Lokales

Vom Wind wie ein Condor über die Berge getragen . . .

KIRCHHEIM Der Flieger, Globetrotter und Buchautor Hans Schneider, 65, flog mit einer kleinen Cessna 150, einem einmotorigen Schulflugzeug, um die Welt. Welche Abenteuer er dabei erlebte und welche Gefahren er zu bestehen hatte, darüber

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RICHARD UMSTADT

berichtet der Teckbote in einer lockeren Sommerserie aus Hans Schneiders Buch "Der Flug des Raben", das er am

Samstag, 10. September, von 9 bis 12.30 Uhr in der Kirchheimer Buchhandlung Schöllkopf signiert.

"Corvus" taufte der Autor seinen kleinen Blechflieger, nach seinem schwarzgefiederten Freund, dem Kolkraben. Mit ihm startete er am 2. Mai 1990 in Südfrankreich. Seine Flugroute führte ihn gen Osten in den Vorderen Orient und weiter nach Asien und Australien.

In Sydney verlädt Hans Schneider "Corvus" in einen Container und lässt ihn nach Südamerika schippern. Er selbst fliegt in einem Varig-Linien-Jumbo voraus. In Buenos Aires nimmt er seinen Blechvogel wieder in Empfang und folgt mit dem Raben der alten Route der Aeropostale-Flieger um Saint-Exupery. Auf seinem Flug entlang der Atlantikküste macht er in Bahia Blanca, Comodoro Rivadavia und Rio Gallegos Station, überquert die Magellanstraße nach Feuerland und landet auf dem südlichsten Flugplatz der Welt in Ushuaia. Von hier aus steuert der Abenteurer sein kleines Flugzeug wieder gen Norden und lässt sich auf der argentinischen Seite von den Anden leiten. Von Bariloche fliegt er nach Mendoza und landet dort direkt beim Aeroclub La Puntilla. Der Empfang ist ungemein herzlich. Ein Garten zum Zelten, ein Hangar zum Warten des Flugzeugs und das Restaurant im Hintergrund, das Sonderkonditionen bietet. Das Klima wie ersehnt ist im Schatten der hohen Anden angenehm mild.

Corvus wird einer radikalen Schlankheitskur unterzogen, denn Hans Schneider hat etwas ganz Besonderes mit ihm vor. Im Langstreckenflug nun schon sehr erfolgreich, soll der Rabe es Condoren gleichtun und in den Himmel steigen über die Anden. "El Corvus pasa".

Die Strecke ist ein Klassiker Flugpioniere vieler Länder flogen sie schon. Das Ziel: Santiago de Chile, auf der anderen Seite der Anden. Entfernung: nur 100 Kilometer. Geforderte Flughöhe: 4 300 Meter. Der französische Postflieger Jean Mermoz richtete diese Strecke der Aeropostale ein. Sein Kollege Guillaumet flog sie oft. Einmal ging's schief . . .

Mächtige Abwinde und Turbulenzen gilt es zu meistern, warnen die Piloten des Aeroclubs Mendoza. Aber Hans Schneiders Vertrauen zu Corvus ist unbegrenzt. Sie staunen nicht schlecht, als der deutsche Pilot seine Vorbereitungen abschließt. "Hombre, imposible!" Mit 100 PS nicht zu schaffen. Spät am Morgen hebt der Rabe ab und folgt dem Mendoza-Fluss, der sich unter bizarren Windungen ins Andenmassiv hineinbeißt. Unaufhaltsam wachsen die Felswände in schwindelnde Höhen. Genau verfolgt der Pilot 1 000 Meter unter ihm die Transanden-Straße, begleitet von Eisenbahnschienen. Ein unfehlbares Leitmotiv, denn beide führen nach Chile. Bei Uspallata, einer kleinen Stadt, ist der nördlichste Punkt erreicht. Das Mendoza-Tal schwenkt nach Süden.

Von Abwinden bisher verschont, zeigt der Höhenmesser der Cessna 3 050 Meter an. Diese Höhe wurde mit reiner Motorkraft erstiegen. Ab jetzt bietet der Rolls Royce nur noch Vortrieb, den Auftrieb muss indirekt die Sonne durch die Thermik schaffen. Drei Kilometer ist das steilwandige Tal breit, zahlreiche Felstäler der Westwand könnten bei intensiver Sonneneinstrahlung den nötigen Auftrieb spendieren.

Als die Route nach Südwesten abschwenkt, wird der einmalige Blick auf Amerikas Bergkönig frei. Der 6 962 Meter hohe Aconcagua wird nur von den Giganten des Himalajas überragt. Mit ewigem Eis und Firnschnee bekleidet, trägt er heute eine weiße Bischofsmitra auf seinem stolzten Haupt. Seine Stellung ist unkündbar, erhaben blickt er herab auf seine Untertanen aus Granit und Ergussgestein.

"Ich komme, du dicker Klotz!", ruft ihm Schneider zu. Der schweigt, es wird turbulent. Das Spiel um die Höhe beginnt. Schneider fliegt ins Seitental ein, um in der Thermik Höhe zu gewinnen. 180 Grad Kehrtwende und zurück zur Achse, um Strecke zu machen. Dabei werden oft 300 Meter gewonnen und über der Straße wieder verspielt. Beim nächsten Felsental wird Corvus wieder gehoben und fällt. Unerwartet kommt beim achten Versuch ein starker Stoß von unten. Er schleudert Mensch und Maschine spielerisch auf 3 965 Meter hoch, um dann wieder schlapp zu machen. Die Cessna sinkt träge auf 3 600 Meter zurück. Sekunden später greift ein noch mächtigerer Aufwind unter die Schwingen des Raben und lässt ihn bei 4 900 Metern "hängen".

Diese Flughöhe ist Rekord für ihn und seinesgleichen, und Hans Schneider feiert den Augenblick des Unwiderbringlichen.

Zwar muss der Blechvogel beim Anflug auf die Passhöhe noch 1 000 Meter Höhe opfern, doch schwupp mit genügend Clearance rutscht Corvus über das staumauerartige Hindernis, das eine Kupferstatue krönt: der "Christo", der sich diplomatisch an der Nord-Südgrenze ausrichtet. An ihm fliegt der Pilot nahe vorbei: "Gracias a Dios!"

Die abgeschabte Granitwand trennt die ungleichen Nachbarn. Ein schwarzes Loch hat Straße und Schiene verschluckt. Hans Schneider drückt die Nase der Cessna nach unten. Es geht abwärts. Der Vogel holt Fahrt auf. Nach wenigen Kilometern spuckt der Berg Straße und Schiene wieder aus. Der Rabe ist in Chile. Weich setzt er sich auf die Bahn des internationalen Flughafens der Capitale Santiago de Chile.

Seinen unerwarteten Erfolg, die Anden zu bezwingen, widmet der Globetrotter dem Flieger Guillaumet, der 1930 diese Strecke Mendoza Santiago als Postflieger hundertmal geflogen ist.

INFODas Buch "Der Flug des Raben" von Hans Schneider ist zu beziehen beim Autor selbst unter 01 79/7 68 08 53 oder unter bestellung@der-flug-des-raben.de Das reich bebilderte Werk kostet 42 Euro und wird vom Autor handsigniert geliefert. Es ist in Kirchheim aber auch in den Buchhandlungen Schieferle, Wellingstraße 24, Schöllkopf, Alleenstraße 3, und Zimmermann, Max-Eyth-Straße 3, sowie Schreibwaren Weixler, Dettinger Straße 11, zu bekommen.