Lokales

Vom Nektar zum Reinheitsprodukt

Honig, der älteste Süßstoff der Menschheitsgeschichte, zählt zu den reinsten Lebensmitteln

Bienen sind fleißige Helfer des Menschen. Die Insekten sammeln nicht allein Nektar, aus dem sie Honig herstellen. Mit ihrem Flug von Blüte zu Blüte leisten sie einen wichtigen Beitrag zu Vermehrung und Erhalt zahlreicher Pflanzen. Damit tragen sie einen wesentlichen Anteil am Aussehen der heutigen Kulturlandschaft. Und das seit etwa 100 Millionen Jahren.

daniela haussmann

Kirchheim/Frickenhausen. Seither hat sich viel verändert. „Wir sind heute in einer Situation, in der Bienen und andere Insekten durch den allgemeinen Strukturwandel in der Agrarwirtschaft unter Druck geraten“, sagt Dr. Klaus Wallner von der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim. „Mit den Veränderungen sind auch Pflanzen und Tiere verschwunden, die in der jeweiligen Entwicklungsphase der Landwirtschaft vorhanden waren und in Verbindung mit ihr funktionierten.“ Beispielsweise führe die Flurbereinigung zur Vergrößerung der Agrarflächen, damit nehme die Pflanzenvielfalt ab, ebenso die Ausweichmöglichkeiten der Bienen auf Streuobst- oder Blumenwiesen.

Untersuchungen Wallners an der Universität Hohenheim haben gezeigt, dass Bienen, die in Anbauflächen mit hohen Pestizidkonzentrationen Nektar gesammelt haben, in ihrer Honigblase relativ niedrige Belastungen aufwiesen. „Im Körper der Bienen ist es zu einer Reduktion der Wirkstoffe gekommen“, erklärt Klaus Wallner. „Bei einigen fettlöslichen Substanzen kam es zu einer radikalen Verminderung des Wirkstoffgehaltes. Offensichtlich diffundieren die Wirkstoffmoleküle in die Gewebewand der Honigblase.“ Dies lasse den Schluss zu, dass Bienen schon während des Sammelflugs Pflanzenschutzmittel aus dem Sammelgut abbauen könnten. „Der Nektar, der bei der Heimkehr in das Bienenvolk abgeliefert wird, weist daher eine deutlich geringere Kontamination auf“, fährt der Mann aus Frickenhausen fort. „Im Stock wird das Sammelgut weitergereicht. Der Nektar wird mit körpereigenen Substanzen angereichert und es wird dem entstehenden Honig Wasser entzogen. Dadurch entsteht ein Lebensmittel, das sich selbst konserviert und in den Zellen der Honigwaben gelagert wird.“ Weitere Messreihen mit Wachszellen hätten gezeigt, dass während der Lagerung des Honigs zusätzliche Reduktionseffekte entstehen. „Damit stellen Pflanzenschutzmittel nur selten ein Problem für die Honigqualität dar“, bringt Wallner die Erkenntnisse auf den Punkt.

Ein Sachverhalt, der Simon Hummel schon seit zehn Jahren fasziniert. 30 Völker mit jeweils 30 000 bis 40 000 Bienen hat er in seinem Garten in Kirchheim stehen. Weitere Völker baut er gerade auf. „Das ist nicht allein wegen der Varroa-Milbe nötig“, sagt der Pädagoge. „Eine Volksverjüngung ist im Jahresablauf der Imkerei integriert. Anfang Mai entnimmt man den Bienenvölkern Brut, inklusive der nachwachsenden Königin entsteht so ein neues Volk.“ Das verhindert auch das Schwärmen, bei dem sich die Bienen eine Baumhöhle suchen würden, um sich dort einen neuen Staat zu gründen.

Vor Kurzem hat er Larven in einem fingerhutgroßen Näpfchen, in eine Schicht Wachs eingebettet. Die werden auf eine Zuchtlatte gegeben und in ein königinnenloses Volk gehängt. Dort bleibt das Näpfchen bis zum zwölften Tag, bevor es in lockenwicklerartigen Käfig gesteckt wird. An seiner Unterseite befindet sich ein rundes Loch. „In das wird das Näpfchen mit der geschlüpften Königinnenlarve gesteckt“, so Hummel. „So wird verhindert, dass sie von den ­Arbeiter­ innen getötet wird.“ Bevor er die Öffnung mit dem Näpfchen verschließt, gibt er noch zwei bis drei Arbeiterbienen hinein. Die ernähren die Königin. „Das dauert drei Tage“, sagt der 35-Jährige. „Bis sie Eier ablegt dauert es nochmal neun Tage. Täglich produziert seine Königin zwischen 2000 und 3000 Eier.“ Bis es soweit ist, werden die Arbeiterinnen durch das Käfiggitter von jenen Bienen ernährt, die der Vorsitzende des Bezirksbienenzüchtervereins Kirchheim von ihrem alten Bienenstaat getrennt hat.

