohltätige Ader von ihrer Kirchheimer Mutter geerbt hat; wenn Notstände sich auftaten, half sie materiell; sie ließ Gebet- und Gesangbücher herausgeben und verteilen; sie gab Anregungen zur Eröffnung des ersten ungarischen Kindergartens, in der Folge auch zu weiteren Kindergärten, zu einem Kindergärtnerinnen-Institut, zu einem Frauen-Wohltätigkeitsverein, zur Errichtung einer Gewerbeschule . . .

Im Januar 1847 starb ihr Mann. Der Witwe wurde zum großen Bedauern der Ungarn von der Regierung Metternich gegen ihren Willen und damit gegen den ursprünglichen Ehevertrag das Augartenpalais in Wien als Wohnsitz angewiesen, um sie die "Ketzerin" besser unter Kontrolle zu haben. Selbst ein Weihbischof versuchte sie vergeblich zum "rechten" (katholischen) Glauben zu überreden.

Im März 1855 fuhr sie wieder einmal zu ihrer Tochter Elisabeth (geb. 1831) nach Budapest und wollte ihr bei der Geburt des ersten Kindes in der zweiten Ehe beistehen. Das Kind erhielt den Namen des seit 1848 regierenden und Maria Dorothea hoch schätzenden jungen Kaisers Franz Josef, doch es starb nach wenigen Tagen. Die gestresste Großmutter bekam eine schwere Grippe und starb am 30. März 1855 an einem Gehirnschlag, um dann am 4. April in der Palatinsgruft der Budapester Burg neben ihrem Mann Joseph bestattet zu werden.

Groß war die Betroffenheit bei ihren Verwandten und ihrer Anhängerschaft. Ihre in Kirchheim noch lebende 75-jährige Mutter Henriette musste bereits zum zweiten Mal ein eigenes Kind betrauern, nachdem schon 1848 Herzogin Amalie von Sachsen-Altenburg gestorben war. Im "Kirchheimer Amts- und Intelligenzblatt" wenig später: "Der Teckbote" bedankte sie sich am 9. Mai 1855: "Es seye mir erlaubt auch hier, die meiner tiefgefühlten Erkenntlichkeit zu versichern, die mir bei dem schweren Verlust, den ich am Liebsten, das ein Mutterherz besitzen kann, erlitt, ihre Theilnahme erwiesen."

NachwirkungenIn Budapest gibt es heute noch im Pester Zentrum den Palatin-Josephs-Platz und in unmittelbarer Nähe die Dorotheenstraße. Nach Angaben des verstorbenen Landeshistorikers Professor Decker-Hauff war in Ungarn lange Zeit für den Weihnachtsbaum das Wort "Dorotheenbaum" gebräuchlich, ein Weihnachtsbrauchtum, das Maria Dorothea schon von ihrer nassauischen Mutter Henriette im Kirchheimer Schloss kennen gelernt hatte und das sie welches Novum anscheinend damals bereits an ihrem ersten ungarischen Weihnachten 1819 auch in Budapest fortsetzte.

Selbstredend hat sich das Gedächtnis an Maria Dorothea in der protestantischen Kirche in Ungarn, ja auch in der Ungarischen Evangelischen Gemeinde in Württemberg erhalten. Schließlich sollte man nicht vergessen, dass über ihre Kinder viele Hochadelsfamilien Europas direkt von ihr abstammen. Das von ihr an Mutter statt betreute Zwillingspärchen ist genealogisch uninteressant, da Hermine als ledige Äbtissin eines Damenstifts in Prag und auch Stephan, der nach kurzem Palatinat 1848 abdankte und sich auf das ererbte Schloss Schaumburg bei Weilburg zurückzog, ebenfalls ledig verstorben ist.

Die leiblichen Kinder, welche die Mutter überlebten, sorgen jedoch für ein weitläufiges europäisches Verwandtschaftsgeflecht. Tochter Marie Henriette (1836 bis 1902) wird belgische Königin und ist eine Ahnfrau der heutigen Familie Napoleon. Sohn Joseph (1833 bis 1905) begründete die bis heute blühende "Josephs-Linie" des Hauses Habsburg-Lothringen. Von ihm stammen auch das Haus Thurn und Taxis, das Haus Urach und eine Reihe von Angehörigen des früheren Königshauses Sachsen ab.

Genealogisch besonders interessant wurde jedoch die älteste Tochter der Maria Dorothea, Erzherzogin Elisabeth (1831 bis 1903). Von ihr stammen die letzte bayerische Königin und viele Angehörige der königlichen Linie Bayerns ab und durch weitere Heiraten dieses bayerischen Hochadels eine Fülle von Hocharistokraten bis hin zum heutigen Chef des früheren Kaiserhauses Brasilien. Als gewichtigsten in der Nachfolge Maria Dorotheas sieht man jedoch zweifellos den spanischen König Juan Carlos an, der ein Ur-Ur-Urenkel von ihr ist.Quellen: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Stadtarchiv Kirchheim, Kirchheimer Amts- und Intelligenzblatt (später: Der Teckbote), Bayreuther Zeitung.Literatur: Fabiny, Tibor: Erzherzogin Maria Dorothea, Budapest, 1997 Lindemann, Martha: Die Heiraten der Romanows und der deutschen Fürstenhäuser, Berlin und Bonn, 1935 Lorenz, Sönke....: Das Haus Württemberg, Stuttgart, 1997 Mantel, Kurt: Geschichte des Weihnachtsbaumes, Hannover, 1975 Oehler, K. Eberhard: Maria Dorothea von Württemberg, Metzingen, 2003 Raabe, Peter: Wege zu Weber, Regensburg, 1942