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Vom Rösslein und den Formularen

"Herausforderungen für die Landwirtschaft in Baden-Württemberg." Über dieses Thema referierte die Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch beim Kreisbauerntag in der Dettinger Schlossberghalle am Samstag.

RUDOLF STÄBLER

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DETTINGEN Für ein wenig lockere Stimmung sorgte zu Beginn der Veranstaltung die Volkstanzgruppe der Landjugend Nürtingen. Das konnte den anwesenden Landwirten noch gefallen, nicht so dagegen die Schilderung ihrer Situation, bedingt durch die Agrarreformen der Europäischen Union.

Der Vorsitzende des Verbandes, Walter Vohl, versuchte zunächst eine Lagebeschreibung der Landwirtschaft mit einem kurzen Blick auf den Dettinger Hausherrn Bürgermeister Rainer Haußmann zu "bebildern". Er bezeichnete den Schultes als Marathonläufer, dem nie die Luft ausgehe, wobei er dasselbe auch von seinen Landwirten erhoffe. Angeprangert hat er in seiner Begrüßung auch die fehlenden Rezepte für die heimische Landwirtschaft und den immer größer werdenden Bürokratismus. Dass seine Worte nicht ungehört verhallten, wusste der Redner schon, hatte sich doch genügend Polit-Prominenz, Landrat und zahlreiche Bürgermeister in der Dettinger Halle eingefunden. Vohl brachte klar zum Ausdruck, dass durch die Einkommenseinbußen von rund zehn Prozent für die Landwirte keine Investitionen mehr möglich seien. Da die Preise im Direktverkauf noch "erträglich" seien, appellierte er an die Anwesenden, sich nach den Verbraucherwünschen zu orientieren, nur dann könne ein Betrieb erfolgreich sein.

Negativbeispiele hatte der Vorsitzende allerdings auch eine ganze Menge. So bezeichnete er den letztjährigen Preis für Mostobst als "Schande" und warf damit auch gleich die Frage nach der Pflege der Streuobstwiesen auf. Zum heftigst diskutierten Milchpreis gab er die Empfehlung, einfach die Menge zu reduzieren, nur so könne ein vernünftiger Erzeugerpreis erzielt werden. Zum Abschluss seiner Eröffnungsansprache zeigte er sich sicher, dass den Landwirten auch in den kommenden Jahren die Diskussionsthemen nicht ausgehen werden.

Nachdem in der Einladung zu diesem Kreisbauerntag die Gemeinde Dettingen kurzfristig zur Stadt Dettingen "befördert" wurde, hatte Bürgermeister Haußmann natürlich zu Dank herausgefordert, aber er hat gleich klargestellt: "Wir sind stolz darauf, ein Dorf mit Zukunft zu sein." Der Schultes betonte den äußerst behutsamen Flächenverbrauch in der Gemeinde, "wir wollen zunächst die bestehenden Baulücken im Ort schließen". Aber auch auf die Sorgen und Nöte der Bauern ging er ein, selbst aus einer Landwirtsfamilie stammend konnte er durchaus eigene Erfahrungen einbringen. So sei jeder Tag der letzten 30 Jahre eine Herausforderung für die Hofbesitzer gewesen und 80 bis 90 Wochenstunden durchaus an der Tagesordnung. Auch er forderte für die Landwirte verlässliche Grundlagen und Richtlinien. "Sie wollen ihr Geld durch eigene Arbeit verdienen und nicht nur noch von Subventionen leben." Auf den am morgigen Dienstag beginnenden März hatte der Bürgermeister auch noch was für die Landwirte parat. "Früher hat es geheißen: "Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt, heute heiße dies im Märzen der Bauer seine Anträge ausfüllt."

Landrat Heinz Eininger sprach kurz die Verwaltungsreform an. Diese hat festgelegt, dass ab dem 1. Januar der Landkreis für die Landwirte zuständig ist. Er wusste zu berichten, dass diese Reform bisher einwandfrei gelaufen sei und gemäß "Mannschaftsaufstellung" das Dezernat für Umwelt- und Technik für Land- und Forstwirtschaft zuständig ist. Darin mit eingebaut ist auch die Obstbauberatung. "Dieses Amt ist kundennah und zeitsparend", ist sich der Landrat sicher. Zur "Spieltaktik" forderte er für die Landwirtschaft eine berechenbare Politik, zumal der Druck durch die Osterweiterung der EU und der Agrarreform auf die Landwirte immer größer werde. Er legte den Anwesenden ans Herz, vor allem die Informationsveranstaltungen des Landwirtschaftsamtes zu besuchen.

