Lokales

Vom Wollnashorn über fischende Ackerbauern bis zur Karolingerzeit

Für die Kirchheimer Stadtgeschichte, die am 24. November im Rahmen eines Festakts in der Stadthalle erstmals verkauft wird, hat Museumsleiter Rainer Laskowski das Kapitel über die Vor- und Frühgeschichte geschrieben. Zwangsläufig kann dabei nicht die spätere Stadt im Vordergrund stehen. Vielmehr geht es um die Landschaft und um die Funde, die von menschlichem und tierischem Leben zeugen.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Innerhalb des fünfköpfigen Autorenteams der neuen Kirchheimer Stadtgeschichte bezeichnet sich Rainer Laskowski als "Exot", was er folgendermaßen begründet: "Wir arbeiten mit anderen Quellen. Nicht mit der Schrift, sondern mit Gegenständen. Wir müssen den Objekten die Informationen aus der Nase ziehen, mit modernsten wissenschaftlichen Methoden."

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Wenn Laskowski "wir" sagt, meint er damit einerseits die weltweiten Vertreter seiner Zunft. Andererseits bezieht er sich konkret auf seine vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter der "Arbeitsgemeinschaft Archäologie". Über 40 Helfer haben den Kirchheimer Museumsleiter in den vergangenen 20 Jahren bei seinen archäologischen Tätigkeiten unterstützt. "Man braucht bei der Erforschung der Vor- und Frühgeschichte einen langen Atem. Da muss man dauernd Mosaiksteinchen oder Puzzleteile aneinandersetzen. Das hätte ich alleine gar nicht machen können." Kein Archäologe könne als Einzelkämpfer zu seinen Ergebnissen gelangen, "das geht nur im Team". Auch auf die Arbeit seiner Vorgänger ist Rainer Laskowski unbedingt angewiesen.

Zu den modernen wissenschaftlichen Methoden der Archäologen gehört die Altersbestimmung nach der 14-C-Datierung. Anhand des radioaktiven Zerfalls des Kohlenstoff-Isotops 14 C lässt sich der Todeszeitpunkt eines Organismus bestimmen. Erst seit wenigen Tagen weiß Rainer Laskowski durch eine Analyse des physikalischen Instituts der Universität Nürnberg-Erlangen, wie alt der älteste Fund auf Kirchheimer Markung tatsächlich sein muss. Bei diesem Fund handelt es sich um Zahnwurzelreste eines Wollnashorns, die vor über 50 Jahren bei Bauarbeiten im Bereich der Notzinger Steige ans Tageslicht gekommen waren. Das dazugehörige Tier ist vor etwa 24 500 Jahren gestorben.

Die ältesten Tierreste, die bislang in der gesamten Gegend rund um Kirchheim aufgefunden wurden, stammen aus der Sibyllenhöhle unterhalb der Teck und sind noch einmal über 20 000 Jahre älter als das Wollnashorn. "Diese Tiere sind noch dem Neandertaler begegnet", weiß der Kirchheimer Museumsleiter zu berichten, "unser Kirchheimer Wollnashorn sicher aber schon der Spezies Homo sapiens, unserem direkten Vorfahren."

Damit kommt Rainer Laskowski auf die Geschichte der Menschen im Kirchheimer Raum zu sprechen. "Wo heute Kirchheim liegt, hätte man in der Jungsteinzeit nicht siedeln können", begründet der Museumsleiter, warum er in seinem Kapitel eher über die Landschaftsgeschichte schreiben musste als über Stadtgeschichte im engeren Sinn. Die Siedlungsareale im Neolithikum liegen allesamt in Hanglage, zwischen der heutigen Autobahn und Kirchheim beziehungsweise Ötlingen. "Das Tal war wohl zu versumpft und zu nass. Die jungsteinzeitlichen Ackerbauern sind wahrscheinlich nur zum Fischen hier runtergegangen", vermutet der Experte.

Der erste Beleg dafür, dass die Niederungen besiedelt waren, stammt aus der frühen Bronzezeit, um 2000 vor Christus: In der heutigen Stuttgarter Straße waren 1938 Hockergräber gefunden worden. "Wenn man in der Niederung bestattet hat, war sie auch besiedelbar", schließt der ehrenamtliche Beauftragte des Landesdenkmalamts für den Stadtbezirk Kirchheim daraus. Ein "High-Tech"-Land war das heutige Baden-Württemberg damals übrigens nicht, weil die Rohstoffe fehlten ein Problem, das im Lauf der Geschichte immer wieder auftaucht. Nur einmal gab der Boden einen wertvollen Rohstoff her, der den Übergang von der späten Bronzezeit in die ältere Eisenzeit markiert. "Da beginnt eine neue Phase", sagt Rainer Laskowski im Gespräch. "Das hat wahrscheinlich mit der Eisenverhüttung zu tun. Auf der Schwäbischen Alb gab es Bohnerze." Funde von Eisenbarren weisen zudem auf den Handel mit dem Rohstoff hin, was eine regelrechte Produktion bedeutet: "Man hat hier Eisen hergestellt, zu Barren gegossen und dann verhandelt."

