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Vom "sinnlichen Vergnügen" des Wanderns . . .

OWEN Gerührt zu sein bekannte Stuttgarts Alt-Oberbürgermeister Manfred Rommel mit hintergründigem Lächeln, als er vom Kulturrat des Schwäbischen Albvereins beim

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IRENE STRIFLER

großen Teck-Fest am Samstag die Sebastian-Sailer-Medaille verliehen bekam. Die Rührung entsprang dem schlechten Gewissen: "Schließlich war ich immer nur ein mäßiger Wanderer", räumte der mannigfach Ausgezeichnete ein. Und das, obwohl ihn sein prominenter Vater, seines Zeichens Gebirgsjäger, in früher Jugend zum Wandern durchaus animiert habe.

Hängen geblieben ist aus dieser Zeit vieles, so zum Beispiel die Erkenntnis, dass jeder, der auf der Karte zur Orientierung die Höhenlinien statt der Wegzeichen wähle, große Überraschungen erleben könne. "Das Schwierigste ist immer, den Wegweiser zu finden", berichtete Rommel und schaffte damit sogleich den Schlenker zur Politik, in der es nicht anders sei.

Überhaupt konnte der unterhaltsame Redner, der seine Zuhörer mit neuen Geistesblitzen und alten Anekdoten unermüdlich zum Lachen brachte, erstaunlich viele Parallelen zwischen dem Wandern und der Politik entdecken. So charakterisierte er verschiedene Typen von Wanderungen. Zunächst wäre da die Rundwanderung, bei der Start und Ziel identisch seien. "Danach hat man sich bewegt, aber nicht verändert", lautete Rommels nüchternes Resümee. Genauso gehe es oft bei politischen Prozessen zu. Weiter gebe es die Nachtwanderung: Das Ziel ist klar, nicht aber Weg. "Da haut's einen uff d'Gosch", warnte Rommel und erkannte auch hier Parallelen. Zu guter Letzt sei da die Fahrt ins Blaue. Verblüfft nehme man am Schluss wahr, wo man sei, und wisse oft nur eines: Dass man da nie hinwollte.

Doch der Vollblutpolitiker erkannte im Wandern auch noch eine weitere Dimension: den Lustgewinn. "Wandern ist in den ersten 500 Metern ein sinnliches Vergnügen, danach wird's was für Sportsfreunde", meinte er. Gleich dem Sparen könne es sich demnach beim Wandern um wahre Lust handeln. Das Schönste daran: "Beide Arten von Sinnlichkeit sind von der Religion zugelassen." Die Sparlust werde dann ausgelöst, wenn man Geld, das man besitze, nicht ausgebe. Allerdings, räumte Rommel ein, sei es schwierig, die schwäbischen Tugenden Sparsamkeit und Sparlust in der Familie durchzusetzen. Natürlich hatte der Pragmatiker sogleich einen Trick parat: Alles, was die Lieben ohnehin schon haben, müsse eifrig durchgelobt und so der Wunsch nach Neuem im Keim erstickt werden.

Der populäre dichtende Politiker aus der Landeshauptstadt verschaffte den Zuhörern nicht nur Einblicke in die schwäbische Seele ganz allgemein, er sorgte auch dafür, dass die anwesenden Politiker ihr Fett abbekamen und sparte sich selbst bei Kritik nicht aus. Mit standing ovations wurde er schließlich verabschiedet, im Gepäck die neueste Auszeichnung in beeindruckender Größe mit dem Konterfei Sebastian Sailers.

Der Kulturrat des Schwäbischen Albvereins ehrt mit dieser Medaille in dreijährigem Turnus Mundartautoren, die mit Wortwitz, Ausdruckskraft und Darstellungsgabe die schwäbische Mundart lebendig und geistig anspruchsvoll nutzen. Helmut Eberhard Pfitzer vom Kulturrat, der die Laudatio hielt, erinnerte zuerst an den Namensgeber Sebastian Sailer, der im 18. Jahrhundert der erste Dichter war, der die Mundart seiner Heimat bewusst als Literatursprache einsetzte. So galt der Mönch und spätere Pfarrer als ausgesprochen volksnah und war bei den Bauern rund um Reutlingendorf und Dieterskirch sehr beliebt.

Dem Stuttgarter Alt-Oberbürgermeister bescheinigte Pfitzer, ganz im Geiste Sebastian Sailers nahe bei den Menschen zu sein. "Die Menschen mögen Manfred Rommel", betonte der Laudator, "sie spüren, da ist einer, der Lauterkeit zur Maxime seines Lebens gemacht hat. Einer, der den Widrigkeiten des Lebens mit Humor begegnet."

Rommel wurde 1928 als Sohn des legendären Generalfeldmarschalls in Stuttgart geboren und stieg nach dem Studium der Rechtswissenschaften in der Landesverwaltung schnell auf. 1974 wurde er als Nachfolger von Arnulf Klett zum Oberbürgermeister der Landeshauptstadt gewählt und mit überwältigender Mehrheit zweimal im Amt bestätigt. Dass er die Herzen nicht nur der Stuttgarter gewann, begründete Pfitzer damit, dass "er einerseits sehr geradlinig war und auch unbequeme Wahrheiten aussprach, aber auch, weil er seinen schwäbischen Dialekt bewusst einsetzte." Einen richtig erkannten Weg habe er verfolgt, auch wenn dieser vielleicht nicht populär war. Als Beispiel nannte der Redner die Entscheidung, die RAF-Mitglieder trotz Protesten auf dem Stuttgarter Dornhaldenfriedhof bestatten zu lassen, denn "mit dem Tod hört alle Feindschaft auf".

"Wir sind stolz darauf, Sie in unserer Mitte zu wissen", betonte Pfitzer, ehe Albvereins-Präsident Dr. Hans-Ulrich Rauchfuß dem prominenten Gast die Medaille aushändigte.