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Vom Paradies auf die Streuobstwiese

Grün, rot, gelb, groß, klein sauer und süß das ist bei Weitem nicht alles, was es über den Apfel zu sagen gibt. Er ist ein universeller Alleskönner. Vom Baum über die Frucht bis hin zum mythologischen Symbol präsentiert er sich in zahlreichen Varianten. Das Freilichtmuseum in Beuren würdigt der Deutschen liebstes Obst ab heute mit einer zweiwöchigen Ausstellung und zeigt Apfelsorten aus Omas Zeiten.

ALEXANDRA BOGER

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BEUREN Wilhelm Tell schoss den Apfel vom Kopf seines Sohnes, Schneewittchen fand beinahe den Tod durch einen vergifteten und selbst Isaac Newton soll einer auf den Kopf gefallen sein, woraus er seine Theorie zur Gravitation entwickelte. Der Apfel hält für lebensnahe Matheaufgaben hin, für Metaphern und manchmal ist er einfach nur der Happen für Zwischendurch. Für die ersten Menschen der Bibel wurde er zum Verhängnis, bedeutete den Verlust des Paradieses.

Unter dem Motto "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm" will das Freilichtmuseum zusammen mit dem Kreisverband der Obst- und Gartenbauvereine in Nürtingen auf die Vielfalt der Apfelsorten und die Besonderheiten des Apfels an sich aufmerksam machen.

Eine herausragende Rolle nehmen dabei die Streuobstwiesen ein, die der Gegend rund um die Teck ein unverwechselbares Gesicht geben. Im Gegensatz zu den Anbaugebieten am Bodensee finden sich hier Baumbestände, die bis zu 60 Jahre alt sind und Sorten beherbergen, die es damals noch von der Oma zu Weihnachten geschenkt gab.

Auf dem Weg nach Beuren bereits finden sich entlang der Straße alte Bäume, die dieses Jahr im Schnitt etwa eineinhalb Zentner Früchte pro Baum tragen. So können Ausstellungsbesucher schon auf der Hinfahrt etwas vom Paradies erahnen, das hier wieder erweckt und erhalten wird. So ist das Ökosystem "Streuobstwiese" nicht nur Lieferant verschienster Sorten von Äpfeln und anderem Obst, die sonst in Vergessenheit geraten würden. Es vereint auch Bäume jeden Alters, dient als Schutz vor Wind und Bodenerosion und bietet Herberge für bis zu 5000 Tierarten. "Wichtige Aufgaben in diesem Sinne sind Pflege und Erhalt der Bäume, aber auch Nachpflanzung und Verjüngung des Baumbestandes", beschreibt Steffi Cornelius, Museumsleiterin in Beuren, wichtige Ziele für die Zukunft des Apfels.

Wo man den "Geheimrat Oldenburg" neben "Kaiser Wilhelm" und "Lanes Prinz Albert" trifft, vermutet man sich auf einem königlichen Empfang. Doch sind es Namen der vitaminreichen Leckereien, die es im "Schafstall" des Freilichtmuseums zu betrachtet gibt. "Goldparmäne", "Luike" oder "Ontario" laden zum Reinbeißen ein.

Von den 3000 verschiedenen Apfelsorten Mitteleuropas kommen rund 60 in den Handel. "Letztlich entscheidet der Kunde, was angebaut wird", meint Albrecht Schützinger, Fachberater für Obst- und Gartenbau im Landkreis Esslingen. Im Klartext heißt das zunächst: Festigkeit des Apfels und Aussehen. Der Geschmack ist laut der Erfahrung des Obstfans erst das zweite Kriterium. Ertrag, Robustheit und Optik bestimmen somit den Apfelmarkt, doch auch vom Geschmack her gibt es einen großen Favoriten: "Elstar ist der Renner", weiß Ulrich Riecker, Vorsitzender der Obst- und Gartenbauvereine Nürtingen.

Alte Apfelsorten haben neben "Granny Smith" oder "Gala", der vor allem bei Kindern sehr beliebt ist, kaum noch eine Chance in der Obsttheke. Äpfel wie "Berlepsch", "Brettacher" und "Bohnapfel" bekommen in Beuren eine Sondervorstellung, die die Menschen sensibilisieren soll: Die Wahl des richtigen Apfels oder zumindest die Alternativen zum Einheitsapfel im Sechserpack eingehüllt in Styroporschale und Frischhaltefolie soll Thema werden.

Die hiesigen Streuobstwiesen laden dazu ein, Neues zu versuchen. So besteht beispielsweise die Möglichkeit

, bei der Beurener Apfelernte zu helfen und die Früchte seiner Arbeit sprichwörtlich zumindest teilweise gleich mitzunehmen. "Ich seh den Apfel anders, wenn ich ihn selbst aufgelesen hab", und das weiß Albrecht Schützinger aus einer Menge Erfahrung.

Auf eine ganz eigene Art können Kinder in museumspädagogischen Projekten vom "Baum der Erkenntnis" naschen: "Ich finde es spannend, wenn die Kinder mit ihren Tetrapacks und Cola-Dosen ankommen und dann begeistert selbstgepressten Apfelsaft trinken", hat die Museumsleiterin beobachtet.

Gute Aussichten für die Ernte dieses Jahr erwartet Ulrich Riecker: "Schädlinge haben eine eigenartige Population. Wir haben im Vergleich zu letztem Jahr viele Äpfel und gute Qualität".

Den Apfel kann man auch trinken, als Saft, Most oder gebrannt. Hautnah mitzuerleben ist das auf dem "Mostfest", am Wochenende vom 7. und 8. Oktober. Neben dem SWR-Fernsehen wird auch die Bodensee-Mostkönigin zu Gast sein. Die Zuschauer können den Weg des Apfels vom Baumschneiden bis zum Schnapsbrennen mitverfolgen.