Wie die wirtschaftlichen Verhältnisse und die Bevölkerungsentwicklung bereits in der späten Bronzezeit miteinander in Zusammenhang standen, macht Rainer Laskowski ebenfalls deutlich: "Da hat bei uns wieder eine intensivere Besiedlung begonnen." Größere Siedlungen entwickelten sich auf dem Plateau des Teckbergs, am Burrenhof oder am Heidengraben. Der Höhepunkt der keltischen Zivilisation ist für Laskowski mit den stadtartigen Siedlungen im fünften vorchristlichen Jahrhundert erreicht. Abermals betont er, was die Früh- und Vorgeschichte von der späteren Zeit und von der Geschichtsschreibung anhand schriftlicher Quellen unterscheidet: "Man darf nicht nur im mittelalterlichen Stadtzentrum von Kirchheim suchen, man muss auch in die Fläche gehen." Keltische Funde seien aber aus dem Stadtgebiet nachgewiesen, zumindest aus dem heutigen etwa beim Bauhof in der Liebigstraße.

Bei der Frage nach römischen Funden im Stadtgebiet muss Rainer Laskowski allerdings passen. Allenfalls Streufunde oder Scherbenreste gebe es. Mit dem Einrücken der Römer in der Zeit um 40 vor Christus sei jedoch die keltische Zeit und mit ihr eine tausendjährige Kulturtradition zu Ende gegangen. Auf die Römer folgten die Germanen beziehungsweise die Alamannen: "Beginnend ab 300 nach Christus haben sie das Gebiet aufgesiedelt", erzählt Rainer Laskowski. "Damit beginnt die Zivilisation, die wir heute noch haben. Die Alamannen haben die heutige Siedlungsstruktur gegründet. An fast jedem Ort hier haben wir alamannische Friedhöfe."

Kirchheim hatte sogar zwei alamannische Siedlungen, was sich anhand der älteren Gräber aus dem Rauner und der jüngeren Gräber aus dem Paradiesle herleiten lässt. Erfolgt sind die Funde allerdings in der umgekehrten Reihenfolge, was an der neuzeitlichen Besiedlung liegt. Beim Bau des alten Bahnhofs und des Wohngebiets im Paradiesle sind die eigentlich jüngeren Alamannengräber zwischen 1864 und der Jahrhundertwende entdeckt worden. Die älteren Gräber dagegen fanden die Kirchheimer Archäologen erst im 20. Jahrhundert, in diversen Schüben: Ende der 20er- und Mitte der 50er-Jahre, und dann 1970 und 1994, im Zusammenhang mit dem Schul- und dem Kindergartenbau zwischen Bismarck- und Armbruststraße.

Die "Sensation" dieser Gräber ist bereits vor rund 35 Jahren gefunden worden. Ihre Bedeutung wurde allerdings erst jetzt bekannt, durch die Ausstellung "Imperium Romanum" in Karlsruhe. Die "Terra-sigillata"-Schüssel aus dem späten 5. oder frühen 6. Jahrhundert weist christliches Rollenstempeldekor auf. Bislang hatten Goldblattkreuze aus der Zeit um 600 als die frühesten christlichen Zeugnisse in Kirchheim gegolten. Die Entwicklung des Christentums bezeichnet Rainer Laskowski aber als "einen Prozess, der sich über mehrere Generationen hinzieht". So finden sich noch in dem Grab aus der Zeit um 650, das vor 50 Jahren in der Martinskirche gefunden wurde, unterschiedliche Beigaben, die sowohl christliche als auch heidnisch-germanische Symbole aufweisen.

Noch einmal rund 100 Jahre sollte es dauern, bis sich das Christentum dann endgültig durchgesetzt hatte: "Erst in der Karolingerzeit wurden die Grabbeigaben verboten", berichtet Rainer Laskowski. Für die Entwicklung des Christentums war das ein entscheidender Fortschritt, für die Archäologen allerdings ist es aus heutiger Sicht mehr als bedauerlich.