Lokales

Vom Leinsamen bis zum Tischtuch

Es wurde "gebrochen", "geschwungen" und "gehechelt": Beim gestrigen Informationstag rund um den Flachs im Freilichtmuseum Beuren konnten Interessierte selbst Hand an die Halme legen. Mit "Breche" und "Schwingstock" bearbeiteten vor allem begeisterte Kinder die Flachsbüschel so lange, bis sie fein genug fürs Spinnrad waren.

BIANCA LÜTZ

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BEUREN "Flachsverarbeitung auf der Alb" lautete die Überschrift des Infotags, den das Beurener Museumsdorf im Rahmen des "Monats des Albtraufs" anbot. In und vor dem Laichinger Weberhaus erfuhren die Besucher bei Vorführungen und Mitmachaktionen Wissenswertes über Aussaat, Ernte und Verarbeitung des Flachses und konnten den Weg der Kulturpflanze, die früher auf der Schwäbischen Alb angebaut wurde, vom Leinsamen bis zum fertigen Tischtuch verfolgen.

"Am hundertsten Tag im Jahr wird der Flachs ausgesät, am zweihundertsten wird er geerntet", zitierte die Museumspädagogin Heidi Schubert eine Bauernregel. Die Regel wird dieses Jahr jedoch von einer Ausnahme bestätigt: Erst gestern wanderten die ersten Leinsamen in den Museumsacker: "Flachs mag keinen Frost", begründet Wolf Rühle vom Freilichtmuseum die "Verspätung".

Klopfen, Rascheln und Klappern kündigte schon von Weitem an, dass die Flachsverarbeitung vorm Weberhaus im Museumsdorf in vollem Gange war. Insbesondere Kinder, aber auch einige Erwachsene betätigten sich voller Eifer an den Arbeitsgeräten. Die gelb-grauen Flachsbüschel aus museumseigenem Anbau steckten sie als erstes in die "Breche" und ließen einen Hebel rhythmisch auf sie herabsausen, um die holzigen Kerne von der wertvollen Faser zu lösen. Beim "Schwingen" entfernten die kleinen Arbeiter per Schwingmesser die restlichen holzigen Teile und zogen die Fäden anschließend durch den "Hechel", bis die Flachsfasern wie feines, blondes Haar aussahen.

Wie das Material zu feinem Garn versponnen wird, demonstrierte Walburga Eberhardt aus Mehrstetten im Landkreis Reutlingen, die ebenso wie ihr Mann Jakob in die traditionelle Tracht der Laichinger Weber gekleidet war. Die Kunst, aus den rauen Fasern Fäden herzustellen, beherrscht sie bereits seit 60 Jahren. Gleichmäßig versorgte sie ihr Spinnrad mit den Flachsfäden, die auf einen so genannten "Kungel" gebunden waren. "Ich brauche ungefähr zwei Stunden, um eine Spule vollzukriegen", erzählte sie.

Die letzte Station in der Produktionskette führte die Besucher in den Keller des Weberhauses in die "Dunk". Dort verarbeitete die Textildesignerin Ingeborg Langbein aus Dettingen am Webstuhl bereits gefärbte Flachsfäden zu Tischdecken. Pflicht ist in der Dunk das unwirtliche und ungesunde Klima. "Beim Weben muss es feucht und kalt sein", erklärte Ingeborg Langbein. Das Material werde sonst brüchig und die Fäden rissen zu leicht ab. Schnell geht die Textilproduktion nicht gerade vor sich. "An einem Tag schaffe ich ungefähr ein bis zwei Meter Stoff", so Ingeborg Langbein.

"Bis zum 18. Jahrhundert war der Flachsanbau auf der Schwäbischen Alb sehr verbreitet", gewährte Heidi Schubert einen Einblick in die Geschichte des Leins. Die Nutzpflanze mit den leuchtend blauen Blüten wachse auch auf kargen Böden. Später jedoch verdrängte Baumwolle das teure Leinen. Der Grund für den hohen Preis des Garns liegt in der Produktion: "Flachs muss von Hand geerntet werden", betonte Wolf Rühle. Nur so blieben die Wurzeln intakt und schützten die Pflanze während ihres dreiwöchigen Reifeprozesses auf feuchten Wiesen oder Feldern, dem "Rösten", vor Schimmel.

Im Zweiten Weltkrieg erlebte der Lein einen weiteren Aufschwung: "Jeder Bauer musste per Verordnung eine bestimmte Menge an Flachs anbauen", erinnerte sich Walburga Eberhardt an ihre Kindheit. "Nach dem Krieg ist der Flachs dann aber schnell wieder verschwunden."

Fotos: Jean-Luc Jacques