Lokales

Vom Sonntagsstaat zum hautengen Rennanzug

Der Schneelaufverein Lenninger Tal (SVL) gibt im Kirchheimer Kornhaus einen Einblick in 100 Jahre Vereins- und Wintersportgeschichte

Weder wärmende Funktionswäsche noch den Komfort eines Sessellifts hatten die Pioniere des Skisports 1910, als sie den Schneelaufverein Lenninger Tal (SVL) aus der Taufe hoben. Einen spannenden Einblick in die Entwicklung des Sports sowie in die Vereinsgeschichte zeigt bis Monatsende eine große Ausstellung im Kirchheimer Kornhaus. Am Samstag feierte die Schau zum 100-jährigen Bestehen des SVL ihre Eröffnung.

NICOLE MOHN

Kirchheim. Der Mann mit Anzug und Hut, die Frau mit Fuchspelzkragen – unweigerlich bleibt der Blick an den beiden Puppen hängen, die im Obergeschoss des Kornhauses inmitten der Ausstellung zeigen, wie die Anfänge des Skisports aussahen, als Otto Payer vor 100 Jahren den Schneelaufverein Lenninger Tal initiierte. Zwischen dem Pärchen und dem Sportler, der sich im hautengen Rennanzug in der Ecke durch zwei Slalomtore stürzt, liegen Welten. Kaum eindrucksvoller könnte zum Ausdruck kommen, welche Entwicklung der Skisport in den vergangenen hundert Jahren genommen hat. Und für die Snowboarder und Carver ist es kaum vorstellbar, mit welch einfachen Mitteln ihre Großeltern und Urgroßeltern sich einst aufmachten, um den Albtrauf für den Skisport zu erschließen.

Pionierarbeit war es, was vom SVL zum Anfang des vergangenen Jahrhunderts geleistet wurde und was „museumsreif“ aufbereitet im Kornhaus bis zum 30. Mai präsentiert werde, würdigte Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker den SVL. Allen voran Otto Payer, der eines der ersten Paar Skier ins Lenninger Tal gebracht hatte. Zuvor waren meist nur die Pfarrer auf den Brettern durch den Schnee zu ihren Schäfchen unterwegs.

Männer wie Payer waren es, die den Schneelaufverein in seiner hundertjährigen Geschichte prägten. Vorbilder wie Walter Jacob, Hans Lude und natürlich Otto Prem, der den SVL – so Matt-Heidecker – zu dem gemacht habe, was er heute sei. Ihnen hat der Verein in seiner Schau besonderen Raum gegeben: „Sie haben uns Werte wie Zuverlässigkeit, Anstand, Freundschaft auf unserem Weg mitgegeben“, erinnerte der heutige SVL-Vorsitzende Matthias Bankwitz in seiner Festrede zur Ausstellungseröffnung. Menschen wie ihnen sei es zu verdanken, dass der Verein seinen 100. Geburtstag feiern könne. „Der große Einsatz von Idealisten hat den SVL von Anfang an getragen und trägt ihn heute noch“, galt Bankwitz‘ besonderer Dank deshalb allen Ehrenamtlichen, die Ausfahrten, Rennen, Turniere, Zeltlager, Freizeiten und die vielen geselligen Veranstaltungen erst möglich machten.

Rosemarie Reichelt, Bruno Panni und ihre vielen Helfer sind eines von zahlreichen Beispielen für das große ehrenamtliche Engagement, das den SVL trägt. Gemeinsam haben sie unzählige Fakten, Bilder, Presseberichte und Erinnerungsstücke zusammengetragen – sowohl für die Ausstellung als auch für die umfangreiche Festschrift des SVL. Dazu gehören Bilder von unzähligen Freizeiten in Hinterglemm und von der Gastfamilie Eder vom Erlhof, die eigens zur Ausstellungseröffnung und zum Skiball am Abend angereist war. Oder von den gemütlichen Abenden im SVL-Haus bei Schopfloch, das 1927 errichtet wurde. Oder Zeitungsberichte über die vielen sportlichen Erfolge, die der Verein in seiner Geschichte feierte. Die Ausstellung zeigt den SVL nicht nur als reinen Wintersportverein, denn anders als der Name vermuten lässt, bietet der Klub auch außerhalb der Schneesaison ein umfangreiches Programm an – von Volleyball über Schwimmen bis hin zu Turnen, Boule und mehr – was nicht zuletzt zum Erfolg des Vereins mit seinen derzeit rund 950 Mitgliedern beiträgt.

„Sie haben früh erkannt, dass man das ganze Jahr Aktivitäten anbieten muss“, lobte denn auch Dr. Franz Steinle, Vizepräsident des Deutschen Skiverbands (DSV). Der SVL sei einer der aktivsten Vereine im Schwäbischen Skiverband, erklärte er und strich vor allem die vorbildliche Kinder- und Jugendarbeit des Kirchheimer Klubs heraus. „Sie haben einen gewichtigen Beitrag zur Entwicklung des Skisports geleistet“, bedankte er sich. Als Anerkennung überreichte er Bankwitz stellvertretend den Silberski des DSV.

Trotz aller Unterschiede zwischen gestern und heute, die der Verein in der interessanten Schau sowie filmisch und in Buchformat aufgearbeitet hat, zeigte sich Matthias Bankwitz zum Schluss seiner einführenden Worte überzeugt: „Der Kern ist geblieben.“ Auch heute noch habe der Skilauf die Faszination, die ihn zum erfolgreichen Volkssport gemacht hat. Und nach wie vor zähle es zu wichtigen Aufgaben des SVL, Kindern und Jugendlichen Heimat zu geben, ihnen Werte vorzuleben und Vorbild zu sein. Er zitierte dazu Dr. Richard Wiest, der zum 50-jährigen Bestehen des Vereins erklärt hatte: „Entscheidend ist nur der Geist, in dem der SVL weiterlebt.“

Die Basis, dass dieser Wunsch auch bis zum nächsten runden Geburtstag in Erfüllung geht, ist jedenfalls gelegt – auch das zeigen Ausstellung, Festschrift und der große Andrang zur Eröffnung der Schau.

Die Feierlichkeiten zum Jubiläum „100 Jahre Schneelaufverein“ gingen nach der Ausstellungseröffnung noch weiter: Im Anschluss an die feierliche Matinee, die von einem Trio der Kirchheimer Musikschule musikalisch umrahmt wurde, gab es Gelegenheit, bei einer mit der Firma Leki organisierten Autogrammstunde Manfred Mölgg zu treffen. Der Südtiroler hatte bei den Olympischen Spielen in Vancouver Platz sieben im Slalom alpin belegt. Am Nachmittag lockte Ricco Groß die Biathlon-Fans, und am Abend tauschten die SVLer beim Skiball die Bretter gegen die Tanzschuhe.

Am Donnerstag, 20. Mai, 19 Uhr, hält Dr. Falkner (Direktor des Deutschen Skimuseums in München) im Kornhaus einen Vortrag zum Thema „8000 Jahre Skigeschichte“.

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