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Vom "Land des Christkinds" bis zu "Girlender" und "Kerlender"

ESSLINGEN "Geduld, Geduld, bald brennt der Baum" ungeduldige Kinder vertrösten, die Vorweihnachtszeit verkürzen, die Vorfreude erhöhen, das war und ist wohl der Zweck eines

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UTE FREIER

jeden Adentskalenders. Was sich zunächst Eltern und später Verlage einfallen ließen und lassen, um die Wartezeit zu versüßen, zeigt die Ausstellung "Hundert Jahre Adventskalender" im Stadtmuseum Esslingen.

"Uns hat der Vater am ersten Adventssonntag Kreidestriche auf die Türe gezeichnet, für die Sonntage ein farbiges Stricherl, und oben hat er einen Christbaum gezeichnet. Jeden Abend haben wir ein Stricherl weggewischt", so ein Zitat vom Ende des 19. Jahrhunderts, als Eltern in der Vorweihnachtszeit Einfallsreichtum beweisen mussten. Wohnungstüren wurden zweckentfremdet für Strichkalender; an kleinen Nadelbäumen wurden 24 Kerzchen und 24 Papiersterne mit biblischen Sprüche befestigt; Kinder durften jeden Abend einen Strohhalm in eine kleine Krippe legen, aber nur, wenn sie sich wohl verhalten hatten ein Brauch, der vor allem in katholischen Familien üblich war.

Selma Lang, eine Pfarrersfrau in Maulbronn, "nähte" ihren Kindern einen Kalender: In 24 Feldern, die sie auf einen einfachen Karton aufgezeichnet hatte, befestigte sie mit einem Faden je ein "Wibele". Ihrem Sohn Gerhard muss dies in nachdrücklicher Erinnerung geblieben sein, denn rund 20 Jahre später, als er Teilhaber einer lithografischen Anstalt war, entwarf er einen Weihnachtskalender, der 1904 als Geschenk dem "Neuen Tagblatt Stuttgart" beilag eine zündende Idee.

Mit seinem Kalender entführte Gerhard Lang die Kinder in das "Land des Christkinds". Dort waren rotbackige Engel damit beschäftigt, Bilderbücher aus dem Regal zu nehmen, Lebkuchen zu backen und den Schlitten mit Geschenken zu beladen. Selbstverständlich fehlte auch der Nikolaus als Helfer nicht. Jeden Tag durfte eines dieser Bildmotive ausgeschnitten und auf eine Vorlage geklebt werden, die unterteilt war in 24 Felder. Doch vor dem Aufkleben gab es auf jedem Feld ein Gedicht von Gerhard Lang zu lesen. Am 24. hatte man es dann schwarz auf weiß: "Das lange Warten ist nun aus, heut ist der Weihnachtstag."

Mit seinen Adventskalendern bescherte Lang nicht nur Kindern eine Freude. Auch er selbst schien Gefallen daran zu haben, denn in den nächsten 30 Jahren dachte er sich 40 verschiedene Formen aus: als Abreißblock mit Einklebealbum, mit Figuren zum Ausschneiden und Verschieben, gefüllt mit Schokolade, als Adventshaus zum Aufstellen. Der erste Adventskalender mit "Fensterläden" erschien 1934 ebenfalls in Langs Verlag. Die Idee, Türchen zu öffnen, war so neu, dass eine detaillierte Anleitung mitgeliefert wurde, wie der Laden mit Messer oder Schere gelöst und zur Seite gerollt werden kann, um Einblicke zu gewähren in das "Paradiesgärtl": auf Engelchen, Rehe, Hasen und Vögel.

Doch trotz allen Einfallsreichtums musste Gerhard Lang seinen Adventskalender-Verlag 1940 aufgeben. Aus seinem Nachlass hat die Volkskundlerin Esther Gajek, Lehrbeauftragte an der der Universität Regensburg, Kalender und Entwürfe erworben. Weitere Adventskalender kamen im Lauf der Jahre hinzu, sodass ihre Sammlung heute mehr als 3000 alte und moderne Adventskalender umfasst. Die hier ausgestellten Stücke zeigen, dass jeder Adventskalender seine Zeit widerspiegelt.

Als in der Zeit des Nationalsozialismus der Zentralverlag der NSDAP Kalender herausgab in Form kleiner Hefte mit Erzählungen, Liedern und Bildern, wurde aus Advent Vorweihnachten, aus der Heiligen Nacht die Wintersonnwende und aus dem Sankt Nikolaus der Schimmelreiter. Die biblische Geschichte trat in den Hintergrund, der Kriegsalltag herrschte vor. Kinder erhielten Anregungen zum Bauen eines Schneebunkers und zum Schreiben eines Feldpostbriefes an den Onkel, und beim Anzünden der vier Lichter auf dem "Sonnwendkranz" sagten sie Lichtersprüche auf.

Nach dem 2. Weltkrieg ging der Siegeszug des Adventskalenders weiter. Der Export in andere Länder bewirkte, dass religiöse Motive ersetzt wurden durch profane Motive, die auch in nichtchristlichen Ländern verkauft werden konnten: Auf den Kalendern beteten jetzt nicht mehr Maria und Josef im Stall von Bethlehem, sondern schmückten Bären im Wald einen riesigen Weihnachtsbaum, verpackten nicht mehr Engel Weihnachtsgeschenke, sondern trugen Micky Maus und Donald Duck den Weihnachtsbaum ins Haus.

Allein in Deutschland werden jedes Jahr etwa 1000 verschiedene Kalender produziert: vom Papierkalender mit Schokofüllung bis zum Kalender für Hunde und Katzen, gefüllt mit Spezialfutter, vom "Kerlender", der enthüllt, was Männer sich angeblich wünschen, bis zum "Girlender", hinter dessen Türchen weibliche Schönheiten warten, notdürftig umhüllt mit Weihnachtsmannroben.

Geöffnet ist die Ausstellung im Stadtmuseum am Hafenmarkt bis 23. Januar, von Dienstag bis Samstag von 14 bis 18 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 11 bis18 Uhr. Am 24., 25. und 26. Dezember ist die Schau geschlossen, am 1. Januar von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Am 23. Januar gibt es um 15 Uhr eine Führung.