Anfang Mai hat für die Brummer die Saison begonnen. Bis Ende August werden die Winzlinge in einem Radius von bis zu drei Kilometern rings um den Stock die Gegend nach Blütensaft absuchen. Das übernehmen die Kundschafterinnen. Bienen orientieren sich bei ihren Ausflügen am Stand der Sonne. Wenn eine Späherin eine ergiebige Futterquelle gefunden hat, teilt sie das ihren Genossinnen im Volk mit. Das geschieht mittels Tänzen auf einer Wabe. Befindet sich die Blütentracht im Umkreis von 100 Metern um den Stock, wird das durch den so genannten Rundtanz signalisiert. „Dabei nehmen die mittanzenden Bienen mit ihren Fühlern den Duft der Blütenart vom Haarkleid der Tänzerin auf“, so Hummel. „In Abhängigkeit von der Anzahl der Kundschafterinnen, die alle die identischen Blüten ausgemacht haben, erkennen die Sammlerinnen, welche Tracht aktuell vermehrt vorkommt und genau die fliegen sie an.“ Liegt die Tracht weiter als 100 Meter entfernt, wird das durch den Schwänzeltanz angezeigt. Ein Drittel der Stachelträger fliegt dann zur Tracht, um Nektar zu sammeln. Ist die Honigblase gefüllt, geht’s zurück in den Stock, wo der süße Saft an Stockbienen weitergegeben wird. Die geben bieneneigene Stoffe hinzu und reduzieren den Wassergehalt. Die Bienen fügen dem Nektar Enzyme zu. Die verändern das Zuckerspektrum und hemmen das Bakterienwachstum.

Ein Teil der Arbeiterinnen schafft durch kräftiges Fächeln mit den Flügeln einen Temperaturausgleich zwischen Innen- und Außentemperatur. „Ist es draußen zu heiß, muss der Stock gekühlt werden, ist es kalt, dann bilden die Bienen eine Traube, die permanent um die Waben herum wandert“, so der Fachmann. „Im Winter lässt sich das sehr gut beobachten, denn Bienen halten keinen Winterschlaf. Im Innern herrscht deshalb immer eine Temperatur von 35 Grad. Außerdem wird der Wassergehalt des Nektars, der über dem Brutnest und den Wabenzellen ausgebreitet wird, durch das Fächeln mit den Flügeln auf 18 Prozent abgesenkt.“ Dann werden die Lagerzellen des Honigs mit einer luftundurchlässigen Wachsschicht überzogen. „Damit verdeckeln die Bienen die Waben“, erzählt der 35-Jährige. Alle sieben Tage wirft der Bienenzüchter einen Blick in seine Bienenstöcke. Wenn die Waben geschlossen sind, Experten sprechen vom Verdeckeln, weiß der Imker, dass der Honig geerntet werden kann. Dann füllt er Holzspäne oder Eierschachteln in seinen Smoker, eine Art Blechdose mit Blasebalk. Immer wieder bläst er mit ihm Rauch in den Bienenstock, um die Winzlinge nach unten in den Stock zu treiben. Die Bienen sind dann so beschäftigt, dass der Imker in Ruhe arbeiten kann.

Alle vier bis sechs Wochen erntet Hummel jenen süßen Stoff, den er später in Gläsern zum Verkauf anbietet. Die Waben gibt er in eine Honigschleuder. Durch die Zentrifugalkraft, die bei der Rotation entsteht, wird das süße Bienenerzeugnis aus den Waben gedrückt, die er zuvor mit einer Entdeckelungsgabel vom Deckelwachs befreit hat. Der Honig läuft von der Innenwand herab, bis er über den Auslaufhahn über ein Sieb in einen Auffangbehälter fließt. „Wenn der Honig ausgeschleudert ist, fängt er an zu kristallisieren“, weiß der Imker. „Damit die Zuckerkristalle klein bleiben und der Honig streichfähig bleibt, muss er gerührt werden. Wenn der Honig kandiert, wird er abgefüllt.“

Bis auf die Varroa-Milbe, die Hummel über den Winter etwa zehn Prozent seiner Bienen kostet, sei die Welt für Imker rund um die Teckstadt noch in Ordnung. Probleme mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft und vor allem mit dem Einsatz von Chemie auf den Äckern hatten Simon Hummel und seine Kollegen vom Bezirksbienenzüchterverein noch nie.

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