Lokales

Vom Wettbewerb um kostbare Arbeitskräfte

",Gastarbeiter' in Kirchheim unter Teck 50 Jahre Arbeitsmigration": Hinter diesem sachlich-nüchternen Titel verbirgt sich nicht nur die neueste Publikation des Kirchheimer Stadtarchivs, in diesem Band stecken auch 50 Jahre Zeitgeschichte und sehr viele persönliche Geschichten.

ANDREAS VOLZ

Anzeige

KIRCHHEIM "Dieser Beitrag ist so wichtig, dass er nicht in einem dicken Band der Schriftenreihe erscheint, sondern als separate Broschüre", sagte Stadtarchivar Rainer Kilian gestern im Amtszimmer der Oberbürgermeisterin bei der Vorstellung der Broschüre. Neben den "klassischen" Themen lokaler Geschichtsschreibung möchte Kilian auch zeitgeschichtliche Schwerpunkte setzen. Einer davon sind die "Gastarbeiter", die 1955 erstmals in Italien angeworben wurden.

Derzeit leben rund 6 700 ausländische Mitbürger in Kirchheim, was einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von etwa 16 Prozent entspricht. Um diese Menschen müsse man sich kümmern, betonte Rainer Kilian und freute sich besonders darüber, dass er mit Renate Hirsch eine Mitarbeiterin gewinnen konnte, "die sich über 20 Jahre ehrenamtlich interkulturell betätigt hat und die besonders prädestiniert ist, sich mit großer Sachkunde dem Thema ,Arbeitsmigranten' zu widmen".

Die Autorin selbst zeigte gestern, wie sehr sie mit ihrem Thema verbunden ist: "Es war eine interessante Zeitreise für mich, in meiner Stadt, in meinem Land und in meiner Gesellschaft. Das ist ja auch unsere Geschichte und spiegelt wider, was sich bei uns in den letzten 50 Jahren getan hat." Es gebe sehr viele gelungene Biografien von "Gastarbeitern", aber auch Geschichten von Entbehrungen, beschränkten finanziellen Mitteln und beengten Wohnverhältnissen. Freundschaften, gute kollegiale und nachbarschaftliche Beziehungen seien zwischen Migranten und Deutschen entstanden, und dennoch gelte: "Oft weiß man nicht viel voneinander."

Auf 104 Seiten schildert Renate Hirsch in ihrem Buch, wie die Entwicklung der Arbeitsmigration in Kirchheim in mehreren Schritten abgelaufen ist. Als Grundlage dafür dienten ihr Teckboten-Berichte, Protokolle des Arbeitskreises Gastarbeiter, Dokumente der Stadt Kirchheim, Gespräche mit ausländischen Mitbürgern aus allen Anwerbeländern sowie Gespräche mit Kirchheimer Fachleuten, die durch berufliches oder ehrenamtliches Engagement mit dem Thema vertraut sind.

Vier Phasen hat die Autorin voneinander unterschieden: Die erste Phase beschreibt die Jahre zwischen 1955 und 1961, als vor allem "junge Männer voller Unternehmungslust und Heimweh" nach Kirchheim kamen. Es waren hauptsächlich Italiener, die in Betriebsunterkünften hausten und an eine baldige Rückkehr in die Heimat glaubten. Über die Arbeitsmarktsituation in dieser Zeit schreibt Renate Hirsch: "Seitenweise wurden im Teckboten freie Stellen angeboten; fast alle Berufszweige hatten dringenden Bedarf. Ein regelrechter Wettbewerb um die kostbaren Arbeitskräfte entbrannte, und mancher Kirchheimer Arbeitgeber scheute sich nicht, sie mit höheren Löhnen der Konkurrenz abzuwerben."

In der zweiten Phase zwischen 1962 und 1973 stellte sich bereits die Frage "Rückkehr oder Bleiben?", die sich aber durch die ersten Migrantenkinder in Kindergärten und Schulen, durch die Gründung ausländischer Vereine und durch den Kirchheimer "Arbeitskreis Gastarbeiter" beinahe von selbst beantwortete. Was Renate Hirsch dem Teckboten-Archiv in Bezug auf Italiener entnommen hat, gilt für Migranten aus allen Anwerbeländern. "Sie brauchen eine Beschäftigung, mit der sie ihre Freizeit ausfüllen können", heißt es da, "und einen Raum, in dem sie sich treffen und aussprechen können. Denn sie fühlen sich in ihren zum Teil nicht einmal heizbaren Zimmerchen und Unterkünften zurückgesetzt und einsam."

Eine weitere Schwierigkeit die Sprachproblematik schildert in dem neuen Buch unter anderem Eduardo Sanchez: "Ich bin 1961 nach Kirchheim gekommen und war unter den ersten fünf oder sechs Spaniern hier. Es war sehr schwierig für uns, denn wir konnten anfangs ja nicht einmal ,Grüß Gott' sagen." Innerhalb kurzer Zeit seien rund 1 000 seiner Landsleute nach Kirchheim gekommen. Firmen wie Rohrer oder Kolb&Schüle hätten gleich 100 auf einmal eingestellt.

Damit war es zu Beginn der 70er-Jahre vorbei, und 1973 kam es zum Anwerbestopp, der die dritte Phase einleitete: Die "Gastarbeiter" werden Kirchheimer, vor allem die zweite Generation, und die Stadt richtet einen Ausländerausschuss ein. Dessen Nachfolgegremium heißt inzwischen "Integrationsausschuss" und ist Bestandteil der letzten Phase in Renate Hirschs Buch. Inzwischen lebt nicht nur die dritte Migranten-Generation in Kirchheim. Es gibt auch einen Sozialplan "Menschen ausländischer Herkunft", und zum Alltag der Kirchheimer gehört außer der Pizza auch der Döner.

INFOBeim heutigen Präsentationstag des bürgerschaftlichen Engagements wird die Broschüre ",Gastarbeiter' in Kirchheim unter Teck 50 Jahre Arbeitsmigration" aus dem Hause GO Druck Media Verlag um 11 Uhr auf der Bühne vor dem Rathaus vorgestellt und zum Einführungspreis von fünf Euro verkauft. Im Buchhandel, in Rathaus, Museum und Stadtarchiv sowie am Schalter des Teckboten ist der Band ab sofort für sechs Euro erhältlich.