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Vom länglichen Künstleratelier zum quadratischen Museum

Die Rundfahrten der Architektenkammer zu ausgewählten Bauobjekten erfreuten sich großer Beliebtheit. Auch wenn sich die letzte Etappe der jüngsten Rundfahrt der Kammergruppe Esslingen II zeitlich mit dem Beginn des Kirchheimer Stadtfests und der dort über die Bühne gehenden Übertragung des WM-Spiels Deutschland Schweden überschnitt, konnten gar nicht alle Interessenten berücksichtigt werden.

WOLF-DIETER TRUPPAT

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KIRCHHEIM Die Route war wieder sehr interessant zusammengestellt und führte zunächst in ein Künstleratelier mit Wohnhaus in Jesingen, dann zum Neubau eines Einfamilienhauses in Notzingen und dem vielversprechenden "Haus E" in Aichtal. Bei der letzten Etappe stand kein Privatbau im Mittelpunkt des Interesses, sondern die neugierige Frage, ob auch beim Neubau des Museums Ritter in Waldenbuch alles "quadratisch, praktisch und gut" ausgeführt ist und Architekt Max Dudler tatsächlich der Vorgabe gerecht wurde, "Dem Quadrat ein Museum" zu schaffen.

Überhaupt nicht quadratisch präsentiert sich freilich das erste Objekt, das mit einem Bauplatz von nur acht Metern Breite und 94 Metern Länge in der Kirchheimer Straße 54 in Jesingen keinesfalls ideale Voraussetzungen für eine Bebauung mitbrachte. Die architektonisch nicht leichte Aufgabe, auf diesem "Filetstreifen in zweiter Reihe" ein Künstleratelier mit Wohnhaus zu errichten, bedurfte erst des Aufstellens eines entsprechenden Bebauungsplanes, der die Verwirklichung eines einseitigen Grenzbaus erst möglich machte. Da dieser Bebauungsplan ein mindestens 50 Prozent geneigtes Dach vorschrieb, erhielt der vom Kirchheimer Büro Knoblauch - Luipold - Einselen ursprünglich geplante Flachdachbau schließlich ein Pultdach.

Wichtigster Teil des Hauses ist natürlich das durch großzügige Lichtstreifen mit Tageslicht versorgte Atelier, doch auch den zur Lindach führenden Garten nutzt die Malerin und Objektkünstlerin Gabi Finkbeiner gerne für ihr kreatives Tun. Schmuckstück des durch eine strenge Strukturierung der einzelnen Räume sich auszeichnenden Künstlerhauses ist aber zweifellos das großzügige Bad mit einer großflächigen Glasmosaikarbeit der Künstlerin.

Ein Einfamilienhaus in Holzständerbauweise Im Hülben 27 in Notzingen war das nächste besuchte Objekt. Das Kirchheimer Architekturbüro Weimann legte bei diesem Bau ganz besonderen Wert auf kostengünstiges Bauen unter ökologischen Gesichtspunkten und auf den Aspekt der Nachhaltigkeit. Der Energieeinsparung dient beispielsweise eine kontrollierte Be- und Entlüftungsanlage. Das Brauchwasser wird mit einer Solaranlage erwärmt und Regenwasser aus einer Zisterne dient als zusätzliches WC-Wasser und zur Gartenbewässerung.

Mit einer in die Betonplattes des schon vielversprechenden Entrees am Treppenaufgang eingelassene Plakette für gutes Bauen wurden die Teilnehmer der Architektenrundfahrt gleich am Eingang des "Hauses E" in Aichwald begrüßt. Sie konnten sich von der Ästhetik und spezifischen Raumatmosphäre des von Julia und Professor Hans Klumpp überzeugen und sich von Julia Klumpp in die unaufdringliche Architektursprache dieses eleganten Habitats einführen lassen.

Nach dem Blick aus dem das Wohnzimmer dominierenden großen und über eine Gebäudekante sich weiterziehenden Fenster und von dem anmutigen Sitzplatz stand noch das Museum Ritter in Waldenbuch auf dem Programm, wo nicht die Quadratur des Kreises in Angriff genommen, sondern der gelungene Versuch unternommen wurde, "dem Quadrat ein Museum" zu geben. Das Museum Ritter ist eine private Institution, die sich der Präsentation, Förderung und Vermittlung von vorwiegend geometrisch-abstrakter moderner Kunst widmet.

Den Kernbestand bilden Werke aus der Sammlung von Marli Hoppe-Ritter, der Enkelin des Firmengründers der Alfred Ritter Schokoladenfabrik. Besonders wichtig war für die Architektur von Max Dudler daher ein zu entwickelndes Lichtkonzept, das eine möglichst optimale Ausleuchtung der Räume garantiert und zugleich den erforderlichen konservatorischen Schutz der dort präsentierten empfindlichen Exponate gewährleistet.

Eine flexibel regulierbare Kunstlichtdecke sorgt im großen, fensterlosen Ausstellungssaal im Erdgeschoss für eine gleichmäßige Belichtung. In allen Ausstellungsräumen des Obergeschosses steht dagegen Tageslicht zur Verfügung, das für eine lebhaft diffuse Ausleuchtung sowie eine möglichst farbechte Farbwiedergabe der Exponate sorgt. In jedem der Räume kann die das Tageslicht ergänzende Mischung mit Kunstlicht individuell gesteuert und kontrolliert werden.

Wahrhaft "erleuchtet" konnten die mit vielerlei An- und Aussichten sowie fachkundigen Informationen reichlich versehenen Teilnehmer der kostenlosen Rundfahrt sich anschließend doch noch dem Thema Fußball-Weltmeisterschaften widmen. Trotzt Achtelfinale hielt das schon über Jahre kontinuierliche ansteigende Interesse an diesem Angebot der Architektenkammer an, das damit erneut beweisen konnte, dass etwas, das nichts kostet, trotzdem gut sein kann und im nächsten Jahr vielleicht doch gleich zwei Busse gebucht werden müssen, um alle anfragenden Interessenten zufrieden stellen und in den Genuss ausgewählter Objekte bringen zu können.