Nach Meinung von Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch lege sich die Bürokratie langsam wie Mehltau über das Land, bat aber gleichzeitig die Bauern, ihre verschiedensten Anträge genauestens auszufüllen. Kritik übte sie an der geplanten "verdeckten" Feldbeobachtung. Nach ihren Worten plane das Umweltbundesamt in Berlin in Deutschland 600 Beobachtungen durch Firmen und Institute auf zufällig ausgewählten Feldern vorzunehmen. Dafür sollen 300 000 Euro Steuermittel aufgewendet werden. "Hier werden Forschungsmittel zu Schnüffelzwecken missbraucht", erklärte die Staatssekretärin. Den Verantwortlichen sei wohl nicht bewusst, dass die Landwirtschaft zu den am dichtesten kontrollierten Bereichen der Volkswirtschaft zähle.

Mit der Agrarreform, die seit 1. Januar 2005 in Kraft ist, wurden weitere Kontrolltatbestände eingeführt, denen sich die landwirtschaftlichen Betriebe im Zusammenhang mit Fördermaßnahmen der Europäischen Union mit den so genannten Cross-Compliance-Kontrollen stellen müssen, erläuterte Friedlinde Gurr-Hirsch. "Das Forschungsziel ist nicht zielführend. Wesentlich wichtiger wäre es, insbesondere die Abstandsregelungen zu Oberflächengewässern praxisgerecht zu gestalten, bevor Forschungsprojekte zur Überwachung der Landwirte durch den Steuerzahler finanziert werden", fuhr die Staatssekretärin fort. Um noch eins draufzusetzen: "Das bedeutet die Kriminalisierung des einzelnen Landwirts."

Bei der Versammlung informierte die Referentin auch über die aktuellen Veränderungen durch die Umsetzung der EU-Agrarreform in Deutschland und deren Auswirkungen auf die heimische Landwirtschaft. "Mit der Umlegung vieler Direktbeihilfen auf eine einheitliche Flächenprämie wird das Antragsverfahren mittelfristig für die Landwirte Erleichterung bringen", betonte die Staatssekretärin. An Stelle reiner Betriebsprämien, wie von der EU vorgesehen, werde es in Deutschland ab diesem Jahr eine Kombination aus Flächenprämien und betriebsindividuellen Prämienanteilen geben. Bis 2013 werde eine regional einheitliche Flächenprämie angestrebt.

"Landschaftlich reizvolle ländliche Räume, gepflegte Kulturlandschaften und offene Landschaften, Äcker und Wiesen verdanken wir ausschließlich unserer Landwirtschaft", sagte Gurr-Hirsch. Mit dem Landesprogramm MEKA (Marktentlastungs- und Kulturlandschaftsausgleich) und der Ausgleichszulage Landwirtschaft werde die Umsetzung der zentralen Anliegen der Landespolitik hinsichtlich Offenhaltung der Landschaft, Landschaftspflege und flächendeckende Landwirtschaft unterstützt. Einen Satz ließ sich die Staatssekretärin auch zur umstrittenen Gentechnik herauslocken: "Die ist nicht aufzuhalten, wir sind keine heile Insel."

Natürlich gab es beim Kreisbauerntag auch wieder Ehrungen. Zunächst gab es Urkunden für Betriebe, die an der Aktion "Gläserne Produktion 2004" teilgenommen haben. Urkunden entgegennehmen konnten die Familien Bosch (Lenningen), Gerber, (Kirchheim), Gölz (Nabern), Hemminger (Denkendorf), Jakob (Mühlhausen), Kerner (Dettingen), Kuch (Lenningen), Pfisterer (Unterensingen), Scharfenberger (Aichtal), Schnerring (Beuren) und die Ortsvorsitzende der Landfrauenverbände Lenningen und Schopfloch, Zeyfang.

Über die bestandene Prüfung im Ausbildungsberuf "Landwirt" konnten sich Sandra Haug, Esslingen, und Frank Handte, Filderstadt, freuen. Urkunden für die Meisterprüfung "Landwirt" erhielten Stefan Gölz, Nabern, und Sven Hild, Neuffen.

Ehrungen gab es für langjährige Ortsobleute. 30 Jahre aktiv waren: Werner Schnerring (Balzholz), Werner Veit (Kleinbettlingen), Paul Ziegler (Baltmannsweiler), Eugen Epple (Ruit) und Werner Krieg (Frickenhausen). 25 Jahre: Fritz Roth (Plattenhardt). 20 Jahre: Willi Hess (Neuffen). 10 Jahre: Dieter Gölz (Nabern).